//

Ultimativ

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ultimativ

Auch dieser Konflikt hat seine Regeln, Farb.

Tilman schenkte Tee ein und nahm einen Keks.

Einer ist der Schurke, die anderen sind gut?

Mag sein, Farb, aber das spielt keine Rolle.

Ich denke, doch, Tilman.

Wichtig wird sein, wer sich letztlich durchsetzt, da ist jedes Mittel recht, und Fragen der Moral drängen danach, Partei zu ergreifen, da stimme ich dir zu, keine Frage, sie werden unvermeidlich zu einem Instrument der Auseinandersetzung, eingesetzt vorzugsweise zugunsten der Schwächeren, jedoch als ein Nebenkriegsschauplatz, human touch gewissermaßen, teils mehr, teils weniger propagandistisch eingefärbt, fake news, Schlagzeilen, erschütternde Bilder, die Grenzen sind fließend, man muß mißtrauisch sein, erinnern wir uns an Saddam Hussein, an Gaddafi oder Osama Bin Laden, sie wurden mithilfe der Medien als Schreckgespenster gezeichnet, unvergeßlich, als dämonische Figuren.

Das half, oder?

Mag sein es waren dennoch Pyrrhussiege der Industrienationen, aber wie gesagt, Fragen der Moral können eine wirkungsvolle Waffe im Krieg sein, im Krieg sind alle Mittel recht, Farb, doch schließlich setzt sich durch, wer die Macht hat.

Militärisch.

Militärisch, ja, und die Drohung mit einem Atomschlag ist bereits eine ultimative Waffe.

Die Sonne fiel warm in das Zimmer, Tilman rückte an den Couchtisch heran und bemühte sich um eine schmerzfreie Sitzhaltung.

Anne goß in der Küche Tee auf, Yin Zhen.

In diesem Fall für den Angreifer.

Er hat Vorteile, Farb, er ist überlegen.

Weshalb verhandeln sie nicht endlich, ein Waffenstillstand wäre vernünftig, jeder weitere Tag fordert neue Opfer auf beiden Seiten – Hochmut kommt vor dem Fall?

Die kämpfenden Parteien unterliegen Denkmustern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, einem zugespitzten Patriotismus, überhöht mit heldenhaften Inszenierungen, Topoi der Männlichkeit, Verteidigung des Vaterlandes usw. usf., abgegriffene Klischees allesamt, die man sich heutzutage nicht antun sollte, es sind andere Zeiten, hinzu kommt der Hautgout eines ehemaligen TV-Moderators, ein höchst befremdlicher Beigeschmack, abstoßend, es ist nicht lange her, daß wir das in den Vereinigten Staaten kennenlernen durften, gescheiterte Lebensentwürfe, die Situation ist grenzwertig, Farb, zwei störrische Esel, so möchte man am liebsten meinen, und hinzu kommt der geopolitische Umbruch, eine sich international anbahnende neue Rollenverteilung.

Ausweglos?

So könnte man sagen, und die Weiterungen sind furchterregend.

Die Blockade der Weizenversorgung und drohende Hungersnot vor allem in Afrika?

Ein Pulverfaß, Farb, die Konsequenzen sind nicht absehbar, die Situation ist hochgradig emotionalisiert, selten wahrt jemand noch kühlen Kopf, in den besetzten Regionen organisieren sich erste Partisanengruppen, geh davon aus, Farb, daß der Konflikt sich unter diesen Bedingungen über Jahre hinziehen wird.

Anne schenkte Tee ein und stellte die Kanne auf das Stövchen.

Für sie sei die Situation vor allem unübersichtlich, und die Sanktionen, sagte sie, fielen den europäischen Staaten schwer auf die Füße, wie werde das ausgehen.

Der Mensch gebe eh seinen Ausstand, sagte Farb, und zwar auf alle erdenkliche Weise, genieße den extremen Rausch und nehme Rücksicht auf nichts und auf niemanden, loderndes Feuerwerk, bunte Wasserspiele, eine Inszenierung ohne Beispiel, carpe diem auf allen Ebenen, maximal radikal, der Planet trage nach besten Kräften dazu bei.

Tilman erschrak und griff nach einem zweiten Keks.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Demokratienachhilfe

Nächster Artikel

Gut gebrüllt, Löwin!

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Ramses IX.

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ramses IX.

Ramses lächelte. Wie abenteuerlich, sich in fremden Gegenden und Kulturen herumzutreiben und einen Eindruck von den Menschen zu gewinnen, durchaus interessant, gewiß, die Kultur der Industriegesellschaft ist hochentwickelt, außerordentlich leistungsbezogen, auch wenn sie seit lediglich zwei Jahrhunderten besteht. Unmengen von Menschen bevölkern den Planeten, das würde ihm niemand glauben, und für sie muß gesorgt werden, da nimmt die Verteilung auch urwüchsige Züge an, der zivilisatorische Standard droht zu kippen, das wird man verstehen.

Irrfahrt mit dem Navigator

Kurzprosa | Hartmut Lange: Der Lichthof

»Es gibt kein Problem, das man nicht aus der Welt schaffen kann. Man muss nur verstehen, worum es geht«, lässt der inzwischen 83-jährige Hartmut Lange eine seiner Figuren, den Politologen Ronnefelder gleich zweimal sagen. Das klingt Lange-untypisch, fast simpel, beinahe wie ein Kalenderspruch aus einem philosophischen Ratgeber. Vom Berliner Novellisten ist man anderes gewohnt: jede Menge Düsternis, Rätselhaftigkeiten, tiefe seelische Abgründe und bisweilen schaurige Naturbeschreibungen, die er zumeist an einsamen Ufern der vielen Seen im Berliner Umland angesiedelt hat. PETER MOHR hat den neuen Novellenband von Hartmut Lange Der Lichthof gelesen.

Ohnmacht

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ohnmacht

Sie können sich das nicht erklären, sagte Farb, nein, sie waschen die Hände in Unschuld.

Von wo er komme, fragte Annika.

Exakt, sagte Farb, woher er komme, der Haß, so unerwartet, das frage man sich, so heftig, wer solle das verstehen, es handle sich um einen grundlegenden Klimawandel im sozialen Leben, wie könne das sein, Rettungsdienste würden angegriffen, Feuerwehren in der Arbeit behindert.

Eine gemischte Biografie

Menschen | Monika Maron zum 75. Geburtstag Zum 75. Geburtstag von Monika Maron (am 3. Juni) erscheint der Band Krähengekrächz. PETER MOHR gratuliert der Schriftstellerin.