»Das Leben ist ein Gänsespiel« (Johann Wolfgang von Goethe)

Kinderbuch | Anne-Ruth Wertheim: Das Gänsespiel

Das Gänsespiel ist ein traditionelles Brettspiel und eines der ältesten Brettspiele Europas, das man in vielen Ländern kennt und das als eine Art Prototyp vieler moderner Würfel- und Laufspiele gilt. Anne-Ruth Wertheim spielt es als Kind während des Zweiten Weltkriegs im japanischen Internierungslager in Indonesien. Von ANDREA WANNER

Vorne im Buch findet sich eine Weltkarte aus dem Jahr 1940. Braun eingezeichnet ist Niederländisch-Indien, das heutige Indonesien und bis 1949 niederländische Kolonie. Während des Zweiten Weltkriegs war das Gebiet bis zum Kriegsende in japanischer Hand. Die Japaner übernahmen 1942 die Macht und steckten die niederländische Bevölkerung in Lager, die indonesischen Einwohner und Einwohnerinnen wurden zu ihren Bewachern.

Vor dem Hintergrund des Pazifikkrieges erinnert sich Anne-Ruth Wertheim an ihre Zeit im Lager, als sie ein achtjähriges Mädchen war und dort mit ihrer Mutter – der Vater war in einem Lager für Männer untergebracht – und ihren beiden Geschwistern untergebracht. Die Mutter hatte für die Kinder in kluger Voraussicht Papier und Farbstifte mitgenommen – kostbares Gut – und animierte sie, ihre Erlebnisse in Bild und Schrift festzuhalten. Die kleinen Zeichnungen sind erhalten und so finden sich in dem Buch Szenen, wo die erwachsenen Bewohnerinnen unter der Dusche stehen oder die Mädchen in einer Reihe die Latrinen, einfach Löcher im Boden, benutzen. Es gibt Bilder, die einheimische Indonesier und Indonesierinnen zeigen, die Frauen mit Babys in Tragetüchern und die Männer mit Körben an Tragestöcken über den Schultern. Der Appell, der zweimal täglich stattfand und die reine Schikane war, wird dargestellt. Ein Lager nach dem Modell, wie die Nazis sie in Deutschland eingerichtet. Und auch in Indonesien wurden schließlich die jüdischen von den nichtjüdischen Insassen getrennt: Anne-Ruths Mutter behauptete daraufhin, sie sei Jüdin, um nicht von ihren Kindern mit jüdischem Vater getrennt zu werden.

Und dann gab es als Zeitvertreib noch das Gänsespiel, handgezeichnet von der Mutter, mit vielen kleinen Einzelheiten wie dem Laden, in dem es zu Beginn der Lagerzeit noch Dinge zu kaufen gab, den Wehrtürmen oder dem Feld 58, das den Tod in Gestalt eines Schädels und einer Sense zeigte.

Anne-Ruth Wertheim wagt 1994 – da erschien das Buch in den Niederlanden – einen Rückblick auf dunkle Zeiten. Gemeinsam mit ihren Geschwistern sichtet sie die Dinge, die an das japanische Internierungslager erinnern, und macht daraus ein Buch. Es wird ein Kinderbuch, weil vieles damals aus Kinderaugen gesehen wurde, aber es wird auch viel mehr. Es wird ein Buch, das über Opfer und Täter, über Gut und Böse, über Machthaber und Unterdrückte, über Krieg und Frieden nachdenkt. Ein zeitloses Zeitdokument, das mahnt, das das Alltägliche im Schrecklichen und den Willen zu überleben zeigt.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Anne-Ruth Wertheim: Das Gänsespiel
Meine Kinderjahre im Internierungslager auf Java
(De gans eet het brood van de eenden op, 1994)
Aus dem Niederländischen von Ingrid Ostermann
Basel: Baobab Books 2023
52 Seiten, durchgehend farbig illustriert, 22 Euro
Kinderbuch ab 9 Jahren
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