/

Die wahre Tochter Südafrikas

Menschen | Vor 100 Jahren wurde Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer geboren

»Nadine Gordimer ist eine der ganz großen literarischen Stimmen unserer Zeit. Als Meisterin ihres Metiers verbindet sie politische Themen, literarischen Anspruch und sprachliche Ästhetik in einem harmonischen Ganzen«, hatte vor 15 Jahren der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber in München in seiner Laudatio zur Verleihung des Internationalen Corine Buchpreises für Nadine Gordimers Lebenswerk verkündet. Von PETER MOHR

Sie hat lange und unerbittlich gegen das Apartheidregime gekämpft. Umso größer war ihre Enttäuschung über die später folgende politische Entwicklung Südafrikas. In ihrem letzten Roman ›Keine Zeit wie diese‹ (2012) erzählte die in ihren letzten Lebensjahren völlig desillusionierte Nadine Gordimer von der Vetternwirtschaft der einstigen Helden des ANC – von Korruption, Egoismus und politischer Inkompetenz.

Gegen das einstige südafrikanische Unrechtsregime der Weißen hat sie zeitlebens in ihren Büchern gekämpft, die in der Heimat viele Jahre lang der Zensur zum Opfer fielen und zumeist in England erstveröffentlicht wurden. Die südafrikanische Zeitung ›Business Day‹ konstatierte zutreffend: »Lange, bevor es populär wurde, hat Nadine Gordimer die Apartheid verurteilt.«

Als Nadine Gordimer 1991 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, reagierte die südafrikanische Autorin mit Erstaunen und Zurückhaltung. »Ich hoffe nicht, dass ich diese Auszeichnung für mein Engagement gegen die Apartheid bekommen habe«, so ihr kritischer Kommentar.

Das entschiedene Eintreten gegen die Apartheid verband sie mit ihrem Landsmann J.M. Coetzee, der 2003 von der Stockholmer Akademie ausgezeichnet wurde und zu dessen ersten Gratulanten Nadine Gordimer damals zählte: »Er ist ein guter Freund und ein großer Schriftsteller.« Wie Coetzee, der inzwischen in Australien lebt, hatte auch Nadine Gordimer ein sehr ambivalentes Verhältnis zu ihrer Heimat: »In den 70er Jahren haben mein Mann und ich darüber nachgedacht, nach Zentralafrika, nach Sambia auszuwandern. Ich habe immer gesagt, ich bin Afrikanerin und bleibe in Afrika. Aber auch dort wären wir Außenseiter gewesen. Südafrika ist der Ort meiner Wirklichkeit.«

Die Nobelpreisträgerin, die der ANC-Politiker Walter Sisulu als »wahre Tochter Afrikas« bezeichnete, wurde am 20. November 1923 in der Goldgräberstadt Springs bei Johannesburg als Tochter eines jüdischen Juweliers aus Litauen und einer konservativen Engländerin geboren. Dieses familiäre Spannungsfeld bildet auch den erzählerischen Rahmen ihres Romanerstlings ›Entzauberung‹ (1953). Die Rassentrennung mit all den daraus resultierenden negativen Facetten hat Nadine Gordimer später als literarisches Sujet immer wieder aufgegriffen, so in ›Fremdling unter Fremden‹ (1958) und dem im deutschen Sprachraum erstmals beachteten Roman ›Burgers Tochter‹ (1981). Dieses Buch hat Nadine Gordimer in einem Interview neben dem ›Besitzer‹ (dt. 1989) als ihr Lieblingsbuch bezeichnet.

Die späteren umwälzenden gesellschaftlichen Veränderungen in ihrer Heimat am Kap nahm sie bereits 1982 in ihrem Roman ›Julys Leute‹ vorweg. Der psychologische Realismus des 19. Jahrhunderts (etwa wie bei Charles Dickens) findet sich in Nadine Gordimers Werken ebenso wieder wie Einflüsse ihrer deutschsprachigen Vorbilder Robert Musil, Thomas Mann und Max Frisch.

»Fiktion beginnt immer mit den Fakten. Sie erkundet sie, sie beobachtet das Leben von Menschen«, hat Nadine Gordimer einmal ihr eigenes literarisches Credo treffend charakterisiert. Bis ins hohe Alter war sie immer noch eifrig literarisch tätig. 2006 war der (inhaltlich ein wenig überfrachtete) Roman ›Fang an zu leben‹ erschienen, 2008 der Erzählband ›Beethoven war ein Sechzehntel schwarz‹, in dem sie sich mit dem Tod ihres 2001 verstorbenen, langjährigen Lebensgefährten Reinhold Cassirer auseinandergesetzt hat und 2012 der bereits erwähnte Roman ›Keine Zeit wie diese‹.

»Hohes Alter allein ist keine Leistung. Was zählt, ist, was man aus den Jahren gemacht hat.« Diese Sätze hatte Nadine Gordimer an Nelson Mandela zu dessen 90. Geburtstag geschrieben. Was beide verband, war neben dem hohen Alter ihre beeindruckende Lebensleistung.

»Schreiben ist für mich ein Versuch, den Geheimnissen des Lebens auf die Spur zu kommen«, hatte Nadine Gordimer 1988 in einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse bekannt.

Am 13. Juli 2014 ist die Nobelpreisträgerin des Jahres 1991, die leidenschaftliche Kämpferin für Gerechtigkeit und bekennende Südafrikanerin im Alter von 90 Jahren in Johannesburg gestorben.

| PETER MOHR
| TITELFOTO: Vogler, Nadine Gordimer 2010, CC BY-SA 3.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Von Vogelfischgeparden, einer totschwarzen Scholle im Birkenfrack und der müden Tante Sommer

Nächster Artikel

Anders und doch ähnlich

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Irgendwie pathologisch

Menschen | Waschkau / Bartoschek: Muss man wissen! Ob es Ken Jebsen ist oder Jürgen Elsässer, Andreas Popp oder (ja, allen Ernstes) Xavier Naidoo – Verschwörungstheorien sind, spätestens seit Bestehen der neuen »Montagsdemos«, so beliebt wie nie. Ein im Vergleich zu den genannten eher harmloser Vertreter der Gattung Verschwörungstheoretiker war Rechtsesoteriker und Internetberühmtheit Dr. Axel Stoll. MARTIN SPIESS über das Interviewbuch ›Muss man wissen!‹ von Alexander Waschkau und Sebastian Bartoschek

Vormittags Autorin, nachmittags Verlagsleiterin

Menschen | Kjell Bohlund: Die unbekannte Astrid Lindgren

Bis auf den (eigentlich verdienten) Nobelpreis hat sie wohl alle Preise bekommen, und der wichtigste Kinder- und Jugendbuchpreis ist (sehr verdient) nach ihr benannt worden. Wenig bekannt ist, dass Astrid Lindgren auch eine der wichtigsten Verlegerinnen der Nachkriegszeit war. Eine nicht besonders gut geschriebene Biografie erzählt davon. Von GEORG PATZER

»Jeder Tag ist ein Geschenk«

Menschen | Zum Tod der großen Schauspielerin Jeanne Moreau 2003 hatte Jeanne Moreau (halb im Scherz) einen künstlerischen Wunsch geäußert, der sich allerdings nie erfüllt hat: »Shakespeares Lear. Den spiele ich, wenn ich achtzig bin!« Von PETER MOHR

»Was machen wir aus unserem Leben? «

Menschen I Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll

Sie sind zwei der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts: Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll. Sie waren auch persönlich miteinander befreundet. Über diese Freundschaft ist jedoch nur wenig bekannt. Nun liegt der gemeinsame Briefwechsel vor, der lange unter Verschluss gehalten wurde: ›Was machen wir aus unserem Leben?‹ 122 Briefe sind es, 58 von Bachmann und 64 von Böll. Den ersten davon schrieb Bachmann im Dezember 1952 an den »lieben Heinrich«; er war die Antwort auf einen (verlorenen) Brief Bölls, mit dem dieser den Briefwechsel eröffnete. Vielleicht bedankte er sich darin bei Bachmann für eine Rezension seiner Erzählung ›Der Zug war pünktlich‹ in der österreichischen Kulturzeitschrift ›Wort und Wahrheit‹. Von DIETER KALTWASSER

Leseabenteuer

Menschen | Zum 125. Geburtstag von Hans Henny Jahnn

»Immer wieder geschieht es mir, dass ich, wenn ich Jahnn lange nicht gelesen habe, bei erneuter Lektüre stutze und verharre wie ein Pferd, das sich seines Reiters erst entsinnen muss«, schrieb vor knapp fünf Jahren der langjährige Zeit-Feuilletonchef Ulrich Greiner über sein ambivalentes Verhältnis zu Hans Henny Jahnn. Von PETER MOHR