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Das Schicksal am Nil nimmt seinen Lauf

Bühne | Show: Aida – Das Arena-Opern-Event 2024

Giuseppe Verdis Oper ›Aida‹ wurde 1871 erstmals in Kairo aufgeführt. Das moderne Arena-Opern-Event von Regisseurin Rian van Holland zeichnet dieses Ereignis nach: Ägypten soll gespürt werden – von Anfang an. Bereits bevor es losging, hörte man in der Arena Vogelrufe, ein Adler zog seine Kreise auf einer Projektionsfläche. Das Besondere: Die Handlung fand nicht nur auf der Bühne statt, sondern im gesamten Innenraum, zwischen den Besuchenden. ANNA NOAH freut sich auf das Spektakel.

Nur die Liebe zählt?

Aida (Yana Kleyn) ist als äthiopische Königstochter die zentrale Gestalt der Oper, eine Sklavin am Hof des ägyptischen Pharaos Il Re (Steffen Bruuns). Dort verliebt sie sich an den Feldherrn Radames (Dr. Martin Shalita), der jedoch gegen ihr Heimatland in den Krieg zieht. Aidas Konflikt: Soll sie für ihre Liebe kämpfen oder aber ihren Vater, den äthiopischen König Amonasro (V.Savoy McIlwain), unterstützen? Er wird von Radames bei einem siegreichen Feldzug gefangen genommen. Radames muss sich ebenfalls entscheiden – zwischen seiner Zuneigung zu Aida und der Loyalität gegenüber des Pharaos Il Re, was auch bedeutet, dass er dessen Tochter Amneris (Nora Sourouzian) heiraten muss, die ihn ebenfalls liebt.

Aida und Radames sehen nur eine Lösung: die Flucht. Sie werden jedoch erwischt, Radames wird als Verräter angeklagt, rechtfertigt sich vor Ramfis (Andrew Nolan) und den anderen Priestern nicht, obwohl ihn Amneris anfleht, dies zu tun – und Aida zu vergessen. Letztendlich werden Aida und Radames lebend begraben (eingemauert).

Die Arena als Spielplatz

Zweieinhalb Stunden wurde die gesamte Arena zur Bühne und das Publikum war nicht nur dabei, sondern mittendrin. Rund 200 Akteur:innen sangen, tanzten und marschierten durch den Raum.
Ein Tuch von fast 700 Quadratmetern fließt als Nil über den Köpfen der Zuschauer im Mittelteil, es wurde bis zur Bühne gezogen und in Bewegung gehalten, bis Prinzessin Amneris auf einem Boot durch die Gänge im Publikum glitt. Es gab unerwartete Tanzchoreographien und öfter betraten die Darstellenden über Zuschauerränge die Arena. Auch die Fanfaren des Triumphmarschs wurden von den Rängen gespielt. Die hauptmusikalische Begleitung erfolgte durch ein 50-köpfiges Live-Orchester, das je nach Winkel mal mehr oder weniger unter der zwölf Meter hohen Tempelfassade, die auch als LED-Screen benutzt wurde, zu sehen war. Das Hanseatische Symphonische Orchester wurde speziell für diese Aufführung zusammengestellt.

Ein großer Moment kam, als die fast fünf Meter hohe Elefantenpuppe Ayana mit Prinzessin Amneris obenauf von neun Puppenspielern auf die Bühne navigiert wurde – die neben der Pyrotechnik einen absoluten Höhepunkt darstellte und täuschend echt wirkte. Vor der Pause wurde ein Feuerwerk bei der triumphalen Rückkehr des siegreichen ägyptischen Heeres entzündet. Es imitierte den sonst fallenden Vorhang, nur als Feuerregen von oberhalb.

Was für eine Performance!

Gesanglich waren die Solist:innen sowie der Chor, der auch Akrobatik oder Tanzchoreografien darbot, ganz großes Kino. Die Zuschauenden konnten die Wärme der Darbietung und all das Wachsen und Sein der Darstellenden genießen, welches einer solchen Performance innewohnt.

Yana Kleyn konnte durchaus mit einer Maria Callas verglichen werden. Sie sang die Aida ungezwungen und wirkte dadurch extrem natürlich. Ihre Stimme war klar mit intensivem Timbre. Nora Sourouzian stand ihr als Mezzosopran gut gewählt gegenüber. Sie hatten ein so gutes, klangliches Zusammenspiel, dass die Arena für einige Momente den Atem anhielt, wenn beide zusammen auf der Bühne sangen.

Genauso hörenswert war der Tenor von Dr. Martin Shalita. Er hatte Präsenz, Charisma und bewegte sich in einer enormen Bandbreite. Im Duett mit Yana Kleyn fühlte es sich an, wie eine gegenseitige, äußerst innige Umarmung, die von den Liebenden ersehnt wird und den Zuschauenden Erfüllung gibt.

Absolut herausragend war V.Savoy McIlwain, der nicht nur ein begnadeter Bariton-Sänger, sondern auch Schauspieler ist. McIlwain ist Regionalfinalist der Metropolitan Opera 2007, NATS-Regionalfinalist, Gewinner des ersten Omega Psi Phi und ehemaliger Preisträger des National Endowment for the Arts.

Kleinere Schwachstellen

Bei aller Begeisterung gibt es auch die ein oder andere Schwachstelle im Konzept. Gerade im ersten Bild erscheint die gewählte Dimension der Bühne viel zu groß. Obwohl einige Zuschauende die Solist:innen aus nächster Nähe sehen, gehen für die weiter entfernten Ränge die Darsteller:innen völlig in der Arena unter. Gut, dass es einen großen Bildschirm mit Nahaufnahmen und Untertiteln in der Mitte der Bühnenfläche gab. Zusammen mit dem kleinen Manko, dass Nora Sourouzian sich einsingen musste, also anfangs ein paar Unsicherheiten in ihrer tollen Stimme zu hören waren, war das vom Auftakt her nicht so optimal. Später, als die anderen Darstellenden verteilt im Publikum und auf der Bühne standen und sangen und tanzen, war die Wirkung wie von den Produzenten gewünscht – effektvoll.

Des Weiteren fiel auf, dass der Triumphmarsch abgeändert wurde – von eher lauten und dröhnenden Paukenschlägen auf sanfte Fanfarenklänge. Gerade hier wäre es gut gewesen, am Ende noch etwas Schwung hineinzubringen, damit Radames’ Sieg vor dem großen Dilemma mit Aidas Vater noch in den Zuschauern nachhallen hätte können.

Das entspannte Opernerlebnis

Die gesamte Darbietung lässt darauf schließen, dass bei dieser Oper nicht nur Liebhaber angesprochen werden sollten, sondern auch jene, die sonst mit dieser Art der Aufführung nicht viel anfangen können. Es braucht sich niemand weder vor einem Verhaltenskodex in einem klassischen Opernhaus noch vor Kleidungsvorschriften zu fürchten; alles ist entspannt und zwanglos. Die Idee dazu kam 2020 Produzent Jasper Barendregt. Er ist der Meinung, dass Verdi auch wollte, dass seine Musik alle begeistert, nicht nur eine bestimmte Zielgruppe.

Weiterhin strebte er die Kreation eines immersiven Erlebnisses an. Nicht auszuschließen ist, dass Barendregts Vision der »Oper für alle« irgendwann von anderen Produzenten adaptiert wird. Zurück im Hier und Jetzt bekommt eine große Oper eine würdige Inszenierung. Das ist mehr als gelungen!

| ANNA NOAH
| Fotos: DENNIS MUNDKOWSKI

Titelangaben
Aida. Das Arena-Opern-Spektakel 2024
Berlin: Mercedes Benz Arena
Aufführung vom 27. Februar 2024

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