Hoffentlich ist es bald zu Ende

Roman | Elizabeth Strout: Am Meer

Was bleibt, wenn die bisherigen Gewissheiten wegbrechen und eine unvorhergesehene Isolation Freundschaften und Familienbande in Frage stellt? Elizabeth Strouts neuer Roman Am Meer spielt zur Zeit des Lockdowns und hätte ein beklemmendes Kammerspiel werden können – wenn nicht eine grundlegende Wärme und Güte dieses Werk durchziehen würde. Von INGEBORG JAISER

Noch hält der literarische Nachhall der Corona-Pandemie an, in all seinen vielfältigen Ausprägungen: als kollaboratives Erzählwerk, veröffentlichte Tagebuchnotizen oder Lockdown-Roman. Auch die amerikanische Pulitzer-Preisträgerin und mehrfach für den Booker Prize vorgeschlagene Elizabeth Strout hat ihre Hauptakteurin und Serienheldin Lucy Barton nicht verschont, ihr jedoch einige weise Erkenntnisse mit auf den Weg gegeben: »Welch eine Gnade, dass wir nicht wissen, was uns im Leben erwartet.«

Am titelgebenden Meer spielt der inzwischen vierte Band der Lucy-Barton-Reihe, doch die vorschnell assoziierte Romantik bleibt situationsbedingt aus. Auch wenn die Lektüre der drei vorangehenden Bände nicht zwingend erforderlich ist, hilft das Wissen um die Hauptfigur: jene aus zutiefst ärmlichen und lieblosen Verhältnissen stammende, etwas dünnhäutige und empfindsame Schriftstellerin Lucy, einmal geschieden, einmal verwitwet und zudem Mutter zweier erwachsener Töchter. Die vorsichtige Wieder-Annäherung an ihren geschiedenen Ex-Ehemann konnte man bereits in Oh, William (2021) verfolgen. Doch nun wird die unvorhergesehene Notgemeinschaft unter dem Druck der Ereignisse intensiviert. »Ich hatte es so wenig kommen sehen wie die meisten«, beginnt der aktuelle Roman. »Aber William ist Naturwissenschaftler, und er sah es kommen; ihn überrumpelte es nicht so wie mich, das meine ich damit.«

Durchhaltestrategien

Mit »es« wird zunächst vorsichtig die Corona-Pandemie und ihre Folgen umschrieben. Die von William, einem emeritierten Parasitologen, vehement initiierte und von Lucy nur widerwillig und ahnungslos (»ich verlegte den Termin beim Steuerberater vor und den Friseurtermin auch«) begleitete Flucht aus dem gefährdeten New York in das abgelegene Küstenkaff Crosby in Maine, steht unter keinen guten Vorzeichen. Die Kälte im Nordosten des Landes, die Unwirtlichkeit des überlassenen Hauses und die ungewohnte Abschottung – nicht zuletzt die beunruhigenden Fernsehnachrichten – setzen Lucy zu. Mental blockiert und lange Zeit unfähig, auch nur eine Zeile zu lesen oder zu schreiben, empfindet sie eine tiefe emotionale Entwurzelung und Leere. »Wir spielten ein paarmal Mensch-ärgere-Dich-nicht, und ich dachte die ganze Zeit nur: Hoffentlich ist es bald zu Ende. Das Spiel, meinte ich. Nein. Alles.«

Doch: »Interessant, welche Durchhaltestrategien die Menschen entwickeln.« Wir erfahren von ritualisierten 5000-Schritte-Spaziergängen, von seltenen Treffen mit angereisten Familienangehörigen und auch Einheimischen, natürlich nur im Feien und unter allen Sicherheitsvorkehrungen wie Mindestabständen und Masken. Dennoch klemmt eines Tages ein Pappkarton an der Heckscheibe ihres Wagens: »HAUT AB NEW YORKER! VERSCHWINDET!« Privilegierte, wohlhabende Städter, die sich aufs Land absetzen, sind nicht immer willkommen.

Mut des Neubeginns

Gleichwohl kommt Am Meer ohne große Gesten und Schreckensszenarien aus, bedient sich eher leiser Töne und behutsamer Beobachtungen. Wie bereits in ihren vorhergehenden acht Romanen versteht es Elizabeth Strout meisterhaft, die Bemühungen auszuloten, mit denen sich Menschen in all ihren Hoffnungen und Zielen, Zweifeln und Enttäuschungen den Unwägbarkeiten des Lebens entgegenstellen. Dem einnehmenden Tonfall der Protagonistin Lucy Barton kann man sich kaum entziehen. Eindringliche Einschübe wie »was ich sagen möchte«, »worum es mir geht« oder »darauf will ich hinaus« suggerieren, dass die Ich-Erzählerin wie eine vertraute Freundin bei einem Glas Wein im Sessel gegenübersitzt und aus ihrem Leben berichtet.

Am Meer erzählt von den Verletzlichkeiten und unerfüllten Sehnsüchten in schweren Zeiten, aber auch von unerwarteter Verbundenheit, Fürsorge und menschlicher Wärme. Und vom Mut des Neubeginns. Ganz zu Anfang des Romans offenbart Lucy Barton: »Ich wusste nicht, dass ich meine Wohnung nie wiedersehen würde. Ich wusste nicht, dass eine Freundin von mir und jemand aus meiner Familie am Virus sterben würde […] Ich wusste nicht, dass mein ganzes Leben von Grund auf anders werden würde.« Wie nebenbei entfalten sich die Geschehnisse zu einem lebensklugen Roman, der die Krisen und Zumutungen des menschlichen Daseins nicht ausspart, doch Mut und Hoffnung verströmt.

| Ingeborg Jaiser

Titelangaben
Elizabeth Strout: Am Meer
Deutsch von Sabine Roth
München: Luchterhand 2024
284 Seiten. 24 Euro
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