Elternliebe

Kinderbuch | William Papas: Das schönste Kind überhaupt

Das glückliche Seufzen, der verzückte Blick beim Anblick des eigenen Sprösslings: Wer ist schon frei von solchen Gefühlen und findet die eigenen Nachkommen mit Abstand die gelungensten. Das kann zu ungeahnten Problemen führen. ANDREA WANNER hat sich bestens amüsiert.

Zahlreiceh gemalte Vögel zieren das BuchcoverIm Wald leben die unterschiedlichsten Vögel zusammen: Papageien, Flamingos, Geier, Pelikane, Störche, Reiher, Pfauen, Eulen … Sie sind unterschiedlich, manche mürrisch, manche glücklich, manche wunderschön, so wie der Pfau – dem mit seinem imposanten Rad und den prächtigen Federn eine ganze Doppelseite gewidmet ist – wo er sich so richtig zur Schau stellen kann.

Er ist es auch, der Frau Eule, die als freundlich beschrieben wird, seinem Sohn ein Pausenbrot mit in die Schule zu nehmen, weil sie sowieso dorthin unterwegs ist, um ihr eigenes Kind zu versorgen. Klar macht sie das. Vorher hat sie allerdings noch eine Frage: »Aber woher soll ich wissen, wer ihr Sohn ist?« Der großartige Vogel antwortet ihr zwar nicht, dass das eine dumme Frage sei, denkt es aber vermutlich. Er lacht und meint dann: »Gib es einfach dem schönsten Kind dort«. Und diese vermeintlich so einfache Aufgabe stellt die Eule vor große Schwierigkeiten.

Jedenfalls nimmt sie ihren Job sehr ernst, mustert und beobachtet all die jungen Vögel auf dem Pausenhof, vergleicht sie, ordnet sie in einer Reihe, vermisst, prüft, untersucht aufs Gewissenhafteste – und kommt zu einem nicht ganz überraschenden Ergebnis.

William Papas war ein Cartoonist, Karikaturist, Autor und Illustrator, der in den 1960ern und 70ern für den Guardian, die Sunday Times und Punch arbeitete. Hier breitet er ein Feuerwerk an Blumen, Blättern und Federn vor unseren Augen auf, lässt es flattern und fliegen, hüpfen und trippeln, sodass die Vögel zu einem großen, bunten Tier zu verschmelzen scheinen. Unglaublich charmant und augenzwinkernd erzählt er eine ebenso witzige wie kluge Geschichte.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
William Papas: Das schönste Kind überhaupt
(The Most Beautiful Child)
Zürich, aracari 2024
32 Seiten, 15 Euro
Bilderbuch ab 6 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Auflösung

Nächster Artikel

Moderne Robinsonade

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Zoff im Boot

Kinderbuch | Clémence Sabbagh: Kajak

Es ist Sommer und Ada und Bob unternehmen eine Kajaktour voller Abenteuer. Leider zoffen sie sich irgendwann und die Fahrt endet im Streit. Und jetzt? ANDREA WANNER war fasziniert von der genialen Idee dieses Bilderbuchs.

Ein Blick über den Tellerrand nach Amazonien

Kinderbuch | Eymard Toledo: Kayabu. Eine Geschichte aus Amazonien

Amazonien, wo die Geschichte spielt, umfasst neun Länder: Brasilien, Bolivien, Peru, Ekuador, Kolumbien, Venezuela, Guyana, Surinam und Französisch-Guayana. Der Amazonas – eine Heimat für Menschen. Rund 320 unterschiedliche indigene Bevölkerungsgruppen leben hier häufig noch auf sehr traditionelle Art. Zu einer von ihnen, deren Existenz durch Abholzung, Brandrodung und andere schwerwiegende Eingriffe bedroht ist, gehört Kayabu. Von ANDREA WANNER

Synästhetische Purzelbäume

Kinderbuch | Anke Kuhl, Moni Port (Hgg.): Mukkekukke

Musik erzählt Geschichte. Manchmal ist das ganz einfach: man muss nur dem Text zuhören. Manchmal steckt die Story aber auch ein bisschen versteckter im Rhythmus und der Melodie. Da braucht es dann offene Ohren – und offene Augen, den hier gibt’s Comics zu einer bunten Auswahl von Musik von Beethoven und Manfred Krug bis zu den Ärzten und Gioachino Rossini, freut sich ANDREA WANNER

Furchterregend und wunderschön

Kinderbuch | S.Klein / S.Harjes: Der Traumwolf Wenn man träumt, kann man was erleben. Stefanie Harjes, dieses Genie der Illustration, hat ein Bilderbuch gemalt, surrealistisch, bedrohlich und leuchtend – einfach wunderbar. GEORG PATZER ist begeistert

Blicke ins eiserne Kästchen

Kinderbuch | Kathi Bhend: Der goldene Schlüssel Nr. 2 Viele werden es kennen, das Märchen ›Der goldene Schlüssel‹, das ab dem zweiten Teil der Erstauflage von 1815 der Märchensammlung der Brüder Grimm immer an letzter, ab der vorletzten Auflage von 1850 an 200. Stelle zu finden war. Es gehört zu den Neckmärchen, die die Zuhörenden neugierig machen, mit ihren Erwartungen spielen und dann: Schluss. ANDREA WANNER freut sich, dass sie jetzt doch einen Blick ins Kästchen werfen darf.