Tot oder lebendig?

Roman | M. W. Craven: Der Gourmet

Was macht ein berühmter Sternekoch im Gefängnis? Jared Keaton soll die eigene Tochter getötet haben. Doch deren Leiche wurde nie gefunden. Also vielleicht ein Ermittlungsfehler von DS Washington Poe? Doch das Gericht folgte der Argumentation des Polizisten, der Koch wanderte hinter Gitter. Sechs Jahre später taucht auf einem Polizeirevier in Cumbria eine junge Frau auf, die behauptet, Jareds Tochter zu sein, entführt von einem Unbekannten und jahrelang in einem Verlies festgehalten. Als auch noch eine DNA-Analyse die Aussage der Frau bestätigt, muss Poe noch einmal antanzen an seinem alten Dienstort im Nordwesten Englands. Und natürlich unterstützt ihn auch bei diesem verzwickten Fall wieder die brillante, aber im Umgang mit ihresgleichen nicht sonderlich geschickte Fallanalytikerin Tilly Bradshaw. Von DIETMAR JACOBSEN

Sie ist wieder da. Eigentlich hielt die britische Öffentlichkeit Elizabeth Keaton seit sechs Jahren für tot, auch wenn damals vergeblich nach einer Leiche gesucht wurde. Aber Detective Sergeant Washington Poe war sich sicher: Die Tochter des Starkochs Jared Keaton wurde in der Küche des Edelrestaurants »Bullace & Sloe« getötet. Und zwar von ihrem eigenen charismatischen Vater, dem »gefährlichste[n] Mann, dem Poe je begegnet war«, einem reinrassigen Psychopathen, dessen sadistische Methoden unter seinen Angestellten gefürchtet waren. Weil auch das Geschworenengericht mehrheitlich auf »Schuldig!« plädierte, wanderte der Sternekoch mit der überaus zahlungskräftigen Kundschaft ins Gefängnis. Bis zu dem Moment, in dem eine junge, ziemlich abgerissene Frau in einem Polizeistützpunkt von Cumbria auftaucht und behauptet, die vor sechs Jahren entführte und seitdem in einem Kellerverlies gefangen gehaltene Elizabeth Keaton zu sein.

Und weil die DNA-Analyse zweifelsfrei zu beweisen scheint, dass das stimmt, hat der inzwischen bei einer auf Serientäter spezialisierten Sondereinheit der NCA (National Crime Agency) im Süden Englands arbeitende DS Poe plötzlich ein riesiges Problem am Hals. Sollte er tatsächlich dafür verantwortlich sein, einen prominenten Unschuldigen für mehr als ein halbes Jahrzehnt ins Gefängnis gebracht und damit auch die Suche nach einem Entführungsopfer verhindert zu haben?

Wiedergeburt oder böser Trick?

Der Gourmet ist der zweite Band einer inzwischen sechs Romane und zwei Erzählungsbände umfassenden Serie des 1968 in Carlisle geborenen, und nach einem zehnjährigen Militärdienst und fast zwei Jahrzehnten als Bewährungshelfer sich inzwischen nur noch dem Schreiben von in seiner Heimat höchst erfolgreichen und bereits mit mehreren Preisen dekorierten Kriminalromanen widmenden M. W. Craven. Mit seinen beiden im Mittelpunkt stehenden Ermittlern – dem peniblen Detective Sergeant Washington Poe und der genialen, im Umgang mit Menschen allerdings nicht ganz so glücklichen Fallanalytikerin Tilly Bradshaw – sind ihm dabei zwei so unverwechselbare wie sympathische Charaktere gelungen, die sich den Leserinnen und Lesern einprägen und bei aller Unterschiedlichkeit doch wunderbar miteinander harmonieren.

Auch diesmal dauert es nicht lange, bis Bradshaw, von einem langsam in Bedrängnis geratenen Poe per E-Mail um Unterstützung gebeten, in Cumbria auftaucht und gemeinsam mit dem Mann, für den sie vielleicht sogar etwas mehr als nur Freundschaft empfindet, das Rätsel um eine urplötzlich wieder lebendig gewordene Tote zu lösen beginnt.

Die Zeit jedenfalls eilt. Denn natürlich sinnt der nach dem unerwarteten Auftauchen der für tot geltenden Tochter sofort freigekommene Starkoch, den Poe für den klügsten Gegner hält, mit dem er je zu tun hatte, auf eine ganz besonders ausgeklügelte Rache. Doch etwas scheint tatsächlich nicht mit der wiederauferstandenen und kurz nach ihrem positiven DNA-Test schnell wieder von der Bildfläche verschwundenen Elizabeth Keaton zu stimmen. Oder ist es normal, dass ein Entführer sein Opfer mit Schwarzen Sommertrüffeln (Tuber aestivum) verwöhnt, dem Besten und Teuersten, was es auf dem Markt für gut betuchte Feinschmecker zu kaufen gibt?

Tuber aestivum

Washington Poe kann sich auch in dieser von Tag zu Tag gefährlicher für ihn werdenden Situation glücklich schätzen, über ein paar Helferinnen zu verfügen, auf die er, wenn Not am Mann ist, stets zurückgreifen kann. Tilly Bradshaw, die inzwischen eine kleine Sondereinheit innerhalb der Sondereinheit – alles Exemplare, wie sie im normalen Leben eher selten sind – befehligt, ist die eine. Estelle Doyle heißt die andere. Die arbeitet am Lehrkrankenhaus der University of Newcastle und ist ganz nebenbei die Expertin Nummer 1 für forensische Pathologie auf der Insel.

Obwohl die Tests, die sie in ihrem Labor vornehmen kann, gelegentlich mehr kosten, als Poes Dienstherr ausgeben will – was dabei herauskommt, ist den hohen Preis immer wert. Also findet die Professorin bei einem von Poe in Auftrag gegebenen Drogencheck bei Elizabeth Keaton zwar kein Heroin, mit dem die Entführte behauptet, von ihrem Entführer gefügig gemacht worden zu sein. Aber sie stößt auf mikroskopisch winzige Spuren einer Chemikalie, die sich einzig und allein in jener kulinarischen Seltenheit namens Tuber aestivum findet. Und das lässt den Motor der Ermittlungen von Poe und Bradshaw gar nicht erst warmlaufen, sondern sofort auf volle Touren kommen.

Wir wollen hier nicht zu viel verraten, aber hinter der Wiederauferstehung seiner getöteten Tochter scheint zunächst ein fieser Plan Jared Keatons zu stecken. Vielleicht sogar einer, den er gemeinsam mit seiner Tochter ausgeheckt hat? Und offensichtlich ist es das Ziel des hinterhältigen Burschen, jetzt, wo er wieder in Freiheit ist, den Spieß umzudrehen und dafür zu sorgen, dass Poe seinen Platz im Gefängnis einnimmt. Auf jeden Fall sieht sich der DS kurze Zeit später plötzlich selbst mit Mordvorwürfen konfrontiert. Und viele Freunde hat er nicht bei der örtlichen Polizei. Also muss wieder einmal Tilly Bradshaw ihre kleinen grauen Zellen anstrengen, um ihren Kollegen und Freund vor dem Schlimmsten zu bewahren.

Originalität, Witz und Spannung

Der Gourmet verblüfft wie seine beiden bisher auf Deutsch erschienenen Vorgänger vor allem durch die Originalität seines Plots, seine beiden zentralen Figuren und dem bei aller Gefährlichkeit der Situationen, in die Poe und Bradshaw geraten, keineswegs fehlenden Humor. Leider ist die ursprüngliche Reihenfolge der Poe/Bradshaw-Romane im Deutschen etwas durcheinandergeraten. So wurden hiesige Leserinnen und Leser zunächst mit Band 5 (Der Botaniker, 2023) ins kalte Wasser geworfen, ehe der Droemer Verlag Band 1 (Der Zögling, 2024) und nun den hier vorliegenden Band 2 nachreichte. Einen Grund, warum nun nicht Band 3 folgen sollte, sehe ich nicht. Aber warten wir es ab – so schwer das bei dieser Reihe auch fallen mag.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
M. W. Craven: Der Gourmet
Aus dem Englischen von Marie Luise Bezzenberger
München: Droemer Verlag 2025
442 Seiten. 16,99 Euro
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