Alle Jahre wieder …

Kinderbuch | Weihnachtsbilderbücher

… gehört es zu den ganz schwierigen Aufgaben, unter der großen Zahl der Bilderbücher zu Winter und Weihnachten einige wenige auszuwählen, die besonders sind. ANDREA WANNER verrät, welche drei es ihr dieses Jahr besonders angetan haben.

Ein kleiner weißer Hase vor einem orangefarbenen Hintergrund.Eine der verblüffendsten Geschichten ist ›Schnee‹ von Kaori Tajima. Die in Tokio lebende Künstlerin, die Grafikdesign an der Musashino Art University in Tokio und Seidenmalerei am Institute of Technology in Rochester studiert hat, überrascht dabei weniger mit dem Abenteuer des kleinen Häschens, dessen Freunde sich nach und nach alle zum Winterschlaf zurückziehen, bis es ganz alleine zurückbleibt, sondern vor allem durch eine Farbigkeit, die man bei diesem Thema und Titel nie erwarten würde.

Der kleine Schneehase stromert durch den rot leuchtenden Herbstwald und gemeinsam mit dem Eichhörnchen erlebt er, wie eine erste zarte Schneeflocke vom Himmel fällt. Müde verschwindet der Eichkater in seinem Nest. Es werden mehr Flocken und auch die beiden Laubfrösche suchen sich einen Unterschlupf. Die Zahl der hingetupften weißen Flecken auf rotem Grund wächst, bald schon sieht die Landschaft aus wie ein Fliegenpilz, rot mit weißem Punkten. Es schneit weiter und weiter, Flöckchen neben Flöckchen, schon sind Bäume und Laub kaum mehr zu erkennen, und während sich auch Dachs und Bär zum Winterschlaf zurückziehen, ist der kleine weiße Hase in dem Schneetreiben kaum mehr auszumachen. Seite um Seite werden mehr weiße Punkte aufgetupft. Ehe das Häschen ganz verschwunden ist in der weißen Masse, taucht seine Mama auf, die auch ihn nach Hause holt. Die Welt ist tief verschneit und zwei Hasen, nur noch als Umrisse zu erkennen, gehen auch schlafen.

Wie wunderbar hier mit Farbe gezaubert wird, wie eine Jahreszeit die andere ablöst. Es braucht nur ganz wenige Worte – und viel Farbe. Das Cover ist auf der Vorderseite rot und hinten weiß, eindrücklicher kann man den ersten Schnee wirklich nicht erleben.

Ein eKiste voller Weihnachtsutensilien steht vor einem geschmückten Weihnachtsbaum. Ganz oben in der Kiste liegt ein kleiner gelber Weihnachtsstern.Bei Marie Tibi und Tatjana Mai-Wyss ist es eine ungewöhnliche Geschichte ungewöhnlich mit sehr liebenswerten Illustrationen – wir kennen Wyss aus ›Uhuwe liest vor‹ oder aus ›Der Waldbuchclub‹: sie schafft bezaubernde Figuren, die man direkt ins Herz schließt. So auch das kleine Weihnachtssternchen, das zusammen mit all dem anderen Christbaumschmuck auf der Bühne darauf wartet, heruntergeholt zu werden und den Weihnachtsbaum zu zieren. Schneemann, der kleine Engel, der Pinguin, Glöckchen und die zerbrechliche Glaskugel haben das alles schon erlebt, nur für Sternchen ist es eine Premiere: es wurde erst im Januar, also nach dem letzten Weihnachten gekauft. Zu einem Sonderpreis, weil es schon an einem Zacken ein bisschen lädiert war. Die Spannung steigt, die Laune ist bestens und alle sind aufgeregt, als sie in ihrer großen Kiste ins Weihnachtszimmer getragen werden. Das Schmücken des Baumes beginnt, alle finden ihren Platz – und am Ende liegt nur noch das Sternchen in der Kiste. Darf es nicht mit an den Baum? War alles Warten, alle Vorfreude umsonst?

Aus der Sicht eines eher unscheinbaren kleinen Dekosterns wird Weihnachten zu einem echten Wunder. Mai-Wyss gönnt uns besondere Blicke in und aus der Kiste und Marie Tibi erzählt aus der Sicht von ganz neuen Akteuren. Was wäre Weihnachten mit einem Tannenbaum ohne Kerzen, Kugeln und Girlanden? Wie wunderbar, das Behängen des großen Baumes mitzuerleben, die lächelnden Kugeln mit ihren runden Gesichtern zu bewundern, in denen sich Weihnachtsfreude widerspiegelt. Und das Sternchen? Es wäre nicht Weihnachten, wenn es nicht auch noch seinen Platz finden würde. Und zwar einen ganz besonderen.

Der Weihnachtsmann und einige Wichtel schmücken in einer weihnachtlichen Stube einen Tannenbaum.In Nummer 3 in dieser Liste erzählen Mac Barnett und Sydney Smith davon, wie endlich auch der Weihnachtsmann sein Fest bekommt. Er, der das ganze Jahr über Geschenke vorbereitet, um sie an Weihnachten zu verteilen, kehrt nämlich anschließend einfach nach Hause zurück, gönnt sich eine Stunde mehr Schlaf als sonst – und das war’s. Ausgerechnet er, der alles dafür tut, dass alle am Fest glücklich sind, soll das Christfest selber nicht feiern? Die Wichtel können es nicht fassen und beschließen gemeinsam, etwas dagegen zu unternehmen. So bringen sie ihm am Weihnachtsmorgen das Frühstück ans Bett, holen mit ihm einen Tannenbaum, stricken einen Wollstrumpf, auf dem Santa steht und schmücken den ganzen Nordpol mit Lichterketten. Auch sonst lassen sie sich einiges einfallen und der Weihnachtsmann ist so begeistert, als er von einer Gestalt mit weißem Bart und rotem Mantel beschenkt wird, als er die originellen – und sich durchaus ähnelnden – Geschenk der Wichtel auspackt und Gewürzkuchen, Weihnachtspudding, Knabbergebäck und unzählige andere Leckereien genießt, dass er von da ab, wir ahnen es, jedes Jahr Weihnachten feiert. Der Illustrator Sydney Smith fängt mit farb- und ausdrucksstarken Bildern die heimelige Atmosphäre des Fests ein. Sein expressiver Pinselstrich, die einfachen Formen und die Farbkontraste schaffen eine ganz besondere Stimmung, die mitten in dieses unglaubliche Erlebnis am Nordpol versetzt.

Bücher gehören natürlich auch dazu. So zeigt eine Szene die durch ein Kaminfeuer erleuchtete Stube des Weihnachtsmannes. Er selbst sitzt neben dem Christbaum auf einem Schaukelstuhl, zu seinen Füßen zahlreiche, ihm zugewandte Wichtel, die lauschen, wie er aus einem in Leder gebundenen dicken Buch vorliest:

»Er hat einen weißen Bart und hält sich den Bauch, wenn er lacht.
Glöckchen klingeln an seinem Schlitten in der Nacht.«

| ANDREA WANNER

Titelangaben

Kaori Tajima: Schnee
(Neige, 2013) Deutscher Text von Simonetta van Daalen
Zürich: minedition 2025
40 Seiten, 16 Euro
Bilderbuch ab 3 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Marie Tibi: Das kleine Weihnachtssternchen
(La petite étoile, 2024) Aus dem Französischen von Anna Taube
Illustriert von Tatjana Mai-Wyss
Münster: Bohem 2025
32 Seiten, 20 Euro
Bilderbuch ab 3 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Mac Barnett: Ein Fest für den Weihnachtsmann
(Santa’s First Christmas, 2024). Aus dem Englischen von Bernadette Ott
Stuttgart: Aladin 2025
40 Seiten, 16 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Das verrückte Spielfeld des Romans

Nächster Artikel

Über Games berichten

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Einbruch in die Komfortzone

Kinderbücher | T. Hussung: Der Brückentroll und die Zugbrückentrollwohngemeinschaft; M. Orths, K. Meyer: Der reichste Junge der Welt Da hat man es sich endlich gemütlich gemacht und dann geschieht etwas, das alle Gemütlichkeit wegwischt. Wie soll man mit dem Schreck umgehen? Thomas Hussung und Markus Orths erzählen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, was im Leben wirklich zählt. Von MAGALI HEIẞLER

Wahre Freunde

Kinderbuch | Mohana van den Kronenberg: Dodo

Der Dodo war ein flugunfähiger Vogel, der ausschließlich auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean vorkam und im späten 17. Jahrhundert, um 1690, ausstarb. Oder doch nicht? Dorians einziger Freund ist ausgerechnet ein Dodo. Aber das ist eine lange und abenteuerliche Geschichte, findet ANDREA WANNER.

Heldenhaftes

Kinderbuch | Guido van Genechten: Ein Tiger schnarcht in meinem Bett Seit fast zwanzig Jahren entzückt der belgische Illustrator Guido van Genechten vor allem sehr kleine Kinder mit seinen knubbeligen Figuren, die in kunterbunten Welten abenteuerliche Alltagserfahrungen machen. In seinem neuesten Buch ›Ein Tiger schnarcht in meinem Bett‹ wendet er sich an die etwas Älteren unter den Kleinen und erzählt wahrhaft Heldenhaftes aus tiefster Nacht. Von MAGALI HEISSLER

Monsieur Hulot und der Oktopus

Kinderbuch | David Merveille: Hallo Monsieur Hulot »Wie eine Perlenschnur sind die Gags aufgereiht, verbunden von einer überaus liebenswerten Intelligenz und einem romantischen Charme, der über Chaplins kalkuliertes Spiel weit hinausgeht. Eine zärtlich-erfreuliche Typen-Komödie, die sich gegen jede filmische Einordnung nicht nur im französischen Kino sperrt.« liest man im Lexikon des Internationalen Films, wenn man nach Monsieur Hulot sucht. ANDREA WANNER als alter Jacques-Tati-Fan freut sich über ein besonderes Bilderbuch.

Endlich selber lesen

Kinderbuch | Starke Mädchengeschichten; Starke Jungsgeschichten. Lesemaus zum Lesenlernen Vorlesen lassen ist wunderbar, gemütlich und gemeinschaftsfördernd. Allein auf Buchseiten in die Welt hinaus ziehen, ist ein Abenteuer, das es so kein zweites Mal gibt. Lesen lernen sollte sich niemand entgehen lassen. Die Lesemaus von Carlsen hilft, aber in diesem Fall nicht ganz zum glücklichen Ende. Von MAGALI HEISSLER