Wenn Herzchen berichtet

Roman | Dana von Suffrin: Toxibaby

Um es gleich vorwegzunehmen: dieser Roman ist anstrengend, die Figuren stecken voller Klischees und sind paradigmatische Antihelden, und doch ist Dana von Suffrins Toxibaby eine der aufregendsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs. Von PETER MOHR

Für ihren Debütroman Otto (2019), der um einen jüdischen Familienpatriarchen kreiste, war die in München lebende Historikerin, die mit einer Arbeit über »Wissenschaft und Ideologie im frühen Zionismus« promovierte, mit dem Hölderlin-Preis ausgezeichnet worden. Im Folgeroman Nochmal von vorne (2024) versuchte die Protagonistin Rosa Jeruscher ihre eigene Familiengeschichte nicht nur zu rekonstruieren, sondern auch die zahlreich vorhandenen Dellen irgendwie zu glätten. »Toxi, für uns ist gar nichts leicht, wir sind die schwierigsten Leute überhaupt«, konstatiert die Ich-Erzählerin Herzchen Goldberg über ihre, von Dauerstress geprägte überaus komplizierte Beziehung zu Toxi.

Jener Toxi, ein Mann von knapp über 40, taugt als Musterbeispiel für einen »Looser« auf ganzer Linie. Er ist mittellos und der Höhepunkt in seiner Vita war ein »befristeter Vertrag als Sozialpädagoge in einer Brennpunktschule«. Toxi, der seiner Partnerin den Erfolg als Schriftstellerin neidet, wird von gewaltigen Stimmungsschwankungen heimgesucht und als »paranoid, impulsiv, depressiv, ängstlich« beschrieben.

In der Figur der Herzchen Goldberg hat Autorin Dana von Suffrin ihr eigenes Leben als Schriftstellerin mit ganz viel augenzwinkernder Selbstironie einfließen lassen. Die weibliche Hauptfigur hat vor einigen Jahren mit »Omama’s Madhouse« einen Bestseller über ihre Familiengeschichte geschrieben, die »überwiegend in einem der Außenlager von Auschwitz-Birkenau geendet war«. Herzchen bekennt über ihren neuen Roman, er sei halbautobiografischer Schrott und Existenz diene als »lebendiges Mahnmal«. Ihre Lesungen werden von Security-Kräften begleitet, »damit sie an meiner statt sterben würden, falls irgendwelche Kinder mit Palästinensertuch in den Saal drangen.«

Wir begleiten Herzchen und Toxi zunächst bei Spaziergängen im Taro-Tal (ein Nebenfluss des Po), die durch die gemeinsame Lektüre von Dantes Göttlicher Komödie einen harmonischen Sprit vermitteln. Es ist ein ständiges Auf und Ab, eine wahre emotionale Achterbahnfahrt. Nach der Rückkehr ins heimatliche München folgen heftige Rückschläge. Sie blockieren einander bei WhatsApp, und wir werden Zeuge von 13 Trennungen in drei Jahren.

Dana von Suffrin hat jedoch weit mehr im Sinn gehabt als einen Roman über eine komplizierte Beziehung zu erzählen. Die heftigen Dialoge kreisen um Herzchens jüdische Familiengeschichte, um Krisen rund um den Erdball, um Antisemitismus, Philosemitismus, um die Frage nach Kollektivschuld, um Vergessen und Verdrängen. Ohne zu moralisieren könnten diese Passagen, in deren Zentrum die Frage steht, wie man als Nachgeborener mit dem Holocaust umgehen kann oder muss, Anstöße für zahlreiche Essays liefern.

»Die Generation vor uns sind Babyboomer, in den Wohlstandsjahrzehnten, nach dem Krieg aufgewachsen, mit großer materieller Sicherheit, mit ganz klaren Werten, mit einem klaren Arbeitsethos, und das sind alles Sicherheiten, die bei uns verschwunden sind«, hat Autorin Dana von Suffrin erklärt, die im letzten Jahr mit dem Chamisso-Preis ausgezeichnet wurde. Dementsprechend orientierungslos bewegen sich ihre Figuren, als Dauersuchende sowohl in der Partnerschaft als auch auf intellektueller Ebene. Nichts scheint mehr von Dauer zu sein, Umbrüche und Neuanfänge gehören zur Tagesordnung.

Toxibaby spielt mit vielen Klischees und Übertreibungen und changiert zwischen bitterem Ernst und hintersinnigem, bisweilen schwarzem Humor. Eine faszinierende literarische Gratwanderung zwischen Tragik und Komik.

| PETER MOHR

Titelangaben
Dana von Suffrin: Toxibaby
Köln: Kiepenheuer und Witsch Verlag 2026
237 Seiten. 23 Euro
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