///

Zwischen Rundfunk und Pixelwelten: ein Deep Dive in die Zukunft von Gaming bei PULS

Digitalspielkultur | Interview: Im Gespräch mit Chef vom Dienst Franz Liebl

Oftmals scheinen Disclaimer für Kolleg:innen unangenehm zu sein und man versteckt sie am unteren Ende des Artikels in Schriftgröße 2 (weiß auf weiß!) Nicht in diesem Fall! Im Wintersemester 1999/2000 begannen zwei zarte Knaben ihr Studium der Politikwissenschaft und Neueren Geschichte an der LMU München, dieses führte sie bereits in der allerersten Seminarstunde zusammen. Heute, 27 Jahre später freut es mich, RUDOLF THOMAS INDERST, ungemein mit Franz Liebl über seine Tätigkeit beim Bayerischen Rundfunk bzw. dessen Spieleformat PULS Gaming Analyse sprechen.

Rudolf Thomas Inderst (RTI): Lieber Franz, schön, dass es mit dem Gespräch klappt. Magst Du Dich bitte unseren Leser:innen kurz vorstellen? Welche Stationen haben Dich zur jetzigen Position geführt und wie sieht Dein typischer Arbeitsalltag aus?

Ein schwarz weiß Foto des Interviewpartners
Foto: Leon Zarbock
Franz Liebl: Wie viele Seiten darf ich antworten? Die Kurzfassung: Ich bin auch Rapper und durch mein Wissen über die Szene 2007 in der Musikredaktion von Bavarian Open Radio vom Bayerischen Rundfunk gelandet. Das ist heute PULS. Zum Release von ›GTA IV‹ (2008) hat mich meine damalige Redakteurin Franziska Eder (heute Moderatorin bei ›jetzt red i‹) gefragt, ob ich dazu nicht einen Radiobeitrag machen könnte. Ich sei doch auch Zocker. Das fanden alle ziemlich cool. Also kam es danach zu einer langjährigen wöchentlichen Games-Kolumne. Ab 2010 einmal im Monat sogar im Bayerischen Fernsehen. Ich denke, wir waren sogar die ersten in der gesamten ARD, die im Fernsehen regelmäßig über Games berichtet haben. Leider wurde meine Kolumne nach ein paar Jahren eingestellt. Aber seit Ende 2025 gibt es die PULS Gaming Analyse und da wollte ich natürlich dabei sein. Dieses Mal bin ich aber nicht vor der Kamera oder am Mikrofon, sondern Chef vom Dienst, ich nehme die Videos ab.

Stell Dir vor, ich wäre eine Mischung aus Programmdirektor und Wallstreet-Powerinvestor! Wie würdest Du mir PULS Gaming Analyse in einem Elevator-Pitch verkaufen?
Wir gehen jede Woche tief rein in die neuesten Hypes und Trends aus der Gaming-Bubble. Wir sind informativ und haben einen journalistischen Anspruch; was wir aber nicht sind, ist staubtrocken. Wir sind selber Zocker und haben Spaß am Gaming und das sollen auch unsere jungen Zuschauer:innen spüren. Es ist ein Format für die Gen-Z.

In Deutschland gibt es ja oft ein Spannungsverhältnis zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und der Gaming-Szene. Wie siehst du diese Beziehung, und wie gelingt es euch, Gaming glaubwürdig und gleichzeitig im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Auftrags zu präsentieren?
Das BR Puls LogoDa hat man sich in der Vergangenheit das ein oder andere Mal einfach keinen Gefallen getan, nicht nur beim Öffentlich-Rechtlichen. Das geht weit bis in die »Killerspiel-Debatte zurück. »ÖRR« klebt in der breiten Gaming-Community seitdem manchmal wie ein Makel an uns. Ich hatte zum Beispiel schon jahrelang meine Gameskolumne und authentisch über Games berichtet, aber ein kritisches Wort zu der Folterszene in ›GTA V‹, schon hatte ich einen landesweiten Shitstorm am Hals. Der Tenor: »ÖRR-Killerspiele-Debatten-Depp«. Man muss aber auch zugeben: Für viele Redakteure waren Games immer noch befremdlich, obwohl sie schon jahrelange alle Unterhaltungs-Umsatzrekorde brachen. So vom Feeling her war das ein wenig wie Merkels »Internet-ist-für-uns-alle-Neuland«- Spruch. Ich musste damals in manchen Beiträgen zu neuen ›Super Mario‹-Games erklären, was ein Jump ’n‘ Run ist. Da wirst du von der Community natürlich nicht besonders ernst genommen. Das ist aber vorbei. Heute ist es so, dass wir hier ein Team auch auf Redaktionsseite aus leidenschaftlichen Zocker:innen haben, die eine Show für Gamer machen. Und das merkst du ab der ersten Sekunde. Das ist echt.  

Eure Sendung, das haben wir ja bereits im Pitch gelernt, taucht tief in Trends und Hypes der Videospielszene ein. Was würdest du sagen, welche aktuellen Trends gerade die spannendsten neuen Entwicklungen markieren?
Wir diskutieren oft, wie unbeweglich die AAA-Studios geworden sind und deshalb keine Innovationstreiber mehr sind. Sieht man auch an den meisten Hype-Games von 2025, ›Clair Obscure‹, ›Silksong‹, ›Kingdom Come Deliverance II‹, ›Hades II‹ – bei den unabhängigen Studios ist die Spannung zu Hause. Capcom finde ich da gerade eine interessante Ausnahme. ›Pragmata‹ ist eine komplett neue IP und verkauft sich gleich millionenfach, gerade weil es neue und frische Ansätze bringt. Da ist Hunger dafür da. Sogar der Blockbuster ›Resident Evil 9‹ hat eine bemerkenswerte Innovation zu bieten: Zombies mit Personality, über die wir gleich auch eine ganze Folge PULS Gaming Analyse gemacht haben. Ich muss aber natürlich zugeben: Das ist eine Perspektive von Hardcore-Gamern. Die allermeisten Leute sind zufrieden mit einem neuen ›CoD‹, ›FC‹ und ein paar coolen ›Fortnite‹-Kollabos jedes Jahr. Was absolut völlig in Ordnung ist!

Ihr macht ja keine klassischen Reviews, sondern Deep Dives. Kannst du ein Beispiel nennen, wo ein Spiel durch eure Analyse in einem völlig neuen Licht erschien?
Das gerade erwähnte ›Resident Evil 9‹ würde ich sagen. Die Eigenheiten der Zombies wurden in vielen Artikeln zwar erwähnt, aber wie tief das tatsächlich geht, das haben nur wir erzählt. Da hat Capcom ausgerechnet bei ihrem Popcorn-Gaming-Blockbuster mal so nebenbei 30 Jahre Zombie-Gaming auf den Kopf gestellt. Da haben sie sich so viel Mühe gegeben mit der Lore um jeden einzelnen Zombie am Anfang im Sanatorium. Das ist wirklich richtig stark.

Ihr sprecht auch über die größten Gaming-Skandale. Was war für dich persönlich der Skandal, der die Gaming-Branche am meisten erschüttert hat?
Schon ein wenig her aber für mich persönlich der Release von ›Cyberpunk 2077‹. Ich hatte mir schon gedacht, dass das Game auf meiner Base-PS4 niemals so aussehen wird wie in allen Preview-Clips. Aber es war halt einfach kaputt bei Release. Auch auf mächtigeren Plattformen gab es große Probleme. Dass Games unfertig rausgebracht werden (müssen), war damals schon Standard, aber ausgerechnet das ›Witcher III‹-Studio!? Das hat auf großer Bühne gezeigt: Hinter den ganzen kreativen Leuten in der Branche stehen oft Shareholder, die sich einfach nur ihren Geldbeutel vollstopfen wollen. Das sag ich jetzt bewusst zugespitzt, weil ich finde, dass das einfach zu oft guter Kultur im Weg steht.

Ihr verbindet eure Analysen oft mit Memes und Clips. Wie wählt ihr aus, welche kulturellen Phänomene oder Referenzen ihr nutzt, um eure Botschaft zu verstärken?
Wir haben vor allem Zitate und Memes von Gaming-Streamer:innen in unseren Videos. Die gehören mittlerweile einfach zur Gaming-Bubble dazu, wenn sie nicht sogar das Herzstück der Community sind mit ihren millionenfach gefolgten Kanälen. Das ist für uns also ganz natürlich, dass wir uns auch auf die beziehen und sie zitieren als Sprachrohr der Community. Die Auswahl passiert einfach aus dem Bauchgefühl unserer Autor:innen heraus. Unsere Deep-Dives sollen auch Spaß machen. Und wenn einem da bei einem Argument plötzlich HandOfBlood einfällt, der letzte Woche dazu was Witziges gesagt hat, dann rein damit.

Zwei Personen in Sportkleidung stehen vor einem roten Hintergund
Foto: Leah Ruprecht

Was wünschst du dir für die Zukunft der Sendung – gibt es bestimmte Themen oder Genres, die ihr in nächster Zeit vertiefen wollt?
Die Zukunft ist bei uns immer diffus, denn was wirklich spannend ist: Es kommt immer ganz plötzlich irgendein Hype-Game um die Ecke, mit dem du vor fünf Tagen noch nicht gerechnet hast oder Ubisoft ist mal wieder am Untergehen oder ›GTA VI‹ wird verschoben.

Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

| RUDOLF THOMAS INDERST

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Viel mehr als nur Abschied

Weitere Artikel der Kategorie »Digitale Spiele«

In Transit

Digitales | Games: Limbo Mit Limbo kommt eines der spannendsten Indie-Games des letzten Jahres auch auf den PC. Grund genug für DENNIS KOGEL sich das dänische Spiel noch mal anzuschauen.

Eine Reise durch das Innerste

Digitales | Games: GRIS Man kann sagen, was man will, aber 2018 war ein gutes Jahr für Gamer. Im Grunde war für jeden Geschmack mindestens ein wirkliches Highlight vorhanden – ein Hit jagte den nächsten und gerade im letzten Quartal trumpften die Big Player der Industrie mit ihren Hochkarätern nochmal richtig auf. Dabei flutschen manchmal die kleinen Perlen durchs Sieb, da sie im Gewusel der AAA-Blockbuster unscheinbar am Rand zu stehen scheinen. Das im Dezember unter Devolver Digital erschienene und von Nomada Studio entwickelte ›GRIS‹ ist genauso ein Spiel. Warum es für SEBASTIAN BLUME vielleicht das beste Spiel des vergangenen

Krieg ist die Hölle! Panzer-MMOs auch …

Digitales | Games: World of Tanks ›World of Tanks‹ ist die Hölle, fein säuberlich sortiert nach einem Rangsystem, das ein bisschen an die Höllenkreise der Göttlichen Komödie erinnert. PETER KLEMENT hat sich das Büßergewand aus gewalztem Stahl angelegt, seine Reise durch die Unterwelt angetreten – und ist geläutert zurückgekehrt.

Digitaler Rückblick: Juni 2012

Digitales | Games: Digitaler Rückblick: Juni 2012 Jeden ersten Dienstag im Monat blickt das Ressort Digitale Spiele zurück auf lesenswerte und wichtige Texte zum Thema Spielekultur. Wir versuchen, einen Überblick zu schaffen und Aufmerksamkeit auf deutsche Texte zu lenken, wollen aber auch den englischsprachigen Raum, der zurzeit ein Synonym für informierte Spielekritik ist, nicht aus den Augen lassen. Von DENNIS KOGEL, CHRISTOF ZURSCHMITTEN, VOLKER BONACKER und PETER KLEMENT

Nachwelt in der Schleife

Digitales | Games: I am alive Der Mensch ist des Menschen Wolf: In ›I am alive‹ schickt Ubisoft die Spieler auf einen postapokalyptischen Überlebenskampf. Mittels neuartiger Spielprinzipien begeistert die Reise durch die zerstörte Metropole Haventon zunächst. VOLKER BONACKER geht der Frage nach, warum es dennoch nicht zu einem ›The Road‹ in Spieleform gereicht hat.