Roman | Frank Goldammer: Die Bestie von Dresden
Es ist bereits sein dritter Fall – und wieder einmal muss Kriminalrat Gustav Heller mit Unterstützung seines Assistenten Adelbert Schrumm alles geben. Denn in Dresden treibt sich im Mai 1883 offensichtlich ein gefährlicher Mörder herum. Noch mehr Angst als vor dem Killer, der es auf die Söhne und Töchter der Reichen abgesehen zu haben scheint, hat die Bevölkerung freilich vor einem aus dem Zoologischen Garten ausgebrochenen Tiger. Dem traut man nämlich nicht zu, zwischen Arm und Reich unterscheiden zu können. Nur ein dubioser Wildtierexperte namens Karl May verspricht lauthals, es mit der »Bestie von Dresden« aufzunehmen. Aber ist May auch tatsächlich der, der er zu sein vorgibt? Von DIETMAR JACOBSEN
Der Mann, der zu seinen Tatorten reitet, ist wieder unterwegs: Kriminalrat Gustav Heller. Nachdem er es in Haus der Geister, seinem zweiten Abenteuer, mit übersinnlichen Erscheinungen sowie mörderischen Eskapaden einiger Angehöriger der Dresdener High Society zu tun bekam, ist es diesmal »nur« eine Großkatze, die für Angst an der Elbe sorgt. Ein Tiger soll aus dem Zoologischen Garten entwichen und könnte nun tagsüber wie nachts hinter jeder Ecke auf ein Opfer lauern. Dass das Untier plötzlich menschliche Konkurrenz bekommt, nämlich einen Killer, der hinter den Söhnen und Töchtern begüterter Dresdener Familien her ist, gerät da anfangs fast zu einer minder wichtigen Nachricht.
Denn die auf leisen Pfoten durch Dresden schleichende exotische Bestie fragt wahrscheinlich nicht nach Arm oder Reich. Hat sie nur genug Hunger, kommt ihr auch ein Leser der „»Dresdener Volkszeitung«, des bei den Herrschenden verhassten Blattes der noch jungen Sozialdemokratie, recht. Und ob sie von einem selbsternannten Wildjäger namens Karl May gebändigt werden kann, der – ein schöner running gag – den Weg der Kriminalisten noch mehrmals und unter verschiedenen Namen kreuzen wird, darf bei dessen hochstaplerischem Vorleben auch bezweifelt werden.
Eine neue Zeit
Mit den Abenteuern des Großvaters und beruflichen Vorbilds jener Romangestalt, deren polizeiliche Ermittlungen in der DDR der Nachkriegszeit Frank Goldammer (Jahrgang 1975) in die Phalanx der SPIEGEL-Bestsellerautoren hievten – sieben Bände und ein Prequel erschienen zwischen 2016 und 2023 –, eröffnete sich der in Dresden lebende Autor vor zwei Jahren ein neues historisches Spielfeld für seine Phantasie. Bereits dreimal rückte inzwischen das späte 19. Jahrhundert in den Fokus seiner Kriminalromane. Und wie bei den Abenteuern von Enkel Max zwischen 1949 und 1961 versteht es Goldammer auch in seiner neuen Reihe, den historischen Hintergrund so spannend wie gewinnbringend für Leserinnen und Leser in seine Geschichten einzubauen.
Es ist die Zeit der Industrialisierung, des Aus-dem-Boden-Schießens bevölkerungsreicher Städte und der gleichzeitigen Verelendung eines Großteils ihrer Bevölkerung. Wirtschaftliche Umbrüche dank bahnbrechender Erfindungen und das Erscheinen neuer Akteure auf der politischen Landkarte prägen die Jahrzehnte eines gewaltigen gesellschaftlichen Umbruchs, in denen ein Mann wie Gustav Heller sich zu bewähren hat. Aufgeklärt und demokratisch denkend, konservativ und eher dem Althergebrachten vertrauend, aber auch hart und unnachgiebig, wenn er auf Kräfte trifft, für die die neue Zeit vor allem neue Chancen für kriminelle Umtriebe zu bieten scheint, geht er seinen geraden, ehrlichen Weg. Und natürlich ist es der Schauplatz der Romane, Dresden und die Elblandschaft um die sächsische Metropole herum, den Goldammer mit der Liebe des hier selbst Aufgewachsenen eindrucksvoll zu beschreiben weiß.
Eine Mordserie in der guten Gesellschaft
Allein von einer Mordserie wie der, die der entscheidungsfreudige Kriminalrat diesmal aufzuklären hat, hat man in Dresden lange nicht gehört. 3 junge Männer und eine junge Dame – fast alle aus den besten Kreisen, was die Ermittlungen umso schwieriger macht, steht doch auch der gute Ruf der betuchten Eltern der Opfer zur Disposition – fallen innerhalb kurzer Zeit einem äußerst kaltblütigen Mörder oder gar mehreren gemeinsam vorgehenden Tätern zum Opfer. Ging es darum, den jungen, noch zur Schule gehenden Herrschaften mit grässlichen Foltermethoden Informationen zu entlocken, wie und wo man am besten an die Tresore ihrer Eltern herankam? Oder hat ihr lockerer Lebenswandel, das Bewusstsein, dass Stand und Reichtum ihrer angesehenen Familien sie wie ein Schutzpanzer umgaben und es der Justiz, sollten sie in deren Fokus geraten, schwer machten, an sie heranzukommen, sie zu Taten hingerissen, die sich nun tödlich rächen?
Während sein eigener Sohn Albert gerade dabei ist, der Einflusssphäre des strengen Vaters zu entgleiten, muss Gustav Heller sich bei seinen Ermittlungen zunehmend mit Elternhäusern herumschlagen, die um Ruf und Ansehen in der guten Dresdener Gesellschaft zu fürchten haben, sollte sich herausstellen, dass der Platz ihrer Söhne und Töchter vielleicht sogar auf der Täterseite zu suchen ist. Denn der Einzige, auf den die Justiz sich schnell fokussiert hat, weil er in ihr Gesellschaftsbild passt, ein gerade entlassener Schwerverbrecher namens Gallus, scheint, weil die Morde nicht aufhören, nachdem er wieder im Gefängnis sitzt, unschuldig zu sein.
Verderblich ist des Tigers Zahn
Frank Goldammer hat seinen neuen Fall für den sympathisch-knorrigen Kriminalrat Heller spannend in Szene gesetzt. Mehrere Lösungen bieten sich bei der Mörderhatz an – und doch gibt es am Ende noch eine kleine Überraschung, mit der die Leserinnen und Leser nicht gerechnet haben dürften. Dass er, der lieber hoch zu Pferd unterwegs ist, sich auf das gefährliche Abenteuer einer Eisenbahnfahrt mit 40 Stundenkilometern einlässt, wird Gustav Heller übrigens beinahe zum Verhängnis. Und doch zeigt sich auch in einer extremen Gefahrensituation wie dem Zugunglück, das ihn und seinen Assistenten Schrumm bei ihren auswertigen Ermittlungen ein wenig ausbremst, wes Geistes Kind der Mann ist. Der es sich auch nicht nehmen lässt, auf den wachsenden Antisemitismus in der Gesellschaft mit Abscheu zu schauen und in der immer sichtbarer werdenden Verelendung der unteren Gesellschaftsschichten eine große Gefahr für die Zukunft zu sehen.
Um schließlich noch einmal auf den Tiger zurückzukommen: Im Jahre 1861 öffnete der Dresdener Zoologische Garten als viertältester Zoo Deutschlands zum ersten Mal seine Pforten. Bereits vorher ist die Existenz von Tigern im Besitz sächsischer Fürsten dokumentiert. Man liebte es halt in den erlauchtesten Kreisen ein wenig exotisch. Und Frank Goldammers 1883 ausgebrochene Großkatze? Von ihr weiß die Historie nichts. Und auch im Buch ist diese Bestie nicht mehr als das, was gemeint ist, wenn man von einem Papiertiger spricht. Und so bestätigt sich aufs Schönste auch 227 Jahre, nachdem Friedrich Schiller 1799 sein Lied von der Glocke publizierte, wie recht einer unserer Klassiker doch hatte, als er schrieb:
Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Titelangaben
Frank Goldammer: Die Bestie von Dresden. Kriminalrat Gustav Heller
München: dtv 2026
368 Seiten. 18 Euro
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