//

Treffen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Treffen

Wie lange das schon anhalte.

Jetzt?

Sicher jetzt.

Nein, Farb, er zähle nicht nach, sagte Wette, aber sie würden einander stets sonntags besuchen, und das seit einigen Jahren.

Ungewöhnlich, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Ob ihm das langweilig werde, fragte Wette.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Tilman griff nach einem Marmorkeks.

Die Welt draußen zerfalle, sagte er, der Mensch verliere sich an destruktive Strömungen, die neuen Technologien lösten den Zusammenhalt auf.

Er warf einen Blick zum Gohliser Schlößchen.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte.

Da wohne unseren sonntäglichen Treffen ein Hauch von Verläßlichkeit inne, sagte Tilman.

Das Gespräch stockte.

Wette griff nach einem Marmorkeks.

Eine liebgewordene Gewohnheit, sagte Annika, und ob nicht das Leben  sich generell aus liebgewordenen Gewohnheiten zusammensetze.

So etwas möchte man sich gern wünschen, sagte Wette, aber es ginge weit an der Realität vorbei.

Was wäre, wenn wir das ›liebgeworden‹ herausnähmen, fragte Farb. ob es dann nicht gänzlich anders aussähe.

Das Leben als ein Kette von Gewohnheiten, sagte Tilman, gut möglich und vielleicht sogar eine realistische Sicht, sagte er, man müßte viele Dinge anders sortieren, würde vermutlich erschrocken zusammenzucken, wenn es daran ginge, Mord und Totschlag zuzuordnen, und würde wahrscheinlich kurz zögern, bevor man auch den Krieg als eine Gewohnheit markieren würde, und würde sich fragen, ob diese Einteilung nicht doch an ihre Grenzen stieße.

Der Mensch gewöhne sich an vieles, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf, seine Gewohnheiten bildeten ein unerschütterliches Fundament.

Wette erschrak. Wie solle er das verstehen, fragte er, den Krieg als eine Gewohnheit, gar ein unerschütterliches Fundament, wo solle das enden.

Zynisch, sagte Tilman verächtlich.

Schwierig, sagte Farb und aß von seiner Pflaumenschnitte, aber sei das nicht doch, nüchtern betrachtet, eine Realität, vor der man nicht die Augen verschließen dürfe, es gäbe nun einmal schlechte Gewohnheiten, die man bei kühlem Verstand einschätzen müsse, wenn man darangehen wolle, sie sich abzugewöhnen.

Nein, wandte Annika ein, das passe vorne wie hinten nicht, wie stellten sie sich das vor, man könne sich Kriege nicht abgewöhnen, auf keinen Fall.

Ein kräftiger Schauer schlug gegen die Scheiben.

Das Gespräch stockte.

Tilman rückte näher an den Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Wette legte die Stirn in Falten.

Der Mensch, sagte er, müsse sich ändern.

Das, spottete Farb, hätten schon andere versucht.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der NÖB fragt … Martin Oesch

Nächster Artikel

die ameisenstraße führt quer durchs ganze zimmer, ein akt der gnade durch deine venen

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Gefühl

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Gefühl

Das Rauschen des Ozeans klang wie von ferne zur Ojo de Liebre herüber.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Keine Ahnung, sagte Gramner, der Mensch der Moderne habe keine Ahnung, null, er stehe sprachlos vor einem Abgrund, man finde kaum eine andere Epoche, während der der Mensch dermaßen blind gewesen sei.

Der Ausguck stand auf, tat einige Schritte, löste sich in die Dunkelheit auf und schlug einen Salto.

Magritte als Programm

Kurzprosa | Mike Markart: Magritte

Der Grazer Autor Mike Markart legt in seinem neuen Erzählband Magritte eine Sammlung von Kurztexten vor, in der mehr als nur eine literarische Begleitstimme zu Bildern des großen Surrealisten entsteht: Markart lädt ein zu einer ganz erstaunlichen Ausstellung. Ein Rundgang mit HUBERT HOLZMANN.

Tambora

Textfeld | Wolf Senff: Tambora Nein, nicht ich, sagte der Ausguck, ich war nicht dabei. Thimbleman lachte. Du warst noch gar nicht auf der Welt, stimmt’s? Meine Eltern erzählten davon. Sie sagen, es sei schrecklich gewesen. Ich weiß, Gramner erwähnte den Ausbruch. Das Ende der Welt, sagt Gramner. Der Tambora befindet sich auf Sumbawa, einer Insel des Sundabogens östlich von Java. Weit, weit weg von unserer idyllischen Lagune, sagte der Ausguck Endlos weit. Und dennoch – ein nie dagewesener Ausbruch zu Beginn unseres Jahrhunderts, sagt er, folgenschwer wie der des Krakatau, als schon das Jahrhundert zu Ende ging, Jahrzehnte nach

Kurze Momente der Emotionen

Kurzprosa | Juan Gabriel Vásquez: Lieder für die Feuersbrunst

Er ist momentan der erfolgreichste kolumbianische Schriftsteller und eine der wichtigsten jüngeren Stimmen des südamerikanischen Kontinents. Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa hat ihn hoch gelobt, und seine Romane sind schon in 16 Sprachen übersetzt worden. Die Rede ist vom 47-Jährigen Juan Gabriel Vásquez, der einst an der Sorbonne studiert hat, nun mit seiner Familie wieder in Bogotá lebt und im Sommersemester 2021 der 44. Samuel Fischer-Gastprofessor an der FU Berlin werden soll. Sein neue Erzählband Lieder für eine Feuersbrunst ist erschienen – gelesen von PETER MOHR

Zivilisation III

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Zivilisation

Nein, unmöglich, sagte Harmat, wie solle er sich das vorstellen.

Bildoon lächelte. Zum Ende, sagte er, es gehe auf das Ende zu.

Mit Siebenmeilenstiefeln, spottete Crockeye.

Gewiß, das habe er verstanden, schön und gut, sagte Harmat, aber wie – werde da ein Gong geschlagen, eine Glocke geläutet, knipse jemand das Licht aus.

Wie aus der Ferne klang sanft das Rauschen des Ozeans.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.