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Erfolg

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Erfolg

Ob man mit einem fehlgeschlagenen Leben etwas anfangen könne, fragte Wette.

Farb lachte. Er lehne das ab, sagte er, die eine wie die andere Art zu denken, nein, ein fehlgeschlagenes Leben, Humbug, so könne man das nicht handhaben, unmöglich.

Er tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Man könne einmal Glück haben, sagte Farb, oder eben Pech und wieder Glück, kein Problem, das seien stets kürzere Abschnitte, die sich sortierten.

Du kannst diesen Walfänger nehmen, wie hieß er, Scammon, sagte Wette, er lag mit der Boston in der Ojo de Liebre, einer Lagune in Südkalifornien, einige Männer hatten sich Verletzungen zugezogen und konnten dem Wal nicht nachsetzen, so etwas kommt vor, Scammon hatte eben Pech, ein Mißgeschick, niemand würde sich deswegen aufregen, eine zwangsläufige Pause, diese Tage würden vorübergehen.

Kein Beispiel für ein fehlgeschlagenes Leben, sagte Farb und aß von seiner Pflaumenschnitte.

Annika schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten ihr Service mit den Drachen aufgedeckt, rostrot, Tilman hatte es aus Beijing mitgebracht, wo er vor einigen Wochen einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war, nicht die gesamte Strecke auf der Großen Mauer, die ja relativ schmal war und oft nicht mehr als zwei Leuten Platz bot, wie sollte man da um die Wette laufen.

Wette lachte. Ein Leben sei weit mehr, solch eine Unterbrechung des Walfangs sei vielleicht ein Rückschlag, und man müsse da eben etwas nachholen, mit doppelter Kraft wieder Anschluß gewinnen, niemand könne erwarten, daß jede Unternehmung erfolgreich sei, und man müsse sich immer offen halten, die Pläne zu ändern, in der Ojo de Liebre treibe sie niemand an, Scammons Leuten bliebe alle Zeit der Welt.

Sie müßten Ware liefern, sagte Farb.

Das eile nicht.

Und wenn, sagte Farb.

Weiter südlich seien weitere Lagunen, Scammon und Eldin seien erfahrene Walfänger, sagte Wette, sie würden noch nicht einmal von einem Fehlschlag reden, sondern es gehöre zum Alltag, daß man einmal ohne Beute im Schlepp zurückkehre, es brauche dann eben mehrere Anläufe, und die Ojo de Liebre sei bei den Mannschaften in der Stadt noch unbekannt, so daß man hier keine Konkurrenz fürchte müsse und etwa den Fang teilen, doch auch das wäre kein Fehlschlag, man dürfe die Erwartungen nicht übertreiben, und ganz allgemein frage er sich, was das für ein zweifelhafter Blickwinkel sei, der vom Leben etwas erwarte.

Oh, oh, spottete Wette, da stelle jemand Ansprüche an ein Leben, was dürfe es denn sein, was dürfen wir liefern, wie hätten Sie es gern.

Nein, sagte Tilman, so gehe das nicht, er lachte, auf keinen Fall, doch wie wäre es anders herum, einmal den Wal zu fragen, ob dessen Leben mißlungen sei.

Gut gekontert, spottete Wette.

Nein, sagte Tilman, so kämen wir nicht weiter, der Walfang verlange Geduld, man dürfe nicht beim ersten Fehlschlag aufgeben, sondern müsse zielstrebig und beharrlich bleiben, und ja, falls sich einige Männer verletzt hätten, werde eine Pause eingelegt, wie denn sonst, und sicher, es gebe stets das Risiko, mit etlichen leeren Fässern zurückzukehren, jeder bekäme seinen Anteil, man hätte sich mehr Erfolg gewünscht, aber so war es nun einmal.

Und, fragte Wette, was würde der Wal antworten.

Der Wal sei ein kluges Tier, sagte Tilman, und eingebettet in Rhythmen und Abläufe der Natur, er nehme wahr, was sich verändere, und könne sich instinktiv darauf einstellen, er nehme eine Veränderung der Wassertemperatur wahr und wechsle seinen Aufenthalt, ohne zu zögern, er müsse nicht überlegen, nein, das seien geschlossene Vorgänge, natürliche Rhythmen, nein, wir kennen die Details nicht, er könne sich auch verständigen, der Mensch werde ihm aufdringlich mit seiner Neugierde, er sei lästig, nenne die Töne der Wale Gesänge, habe einzelne Passagen aufgenommen und experimentiere damit herum, seine Kapazitäten seien limitiert, er mache sich lächerlich, solle er sich doch um seine eigenen Belange kümmern.

Ein fehlgeschlagenes Leben, fragte sich Farb, nein, so etwas kenne der Wal nicht.

Für ein fehlgeschlagenes Leben, den Menschen betreffend, sagte Wette, müsse man größere Zusammenhänge heranziehen, etwa eine komplette Biografie oder eine verhängnisvolle Berufswahl, jedoch es gebe immer die Möglichkeit, Fehler zu korrigieren, auszubügeln, einen anderen Weg einzuschlagen, nein, ein fehlgeschlagenes Leben, das könne er sich nicht vorstellen, etwa daß man in die Hölle komme, nein, das sei eine Vorstellung von vorgestern.

| WOLF SENFF

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