Dies ist ein gutes Hörbuch!

Hörbuch | Marcel Reich-Ranicki: Über Literaturkritik

Die Literaturkritik ist ein hartes Geschäft. Nicht zuletzt deswegen. weil sich gute Literatur beharrlich gegen voreilige Kategorisierungen wehrt. Dieses Hörbuch versucht. dem Wesen der Literaturkritik auf den Grund zu gehen. Das soll Spaß machen? Oh ja, wenn es von Marcel Reich-Ranicki stammt, tut es das! Findet SEBASTIAN KARNATZ

Marcel Reich-Ranicki: Über LiteraturkritikMarcel Reich-Ranicki ist ein Phänomen. Seine Vita nötigt auch den ärgsten Feinden zumindest Respekt ab: Ein Überlebender des Warschauer Gettos, der sich nach dem Krieg für seine Heimat Deutschland entscheidet und anschließend als Mitglied der ›Gruppe 47‹, als Literaturkritiker der ›ZEIT‹ und Feuilletonchef der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹ den literarischen Diskurs Nachkriegsdeutschlands entscheidend mitbestimmt.

Trotz allem kennt wohl nahezu jeder die nachfolgend geschilderte Situation: Eine gesellige Runde intelligenter Menschen mit vorwiegend literarischen Interessen driftet in eine Diskussion über das Wesen der deutschen Literaturkritik ab. Ein besonders sprachbegabtes Mitglied der Runde beginnt mit übertriebener Gebärdensprache, aggressiv lispelndem Ton und apodiktischen Sentenzen – »Dieses Buch ist schlecht!« – Marcel Reich-Ranicki nachzuahmen. Man amüsiert sich prächtig, schüttelt den Kopf ob der Erinnerung an das legendäre ›Literarische Quartett‹ und konstatiert abschließend die Verrohung der deutschen Literaturkritik.

Das traditionelle – und durchaus nachvollziehbare – »Ranicki-Bashing« scheint zu den liebsten Spielen der intellektuellen Eliten zu gehören. Reich-Ranickis wunderbare Autobiographie hat man natürlich trotzdem mit Gewinn gelesen, seine Aufsatzsammlungen als Höhepunkte der Nachkriegsliteraturkritik gelobt und seinem erst kürzlich vollendeten Kanonprojekt zumindest Achtung gezollt. Man sieht: Dieser Mann fördert die Fähigkeit des dialektischen Urteils!

Das vernichtende Urteil des Kunstrichters

Dabei ist er selbst an seinem zweifelhaften Ruf natürlich nicht ganz unschuldig. Solange man seine Beiträge zur literarischen Debatte noch vornehmlich in den Edelmedien ›ZEIT‹ und ›FAZ‹ lesen konnte, blieb er zwar streitbar, aber ernst zu nehmend. Mit unbändigem Leseeifer und großer Kennerschaft kämpfte Ranicki für das, was er ganz persönlich für gute Literatur hielt.

Als er jedoch Ende der 80er Jahre das Fernsehen als Bühne seines gerechten Kampfes auserkor, begann gleichzeitig seine zweite Karriere als »Literaturpapst« der Unterhaltungsmedien.

›Das Literarische Quartett‹ konnte nur auf der Ebene des schnellen, apodiktischen Urteils, des mit lauten, effektreichen Mitteln ausgetragenen Kunstrichterstreits funktionieren. Ranicki nahm die Rolle des harschen Kritikerkönigs dankend an und füllt sie zur Freude der Massenmedien bis heute mit großer Verve aus.

So ist es auch kein Wunder, dass sich der Random-House-Verlag nicht entblödet, die Veröffentlichung einer Doppel-CD mit Reich-Ranickis gesammelten Aufsätzen über Literaturkritik mit der prägnanten Zeile »Fern der Theorie und den Lesern nah…« zu bewerben. Dieses – übrigens gleichfalls himmelschreiend apodiktische – Urteil der ›Berliner Zeitung‹ zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin an Marcel Reich-Ranicki spiegelt den deutschen Urkonflikt mit zeitgenössischer Literaturkritik auf das Genaueste wider. Wer seine Meinung kundtut, hat kein Konzept, keinen theoretischen Unterbau.

»Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent.«

Gegen dieses und mannigfaltig andere Vorurteile wehrt sich der »Literaturpapst« in seinen angenehm dezenten, bildungssatten Aufsätzen, die gesammelt einen großen Essay zum Stand der Literaturkritik ergeben. Er beleuchtet das schwierige Verhältnis der deutschen Intelligenzija zu ihren Chefkritikern. Schon der junge Goethe wusste schließlich, wie man gegen diese unliebsame Zunft vorzugehen hat: »Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent.« Die Abneigung gegen die Kritik mag befremden, schließlich schlugen sich viele Dichter – Theodor Fontane sei hier an erster Stelle genannt – als Kritiker höchst respektabel.

Ranicki führt dieses schwierige Verhältnis der Deutschen zur Kritik auf einen Sonderweg der nationalen Geschichte zurück: Kritik galt lange Zeit als gefährlich, mit Obrigkeiten sollte man sich besser nicht anlegen. Eine in der Tat durchaus streitbare These. Einleuchtender erscheint die zweite große Linie in seinem Essay: Die Verehrungsbereitschaft, die die Deutschen ihren Dichtern gegenüber an den Tag legen, hemmt notwendigerweise ihre Fähigkeit, Kritik zu üben.

Trotz allem hat Deutschland immer wieder brillante Kritiker hervorgebracht – die Liste reicht von Gotthold Ephraim Lessing über Ludwig Börne, Kurt Tucholsky, Walter Benjamin bis zum Autor selbst. Dabei ist selbstverständlich keiner der angesprochenen Herren vor Fehlurteilen gefeit. Wenn Tucholsky beispielsweise den nicht ganz zu Unrecht fast vergessenen Oskar Panizza für den größten Dichter seiner Zeit hielt, dann besitzt dies für uns Heutige einen allenfalls historischen Wert.

Marcel Reich-Ranicki führt uns selbst mit seiner charakteristischen Stimme und einem überraschend zurückhaltenden Timbre durch seine Überlegungen zum Wesen der Literaturkritik. Der Hörer fühlt sich dabei gleichzeitig blendend unterhalten und belehrt. ›Über Literaturkritik‹ ist ein kleines Denkmal für Generationen von streitbaren Kritikern und – freilich unbeabsichtigt – auch für den Autor selbst.

Auf diese Art und Weise wird man ihn in Deutschland weiterhin verehren: Belesen, gelehrt, kritisch und selbstverständlich stets Gegenrede provozierend. Freunden und auch Gegnern des »Literaturpapstes« sei dieses kleine, aber feine Hörbuch also wärmstens ans Herz gelegt, bietet es doch eine einmalige Chance wieder einmal jenem Marcel Reich-Ranicki zu begegnen, dem man gerne auf eine Reise in das Wunderland der Literatur folgt. Und ob wir dies in einer fernen Zukunft auch von der derzeitigen Chefkritikerin der Nation, Elke Heidenreich, behaupten werden, erscheint heute doch zumindest zweifelhaft.

| SEBASTIAN KARNATZ

Titelangaben
Marcel Reich-Ranicki: Über Literaturkritik
Gelesen von Marcel Reich-Ranicki
München: Random House 2007
2 CDs, ca. 105 Minuten, 19,95 Euro

Reinhören
| Hörprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Singende Schauspieler

Nächster Artikel

Hokuspokus

Neu in »Hörbuch«

Der böse Busch

Hörbuch | Wilhelm Busch: Der Schmetterling

Wer sich in seiner Kindheit stets gewundert hat, warum Max und Moritz – nebenbei bemerkt auf durchaus brutale Art und Weise – sterben müssen, der kann nun in diesem wunderbaren Hörbuch die andere Seite Wilhelm Buschs, einen gebrochenen spätbiedermeierlichen Radikalmoralisten mit einem gewissen Hang zur psychischen und physischen Brutalität, in ihrer vollen Blüte kennenlernen. Von SEBASTIAN KARNATZ

Vom Radio durch das Radio in das Radio

Audiobuch | Ferdinand Kriwet: Hörtexte

Ein junger Mann mit langem Haar, Lederjacke, Köpfhörer und Kofferradio schaut realitätsfern an der Fotokamera vorbei. Wohin sein Sehfeld verschwindet, bedeutet nichts. Das Hören benötigt alle Aufmerksamkeit, denn beim Hören öffnet sich die Welt. Von KLAUS HÜBNER

Opus magnum gaudium maximum est

Hörbuch | Gerhard Polt: Opus Magnum Da werden zur Feier des Tages schon mal die verstaubten Lateinkenntnisse herausgekramt: Schließlich feierte Gerhard Polt, der profunde Connaisseur des alten Römischen Reiches, Anfang Mai seinen 70. Geburtstag. Selbstverständlich wurde mit Ehrungen aller Arten nicht gegeizt. Der Schweizer Kein & Aber Verlag hat ihm etwas ganz Großes gewidmet: Das Opus Magnum, die gesammelte auditive Werkschau von Gerhard Polt ist dort auf insgesamt 9 CDs erschienen. MIRJAM STUTZMANN hat sich diese achteinhalb Stunden gegönnt. PDF erstellen

Ein Gegenentwurf zum Kapitalismus

Hörbuch | Henry David Thoreau: Wo und wofür ich lebte 1849, ein Jahr nach dem Kommunistischen Manifest, erschien ein Vortrag, den Henry David Thoreau im Vorjahr gehalten hatte, im Druck. Sein Titel: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat Eigentlich müsste dieser Essay für die Bürgerrechtsbewegung den gleichen Status besitzen wie das Manifest von Marx und Engels für die Arbeiterbewegung. Von THOMAS ROTHSCHILD PDF erstellen

Hallo, hier spricht …

Hörbuch | Edgar Wallace: Die Romanfabrik

Edgar Wallace! Vom Buchdeckel aus blickt er seiner Leserschaft direkt in die Augen: nahezu kahlköpfig, ein wenig schelmisch. Edgar Wallace, gebürtiger Brite, wurde durch seine zahlreichen, auflagenstarken und in unzählige Sprachen übersetzten Krimis einem großen Kreis bekannt. Von STEFAN HEUER