Metaller vom anderen Kontinent

Gesellschft | Rodolfo Walsh: Wer erschoss Rosendo García?

23.07.2012

Mit Wer erschoss Rosendo García? bringt der Züricher Rotpunkt Verlag jetzt das dritte Buch des großen argentinischen Schriftstellers und Journalisten Rodolfo Walsh heraus. Es ist eine messerscharfe Analyse des »Dramas der peronistischen Gewerkschaftsbewegung nach 1955« und gleichzeitig, auch nach über vierzig Jahren, ein faszinierendes Stück Literatur. Von PIEKE BIERMANN

Walsh -GarciaBuenos Aires, 16. Mai 1966. In der Pizzeria La Real in Avellaneda, einem südöstlichen Arbeiter- und Industrievorort, werden gegen Mitternacht drei Männer von tödlichen Schüssen getroffen. Alle drei sind Gewerkschaftsaktivisten. Einer heißt Rosendo García, ist ein »sympathischer Maulheld und Glücksritter« und Bezirkschef der Unión Obrera Metalúrgica. Die Metallarbeitergewerkschaft UOM ist die größte, mächtigste und reichste, in ihr und im Dachverband Confederación General del Trabajo zieht Augusto Timoteo Vandor die Fäden.

Die CGT ist seit den Tagen Juan Domingo Peróns das Instrument, mit dem Argentinien seine Arbeiter »befriedet«: Ein bisschen Sozialreform um den Preis der Spaltung durch Korrumpierung. In den post-peronistischen Regimen ab 1955 mutiert die CGT unter Vandors Händen zum Apparat des »Vandorismus«, 1966 ist sie hoffnungslos korrupt und in Kollaboration mit Staat und Unternehmern verstrickt – auch bei Morden an Arbeitern. Rosendo García hat, so scheint es, als Einziger »das Format, Vandor abzulösen«. Dessen Macht hängt am seidenen Faden und muss immer mal wieder staatlich, also vom »Klassenfeind« gestützt werden.

Die beiden anderen Toten gehören zur klassenbewussten, teilweise militanten Opposition gegen den »Vandorismus«. Sie wären womöglich sogar namenlos geblieben, wäre da nicht Rodolfo Walsh. Für den Schriftsteller-Journalisten mit irischen Vorfahren aus dem armen Norden Patagoniens sind sie die Bedeutenderen: Domingo »der Grieche« Blajaquis, »integer, aufrichtig, ein echter Held seiner Klasse«, und Juan Zalazar »mit seiner tief sitzenden Schwermut ein Spiegelbild der trostlosen Lage der Arbeiterschaft seines Landes«. Genau die, nämlich »das Drama der peronistischen Gewerkschaftsbewegung seit 1955«, ist der archimedische Punkt, von dem aus Walsh die offiziellen und offiziösen Interpretationen der Schießerei in der Pizzeria aus den Angeln hebt.

Politische Kriminalliteratur

Rodolfo Walsh ist damals in Argentinien kein Unbekannter. Man schätzt oder hasst seine Kriminalgeschichten und seine investigativen Zeitungsarbeiten. Zehn Jahre zuvor hatte er den blutigen »Kollateralschaden« eines der vielen Putschversuche aufgedeckt, Das Massaker von San Martín; zuerst in einer Artikelserie, dann in einem Buch. Er hatte dabei – scheinbar ganz en passant – auch ein neues Erzählverfahren erfunden.

Es wird später literarische Reportage oder dokumentarischer Roman genannt, oder – seit im Norden des Doppelkontinents Schreiber wie Truman Capote, Gay Talese, Tom Wolfe sich eines ähnlichen Verfahrens bedienen – new journalism. Es basiert, grob skizziert, auf der Absage an Fiktionalisierung zugunsten penibler, sich hineinversetzender und anverwandelnder Recherche. Auch für Walsh selbst war dieses Buch eine Art archimedischer Punkt, es katapultierte seine eigene Balance zwischen politischer Einstellung und scheinbar unpolitischer Ästhetik aus den Angeln und radikalisierte beide, ihn und sein Schreiben.

J´accuse als Rekonstruktivismus

Walsh hatte diese neue Schreibweise sehr bewusst als Gegenpol zum damals vorherrschenden avantgardistischen Kunstverständnis entwickelt, das heißt, vor allem zu Borges´ früh-dekonstruktivistischer Idee der Ficciones. Man könnte es also rekonstruktivistisch nennen. Dem De- wie dem Rekonstruktivismus gemeinsam ist ein skeptischer bis argwöhnischer Ausgangspunkt: Das, was wir als »Realität« hinzunehmen gewohnt sind, ist in Wahrheit immer auch Konstruktion. Reales zu rekonstruieren, bedeutet durchaus nicht Kunstlosigkeit, im Gegenteil. Aber die Weigerung zu fiktionalisieren ist auch eine Kampfansage an literarische Hierarchisierung. Gegen Kritik, er hätte seinen Stoff besser zu Romanen verarbeitet, verteidigt sich Walsh 1973 in einem Interview mit Ricardo Piglia so: »Ich glaube, dass diese Sichtweise eine typisch bürgerliche Sichtweise ist, denn es ist offensichtlich, dass eine Anklageschrift harmlos wird, wenn sie in einen Roman verwandelt wird, sie stört so niemanden mehr, durch die Verwandlung in Kunst wird sie erhaben.«

Gegen Verharmlosung durch Erhabenheit setzt Walsh mit voller Absicht politische Verantwortung und Wirkung. Seine Rekonstruktionen sind öffentliches politisches Handeln und münden zwangsläufig in der Anklage, im präzis literarisch gestalteten J´accuse. In Wer erschoss Rosendo García? warnt er gleich in der Vorbemerkung spöttisch-giftig außerdem vor Verharmlosung durch Eskapismus: »Wenn jemand dieses Buch als einen simplen Kriminalroman lesen will, dann ist das seine Sache. Ich glaube nicht, dass ein so komplexer Vorfall sich zufällig ereignet hat.«

Dann macht er sich daran, alles Nicht-Zufällige minutiös und hartnäckig zu ermitteln. Und was dabei herauskommt, liest sich entschieden spannender als die meisten Kriminalromane. Gerade das schlichte Präsentieren von Fakten, das immer wieder Drehen und Wenden, Hinterfragen, Konfrontieren von Widersprüchen zieht einen beim Lesen in Bann. So wird sinnlich erfahrbar, was genau an jenem Abend passiert ist, wer alles dabei war und dann verschwand oder plötzlich behauptete, dabei gewesen zu sein, wer geschossen hat und wer nicht, wer mit welchen Tricks vertuscht, verdreht, lügt, Beweise fälscht, Meinung manipuliert, wie willkürlich Polizei und Justiz operieren und wie willfährig die Presse bei all dem hilft, die rechte wie die linke. So werden die Beteiligten lebendig, denn Walsh erzählt ihre Lebensgeschichte in einer kunstvollen, aufwühlenden Mischung aus Nüchternheit und Empathie und gibt ihnen ihren historischen und eigenen Platz zurück.

Vorgeschichte der argentinischen Katastrophe

Wer erschoss Rosendo García? entlarvt schließlich wider alle Manipulation, dass sich am 16. Mai 1966 in der Pizzeria keineswegs ein »Schusswechsel« ereignet hat, sondern ausschließlich aus der Ecke geschossen wurde, in der Vandor und seine Komplizen saßen. Sie sind nicht nur die Mörder ihrer beiden Gegner, einer von ihnen hat auch den eigenen Genossen Rosendo García erschossen. Mit größter Wahrscheinlichkeit war es Vandor selbst, der sich kurz danach zum Steigbügelhalter des putschenden Generals Onganía macht, mit dem die argentinische Katastrophe beginnt, die fast zwanzig Jahre dauert und unzählige desaparecidos, Folteropfer und Tote produziert.

Glücklich das Land, das einen Rodolfo Walsh hat. Todtraurig das Land, das einen Rodolfo Walsh so nötig hat. Auch er selbst fällt ihm 1977 zum Opfer, nachdem er ein noch einmal radikalisiertes J´accuse in Form eines offenen Briefs an die Militärjunta verfasst hat. Kurz danach lauert ihm ein Militär-Spezialkommando auf. Er entzieht sich dem drohenden Foltertod durch eine Art suicide by cops, indem er eine kleine Pistole zieht.

Man kann dem Züricher Rotpunkt gar nicht genug danken, diesen großartigen, bei uns skandalös unterbewerteten Schriftsteller nach und nach (wieder) auf den deutschsprachigen Markt zu bringen: 2010 Das Massaker von San Martín und Die Augen des Verräters, jetzt Wer erschoss Rosendo García? Es wäre allerdings noch schöner, wenn die alte 1993er Übersetzung von letzterem überarbeitet worden und der Anhang zu Personen und Zeitgeschichte etwas weniger karg wäre. Einer, dessen Literatur so einflussreich für so viele nach ihm, nicht nur in Lateinamerika, ist, hat das einfach verdient.

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 19. Juni 2012 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht.

| PIEKE BIERMANN

Titelangaben
Rodolfo Walsh: Wer erschoss Rosendo García? Ein Bericht
Aus dem Spanischen von Manfred Heckhorn
Zürich: Rotpunkt Verlag.
182 Seiten. 16,00 Euro

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