Die Macht der Worte

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Kulturbuch | Stephen Greenblatt: Die Wende. Wie die Renaissance begann

Über die Renaissance ist viel geschrieben worden, aber dieses ist ein Buch, in dem ein Autor einem anderen nachspürt und diesem dann eine sagenhafte Verantwortung in die Schuhe schiebt. Ein Werk soll Ursprung eines neuen Zeitalters sein, wegbereitend für Generationen, bedeutungsschwangere Prophezeiung der intellektuellen Elite. Stephen Greenblatt forschte in Die Wende. Wie die Renaissance begann über eine fast vergessene philosophische Strömung. VIOLA STOCKER ließ sich auf eine sagenhafte Reise ins Herz einer bibliophilen Gesellschaft ein, der es gelang, Worte vor dem Vergessen zu bewahren, die Jahrzehnte später Europas ethisches Grundkonstrukt in Frage stellen sollten.

Stephen Greenblatt: Die Wende

Stephen Greenblatt beginnt sein Buch über die Renaissance mit einer Art persönlichen Liebeserklärung an einen Autor. Als Student in Yale kauft er sich eine Ausgabe von Lukrez‘ De rerum natura (Von der Natur) und ist bald fasziniert von der radikalen und tröstlichen Botschaft, die Lukrez für sein Publikum bereit hält. Der Schüler Epikurs trägt dessen Lehre von den Atomen und der Zusammensetzung des Universums weiter. Atome bestimmen, so Lukrez, die Natur, indem sie sich bei zufälligen Kollisionen zu komplexen Strukturen verbänden und wieder auflösten.

Wie Phoenix aus der Asche

Es ist nicht sofort klar, was Epikur und Lukrez mit der Renaissance zu tun haben sollen, da Greenblatt im nächsten Kapitel den eigentlichen einstweiligen Protagonisten seines Werks vorstellt. Nunmehr gerät Poggio Bracciolini in den Fokus, der 1417 in Süddeutschland auf der Suche nach alten Handschriften die Klöster durchforstet. Es ist die Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg, als das Kirchenschisma Europa beunruhigt und die Intelligenzia sich langsam ihrer antiken Wurzeln besinnt. Der Leser begleitet Poggio von nun an und nähert sich einer Epoche von Innen. Das gestaltet die Lesearbeit mehr als kurzweilig, setzt aber ein gewisses Maß an Wissen die Renaissance betreffend voraus.

Anhand der Person des Poggio Bracciolini lässt Greenblatt die Leser erspüren, wie sich das Leben eines päpstlichen Sekretärs im fünfzehnten Jahrhundert angefühlt haben muss. Poggio stammt durchaus nicht aus vornehmen Haus, doch neben seiner unbestrittenen Intelligenz verfügt er über eine schöne Handschrift. Was heute noch ein hübsches Accessoire auf Grußkarten ist, ist zu Poggios Zeiten, vor der Erfindung des Buchdrucks, ein unbestreitbares Kapital. In Florenz wird er als talentierter Knabe vom Kanzler der Republik ausgebildet und dort kommt er auch erstmals in Kontakt mit klassischer Literatur.

Die Geburt des Humanismus

Bereits der Dichter und Gelehrte Petrarca interessiert sich im vierzehnten Jahrhundert für die lateinischen Klassiker. Die wiederentdeckten Texte werden durch sein Beispiel begeistert wieder gelesen, kommentiert und ausgetauscht. Meist jedoch sind sie in den Klosterbibliotheken Europas verschollen. Vor allem Benediktinermönche werden in Schreibfähigkeiten geschult und beauftragt, relevante Werke der Bibliotheken für den wissenschaftlichen Austausch von Hand zu kopieren. So entstehen einige der schönsten Handschriften der europäischen Geschichte. Greenblatt widmet den Klosterbibliotheken und deren Organisation viel Zeit. Sie werden schließlich ungewollt zur Geburtsstätte des europäischen Humanismus.

Denn die klassischen lateinischen und griechischen Schriften enthalten vieles, was den frommen Mönchen nicht zum Christentum passend erscheint. So werden gar einzelne Pergamente ausgelöscht, da heidnische Texte überschrieben oder verbrannt werden. Es ist also ein Segen, dass Poggio weiß, was er findet. Es sind sonst kaum Schriften von Lukrez überliefert und auch Werke anderer Epikureer, die z.B. in den Ruinen von Herculaneum überdauert haben, sind rar. Schließlich war auch die größte Ansammlung antiken Wissens verloren gegangen – Kriege und frühchristliche Brandschatzungen hatten die Bibliothek in Alexandria zerstört.

Revolutionäre Gedanken

Dabei ist es keineswegs so, dass das Christentum nicht auch versucht, antike Literatur zu absorbieren. Platon und Aristoteles können erfolgreich damit in Einklang gebracht werden, vor allem, weil beide von einem höchsten »Gut« und der Unsterblichkeit der Seele ausgehen. Dies ist bei Epikur und seinem lyrisch begabten Schüler Lukrez nun nicht der Fall. Als Atomisten gibt es für sie keine unsterbliche Seele, die Angst vor dem Tod und Strafen oder Belohnung im Jenseits werden obsolet. Daher streben die Epikureer nach Glück und Erfüllung im Diesseits. Zwar hat dies nichts mit den polemischen Vorwürfen zu tun, die Epikureer als permanente Bacchanten zeigen, aber sicher ist das epikureische Luststreben nicht mit der christlichen Ethik des Entsagens und der Buße vereinbar.

Der Kleriker Petrarca bereitet der Liebe zum Altertum als erstes den Weg, ihn ahmen seine Schüler Boccaccio und Salutati nach. Coluccio Salutati ist Kanzler der Stadt Florenz und als solcher nimmt er als alter Mann eine Gruppe vielversprechender junger Männer unter seine Fittiche – darunter auch Poggio Bracciolini. Sie erfahren durch Salutati von der Schönheit der antiken Literatur und verschreiben sich ihrem Studium und der Suche nach verschollenen Handschriften, die sie füreinander kopieren. Poggio wird hier zum Humanisten, zum Liebhaber antiker Literatur, ohne sich jedoch von der antiken, mit dem Christentum unvereinbaren Philosophie verführen zu lassen.

Die Wende

Wann beginnt dann aber die Renaissance wirklich? Greenblatt enthüllt das komplexe Geflecht nach und nach. Poggio zieht es nach Rom, an den päpstlichen Hof. Mittels eines Empfehlungsschreibens von Salutati kann Poggio eine Stelle am Hof des regierenden Papstes Bonifaz IX. ergattern. Als päpstlicher Sekretär wird der kluge und besonnene Humanist zum geschickten Politiker, der weit mehr ist als ein gewöhnlicher Schreiber. Er kann sich erstaunlicherweise die Freiheit bewahren, Karriere in Kirchenkreisen zu machen, ohne selbst Kleriker zu sein. Poggio wird schließlich zum Privatsekretär des Papstes befördert. Um sich Luft zu machen über die scheinheiligen Praktiken am Heiligen Stuhl schreibt Poggio seine Facezien, eine satirische Schrift, die in kirchenkritischen Kreisen ein großer Erfolg wird.

Erholung von der Scheinheiligkeit und den Intrigen der Kirche findet Poggio in seiner Bibliomanie. Als Poggio Privatsekretär von Baldassare Cossa, dem Gegenpapst Johannes XXIII., wird, steht er plötzlich im Mittelpunkt all jener Machtspiele, über die er in seinen Schriften stets spottet. Es ist die Zeit des Kirchenschismas, eine Pattsituation, in die erst Bewegung kommt, als König Ladislaus von Neapel mit seinem Heer 1413 Rom plündert. Der Papst lässt sich auf ein Konzil in Konstanz ein, das auf deutschem Herrschaftsgebiet liegt, und wird prompt abgesetzt. Auch ein Inquisitionsverfahren gegen Jan Hus, der daraufhin den Feuertod sterben muss, kann nicht von Cossas Fehlverhalten ablenken.

Ein Schatz

Der plötzlich arbeitslose Poggio begibt sich auf Büchersuche und findet Lukrez wahrscheinlich in einer Klosterbibliothek in Fulda. Poggio gibt De rerum natura in seiner schönen Handschrift der Welt zurück und bald beginnt das Gedicht, in Intellektuellenkreisen zu kursieren. Daraufhin wird die Kirche den Besitz des Gedichtes ahnden, zumindest jene unter Strafe stellen, die die Philosophie des Lukrez ernst nehmen. Poggio hat selbiges für sich nie behauptet. Ihn interessiert allein die Schönheit des Gedichts. Nur so ist es zu erklären, dass nach Aufenthalten in England und Deutschland Poggio zurück nach Italien reisen und schließlich in Florenz Kanzler werden kann.

Hier endet Poggios Geschichte, doch die von Lukrez beginnt. Intellektuelle wie Giordano Bruno und Erasmus von Rotterdam lesen das Gedicht, die Inquisition verfolgt alle, die die Inhalte für wahr halten und Edmund Spencer übersetzt es ins Englische. Die nächsten Jahrhunderte sind die Leser zwiegespalten. Meist geben sie sich wie Poggio der Schönheit der Lyrik hin und lehnen die philosophischen Inhalte ab. Wo sie es nicht tun, müssen sie wie Giordano Bruno sterben oder sie geben Lukrez‘ Philosophie wie im Fall von Thomas Morus‘ Utopia einen anderen Inhalt. Erst Jahrhunderte später kann Lukrez gelesen werden, ohne die Geister aufzuwühlen. Werden die Inhalte in Kunst umgesetzt, lassen sich jedoch auch Dinge ausdrücken, die der Inquisition sonst negativ aufgefallen wären.

Die unendliche Geschichte

Hier schließt sich der Kreis. Denn es ist ausschließlich die Kunst, die Lukrez ungestraft rezipieren darf. Botticelli schafft daraus eine Hymne an die Venus, die Göttin, die Lukrez als Lebensschöpferin besingt. Raffael wird die griechischen und römischen Philosophen auf ein Fresko bannen und Epikur wird neben Platon, Aristoteles und Cicero seinen Platz einnehmen. Antike Schönheitsideale werden wiedergeboren wie die Architektur. Die Humanisten werden sich den griechischen Unterrichtsdisziplinen wie der Logik, der Rhetorik und der Philosophie widmen und die Kirche wird den Einfluss auf neue Forschungsfelder wie Astronomie, Physik und Mathematik verlieren. Gallilei, Kepler und Newton sind allesamt gebildete Männer, die Lukrez zumindest vom Hörensagen kennen. Schließlich sollte erst in unserer Zeit eine der Grundannahmen Epikurs bewiesen werden: dass die Welt aus Atomen besteht, die sich endlos paaren und wieder auflösen. Dank Poggio Bracciolini gibt es nun einen roten Faden in der Menschheitsgeschichte und mittlerweile ist Lukrez für uns ein völlig unspektakulärer lateinischer Klassiker, der immer noch ein sehr schönes Gedicht geschrieben hat. Es ist Greenblatt zu verdanken, dass es seinen Einfluss nicht verloren hat.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Stephen Greenblatt: Die Wende. Wie die Renaissance begann
(The Swerve. How the World Became Modern, 2011)
Aus dem Englischen von Klaus Binder
München: Siedler 2012
352 Seiten. 24,99 Euro

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