Steuermann, halt den Kurs!

Roman | Hans-Ulrich Treichel: Frühe Störung

London, Paris, New York beherbergen in ihren Konsumtempeln den modernen Jetset. Was jedoch verbindet den Darß, Kalkutta und Fiumicino miteinander? – fragt unser Rezensent HUBERT HOLZMANN. Es ist nicht nur Reiseliteratur wie der Held in Hans-Ulrich Treichels neuem Roman Frühe Störung befindet.
Treichel StörungIn Frühe Störung breitet der derzeitige Direktor des Leipziger Literaturinstituts Hans-Ulrich Treichel wieder einmal einen nicht unbedingt ganz schweren, aber wahrlich auch keinen leichten »Fall« von Bindungsangst aus. Und auch diesmal steht nach Der Verlorene (1998), Menschenflug (2005) und Anatolin (2008) wieder Familie im Vordergrund. Jedoch nicht seine eigene. Direkte autobiografische Bezüge fehlen. Treichels Held ist dennoch – wie kann es anders sein – ein verkappter Schriftsteller, der an Reiseführern schreibt, über Darß und Zingst, über Rom, Indien, Kalkutta.

Hans-Ulrich Treichel dröselt in Frühe Störung wieder einmal ein Familiengefüge auf, setzt sich mit der Mutter-Sohn-Beziehung am Beispiel seines Helden Franz, der vom Familienerbe in Berlin eigentlich nahezu unabhängig leben kann, auseinander. »Unabhängig« ist dabei das zentrale Stichwort, das für Franz nur in Verbindung mit »abhängig« gedacht werden kann. Denn obgleich Franz, ein Mann der mitten im Leben steht, längst nicht mehr bei »Muttern« wohnt, ist sie in seinem Leben die entscheidende Instanz.

»Mutter Mutter Mutter«

Frühe Störung setzt dabei an dem Punkt an, an dem Franz sein »Problem« durchaus recht erfolgreich therapiert hat. Er lebt und handelt sehr bewusst, weiß viel über sich und sein Unterbewusstsein. So erzählt Treichel eigentlich ein Stück von Franz’ Familiengeschichte: über den Konkurs des Vaters, die unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten glücklichere zweite Ehe der Mutter, Franz’ Kindheit, die Arbeit als Journalist während der Wendezeit. von der eigenen Wohnung, den Reisen. Vor allem bestimmt Franz allerdings eines: das »unablässige Mutter Mutter Mutter in meinem Gehirn«.

Diese eine »Übermutter« ist der archimedische Punkt in seinem Leben. Alle Ausbruchsversuche machen dieses ungelöste Problem nur umso deutlicher. Daraus entwickelt sich eine tief tragische und zugleich extrem komische Geschichte. Und Franz steckt in einem tiefen, nicht zuletzt moralischen Dilemma: Franz kümmert sich zu wenig um seine allein lebende Mutter.  Das »Kernproblem«: »Die Ferne, nach der ich mich sehnte, war vor allem die Mutterferne. Und die Ferne, vor der ich mich fürchtete, war dieselbe Mutterferne.«

Das ist nicht nur auf Fernreisen der Fall, sondern schon dann, wenn er ganz harmlos durch Berlin geht. Er hört eine Stimme. »Die Stimme sagte jedoch nicht Mutter Mutter Mutter, sondern ’Franz!’. Mit Ausrufezeichen.« Die Komik in dieser Situation wird dadurch unterstrichen, weil bei Franz nun die Gedanken zu schweifen beginnen: sieht sich »fimreif« in einer Woody Allen-Szene, erinnert sich an die Kindheit, an die Wohnung im Hochparterre, an die »Ruf- beziehungsweise Schreistimme meiner Mutter«, an sein Kindheitsparadies.

Paradies und Kultur-Speicher

Treichels Held Franz stimmt jedoch nicht ein in den Trauergesang über das verlorengegangene Paradies. Er weiß seine behütete Kindheit, seine bourgeoise Lebensweise, seine klassische Bildung zu schätzen: zitiert Episoden der griechischen Klassiker, besitzt kunstgeschichtliche Fundamente, jongliert mit historischen Anekdoten, erweist sich als geografisch geschulter Reisebegleiter und beherrscht selbstbewusst Namedropping im zufälligen Nebenbei.

Ebenso hat er jedoch mit all diesen Wissensdetails zugleich auch Erinnerungen abgespeichert, die ihn und seine Mutter betreffen. Zutiefst kurios etwa die Reise nach Ahrenshoop zusammen mit seiner Mutter, um eine Neuauflage seines Reiseführers über Darß und Zingst vorzubereiten. In seinem Kopf erinnert ihn als Ohrwurm die Musik von »Then there was music and wonderful roses« – jedoch wiederum mit tiefer ironischer Tragweite. Und Treichel führt das Motiv der Musik weiter aus: als Schlaflied, das die Mutter nie »vorgesungen«, als Geigen- und Rosenmotiv für der Mutter Glanz zum »einzigen Schlaflied, das ich kannte«, und als »Schnarchgeräusche der Mutter während des Mittagsschlafes, die mir in den Ohren dröhnten, wenn ich neben ihr lag«.

Die Beschreibung der Mutter, ihre Eigenschaften, ihre Charakterzüge werden ebenfalls mit Bildern aus der Welt des Wissens geschildert. Franz nutzt sein ornithologisches und zoologisches Wissen, wenn er daran denkt, wie er als Kind diese Mittagsstunden auf dem Sofa überstehen musste: Franz erblickt Mutters »Eidechsenaugen«, eine »Eidechsenzunge«, er befürchtet, den »Schnappmechanismus auszulösen«. Wünscht sich selbst: »Nicht tot sein und nicht lebendig. Allenfalls ein Kieselstein wäre ich gerne gewesen… Trocken, rund und vollkommen gefühllos.« Und immer schwingt etwas höchst Trauriges im Unterton mit. Denn die Mutter ist krank. Eine Brust muss amputiert werden. Metastasen werden festgestellt.

Trümmer und Fragmente der Erinnerung

Die traumatischen Kindheitserfahrungen führen nun geradewegs auf die Couch des Psychoanalytikers. Treichel kommt bereits in den Eingangsseiten seines Romans auf Hochtouren: seine Kunst das Erzählmotiv der Mutterbindung zu verdichten, kurze Exkursionen zu Anekdotischem über Sigmund Freud zu unternehmen, über das verstaubte Inventar der Analysepraxis zu spötteln, biografische Notizen über die Familie einzustreuen – in dieser furiosen Exposition blättert Treichel den Roman auf.

Franz Arbeit an der Neuauflage seines Reiseführers ist Programm. Wird zu Treichels Erzählprinzip einer ständigen Revision, Aktualisierung. Der Roman eine Fortschreibung der Therapiesitzungen. Analyse der Gedanken, des Erlebten. Dabei ohne wirklich festgeschriebenes Erzählschema. Es darf völlig frei assoziiert werden. Das Kernprinzip dabei: die Wiederholung, das Wiederaufgreifen von Motiven, das Zweimalsagen. Treichel formuliert einen Gedanken, wiederholt, variiert ihn, er spinnt ihn fort und verortet ihn zugleich.

Die Romreise führt Franz beispielsweise zur Pietà in den Vatikan. Die Situation erinnert ihn an seine Mutter, die »auf dem Operationstisch lag, der die Brust amputiert wurde und die ein Trostlied für mich sang«. Diese Pietà hat es Franz angetan und er kommt noch des Öfteren auf sie zu sprechen. Dieses kalte, steinerne Kunstwerk löst aber ebenfalls untergründige Begier aus: »Ich hätte dieser steinernen Madonna dort im Petersdom am liebsten meine Hand auf den Mund, auf die kühlen marmornen Lippen gelegt, um ihr den Mund zu verschließen.« Und Franz wird noch deutlicher. Aber nicht ganz so direkt.

Er erinnert sich an den Ungarn Laszlo Toth, der »mit einem Hammer auf sie eingeschlagen hatte.« Und führt dann ganz exakt die näheren Umstände aus: »Mit einem Geologenhammer, denn Toth war von Beruf Geologe, was ja ein interessanter Beruf ist und auch mit Geographie zu tun hat. Mich jedenfalls hat die Geologie immer interessiert. Steine überhaupt.« Franz würde am liebsten wohl auch zum Hammer greifen. Überlässt dies stellvertretend aber den anderen.

So wird Treichels Roman Frühe Störung zu einem analytischen Hin und Her, einem Abwägen, einem Diskurs über Ich und den großen Anderen. Franz ist ganz und gar durch die Mutter geformt, durch ihre Welt bestimmt und konfiguriert. Hans-Ulrich Treichels Frühe Störung ist nicht nur für alle »Muttersöhne« als Pflichtlektüre empfohlen.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben:
Hans-Ulrich Treichel: Frühe Störung
Berlin: Suhrkamp 2014
189 Seiten. 18,95 Euro

Reinschauen
Leseprobe

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Von Nichtschwimmer und Wasserratten

Nächster Artikel

»Unrecht ist die Essenz unseres Lebens«

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Maskuline Maskeraden

Roman | Siri Hustvedt: Die gleißende Welt Ist die Wahrnehmung und Wertung künstlerischen Schaffens von Gender, Rasse, Berühmtheit abhängig? Blockiert versteckter Sexismus im Kulturbetrieb systematisch den Erfolg und Aufstieg von Frauen? Siri Hustvedts neuer Roman ›Die gleißende Welt‹ verquickt diskursverliebt wissenschaftliche Thesen mit einer mehrfach schillernden Handlung. Von INGEBORG JAISER

Zwischen Apokalypse, Dystopie und Mummenschanz

Roman | Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön Christopher Ecker zieht in ›Der Bahnhof‹ von Plön mit schwerem Geschütz auf. Beängstigend konsequent bohrt sich der Kieler Autor in die Abgründe menschlicher Albträume. Der Protagonist, der sich im jüngsten Roman seinen Handlungsspielraum nur mit sich selbst teilen muss, mäandert als eine Mischung aus Superheld, Massenmörder und Oberstudienrat durch Raum und Zeit. VIOLA STOCKER stürzt sich ins Verderben.

Realität aus zweiter Hand

Thomas Glavinic: Der Kameramörder
Thomas Glavinic ist noch keine dreißig Jahre alt und legt nun nach ›Carl Haffners Liebe zum Unentschieden‹ (1998) und ›Herr Susi‹ (2000) mit ›Der Kameramörder‹ bereits seinen dritten vorzüglichen Roman vor. Einem ganz brisanten Sujet hat sich der gebürtige Grazer gewidmet: dem sensationslüsternen Boulevardjournalismus der privaten Fernsehsender. Von PETER MOHR

Agentendrama in drei Akten

Roman | Mick Herron: Bad Actors

Was ist mit Sophie de Greer passiert? Die im Beraterstab des britischen Premierminister tätige Wissenschaftlerin ist über Nacht verschwunden. Nun suchen sie sie alle: Anthony Sparrow, der zwielichtige Mann, der de Greer eingestellt hat und nach mehr Macht giert, ebenso wie der Inlandsgeheimdienst MI 5 unter seiner Chefin Diana Taverner. Selbst Claude Whelan, Vorgänger und Intimfeind der intriganten »Lady Di«, wie Taverner intern genannt wird, muss noch einmal in die Spur. Nur Jackson Lamb und seine ausrangierten Spione aus der Aldersgate Street haben es nicht so eilig. Denn obwohl sie bei ihren Oberen längst abgeschrieben sind, wissen sie wieder einmal mehr. Mit Bad Actors legt Mick Herron den achten Band rund um die unter dem Namen »Slow Horses« bekannten Männer und Frauen vor, denen niemand im Geheimdienst Seiner Majestät mehr einen ordentlichen Job anbietet. Doch wo Skandalöses in der Luft liegt, mischen die Frauen und Männer um Lamb trotzdem immer mit. Von DIETMAR JACOBSEN

Hardcore-Hype in der Kulturhauptstadt

Roman | Krimi | Massimo Carlotto: Die Marseille Connection Am Ende des Actionkinos French Connection (1975) fährt der Drogenboss Alain Charnier auf seiner Jacht die schier endlose Ausfahrt des alten Hafens von Marseille entlang, während ihn der New Yorker Cop Jimmy »Popeye« Doyle alias Gene Hackman an der Kaimauer nachjagt. Dieser Dreh bezieht minutenlang die einmalige Stadtkulisse Marseilles um den Vieux Port mit ein. Eine cineastische Glanzleistung. Ganz im Gegensatz dazu vermeidet der italienische Erfolgsautor Massimo Carlotto in seinem neuesten Krimi Die Marseille Connection jegliche Anspielung auf das Lokalkolorit der europäischen Kulturhauptstadt von 2013. Über die Gründe kann HUBERT HOLZMANN