Humanist, kein Revolutionär

Jeder Ukrainer kennt die Figur des Aeneas. Allerdings weniger als Figur des lateinischen Epos von Vergil, sondern in der dort bekannteren Version von Iwan Kotljarewskyj. Dessen Eneїda ist als erstes Werk der modernen ukrainischen Literatur in den Kanon eingegangen. Von JUTTA LINDEKUGEL

Iwan Kotljarewskyj Iwan Petrowytsch Kotljarewskyj ist als Dramatiker und Autor sowie Aufklärer bekannt geworden und gilt als Begründer und erster Klassiker der modernen ukrainischen Literatur. Vor 250 Jahren, am 29. August 1769, wurde er im Ort Poltawa, östlich von Kiew, geboren. Im Oktober 1838 starb er eben dort. Nur in seiner Zeit als Soldat hielt er sich auch außerhalb von Poltawa auf.

Zur Zeit Kotljarewskyjs war die Ukraine zwischen dem russischen Zarenreich und der österreichisch-ungarischen Monarchie aufgeteilt. Das Ukrainische erfuhr eine Abwertung als »kleinrussische« Bauernsprache. Die Zaporozher Sitsch, eine autonome ukrainische Staatsformation der dortigen Kosaken, war durch Katharina die Große erst 1775 vernichtet worden, also noch in lebendiger Erinnerung, die Leibeigenschaft wurde eingeführt. In diesem Kontext siedelte Iwan Kotjlarewskij Vergils Aeneis in der Erfahrungswelt der ukrainischen Bevölkerung an und ließ die trojanischen Kämpfer als ukrainische Kosaken auftreten.

Gleichzeitig markiert das späte 18. Jahrhundert die Endphase des dortigen Barocks, das in der Ukraine als »Kosaken-Barock« eine spezielle nationale Ausprägung erhielt, die sich unter den Bedingungen des Hetmanats, etwa eines hohen Bildungsniveaus, und in Bezug auf den Kosakenstaat, besonders demokratisch, patriotisch und realistisch ausnahm und Burlesken, Travestie und Poesie zugeneigt war.

Vater Petro Kotljarewskyj war Schreiber im Magistrat. Die Mutter entstammte einem Kosakengeschlecht. Nach dem Studium am Priesterseminar von Poltawa war Iwan Kotljarewskyj ebenfalls in der Verwaltung, später als Hauslehrer tätig. Dabei lernte er das Leben der Bauern, die einfache Bevölkerung, ihre Sitten und Geschichten kennen. 1794 begann Kotljarewskyj seine schriftstellerische Tätigkeit. Zwei Jahre später wurde er Soldat – ein weniger bekanntes Kapitel seiner Biographie.

Als Soldat der russischen Armee nahm er unter anderem am russisch-türkischen Krieg teil und organisierte 1812 ein Kosaken-Kavallerieregiment aus Kosaken, das gegen Napoleon kämpfte. Einige Quellen vermuten, dass sich Kotljarewskyj aufgrund einer unglücklichen Liebe für den militärischen Dienst entschieden hatte.

Ab 1812 war Kotljarewskyj künstlerischer Leiter des freien Theaters Poltawa. Den Zeitgenossen galt er als gebildet, bescheiden, ein guter Erzähler und Spaßvogel, der die nationale Küche, Wein und Tabak schätzte. Er sammelte ukrainische Sprichwörter und Volkslieder und war in Wohltätigkeitsorganisationen aktiv. Vor seinem Tod soll er sechs Leibeigene entlassen haben.

Kotljarewskyjs Leben und Gesamtwerk legen nahe, dass er zwar kein Revolutionär, doch aber Humanist und an der Verbesserung der Umstände interessiert war. Für die sozial und national unterdrückte ukrainische Bauernschaft hegte er Sympathien. Ein Denkmal für Kotljarewskyj in Poltawa aufzustellen, erwies sich Ende des 19. Jahrhunderts als entsprechend schwierig.

Kotljarewskyjs Werk ist mit drei Stücken alles andere als umfangreich. Doch hatten diese drei Theaterstücke einen umso größeren Einfluss, denn erstmals wurde die ukrainische Umgangssprache auf der Bühne verwendet. Am Poltawer Theater zuerst aufgeführt, waren die Dramen des ukrainischen Autors auch im St. Petersburg der 1820er Jahre erfolgreich. Die dramatischen, tragischen, aber auch satirischen Werke begeisterten durch ihre Zwischenspiele und die Komik.

Kotljarewskyj kommt mit wenigen Schauspielern aus, die Handlung entwickelt sich natürlich. Typisch für Kotjlarewskyjs Stücke sind außerdem die populäre, sehr ausdrucksstarke Sprache und viel Humor. In Moskal-Tschariwnyk (›Der moskowitische Zauberer‹), eine 1819 geschriebene und aufgeführte, doch erst 1841 gedruckte Vaudeville, deren Lieder in die Folklore eingingen, ist das einem Volksmärchen entnommene Thema eheliche Untreue, wobei der Autor jedoch nicht moralisiert.

Plakette mit Szene aus dem Stück Natalka Poltavka auf dem Denkmal des Autors Ivan Kotlyarevsky in Poltava, Ukraine.
Smerus, Natalkapoltavka, CC BY-SA 3.0
Die Operette Natalka Poltawka stammt ebenfalls aus dem Jahr 1819 und wurde ebenfalls zuerst am Poltawer Theater aufgeführt. Gedruckt wurde sie 1837. Hier geht es um eine unglückliche Liebe, bei der unterschiedliche soziale Schichten aufeinandertreffen. Natalka soll einen reichen älteren Herrn heiraten. Ihr geliebter Petro kehrt jedoch rechtzeitig mit ausreichend verdientem Geld zurück, um diese Hochzeit zu verhindern. Selbst der reiche Heiratskandidat hilft dem jungen Paar nun bei der Vorbereitung der Hochzeit. Mit lebendigen Charakteren, im nüchternen Stil, aber gleichzeitig kunstvoll wie humorvoll zeichnet Kotljarewskyj ein idyllisches Bild von Poltawa und lässt die Folklore der Stadt einfließen.

Kotljarewskyjs Burleske ›Eneїda‹ schließlich war das erste Stück, das komplett in der zeitgenössischen gesprochenen Sprache verfasst war. Gedruckt wurden die sechs Teile zwischen 1798 und 1820, komplett jedoch erst 1842. Kunstvoll übersetzt von Irena Katschaniuk-Spiech erschien es 2003 in deutscher Sprache, alle folgenden Zitate stammen aus dieser Ausgabe (Hrsg: Leonid Rudnytzky und Ulrich Schweier: Ivan Kotljarevs’kyj: Aeneida, München 2003). Mit je zehn gereimten Zeilen im vierfüßigen Jambus erfand Kotljarewskyj für seine Burleske eine neue Versform.

Vom Vorbild Vergil sind das Setting und in den Motiven sowie die Figuren übernommen. Doch hat Kotljarewskyj ein ganz eigenes, originelles Werk geschaffen, durchdrungen von ukrainischer Folklore. Die ukrainische Realität drängt dabei die antike Welt in den Hintergrund. Die trojanischen Helden werden zu Zaporozher Kosaken. Ebenso wie die Götter bewegen sie sich in der Ukraine des späten 18. Jahrhunderts:

»Als Juno vom Olymp aus spähte
Und auf dem Meer Aeneas sah,-
Den Wink gab Heba ihr, die Schlampe –
Ward von Entsetzen sie gepackt!
Mit einem Pfau vor ihrem Schlitten,
Das Haar im Kopftuch gut versteckt,
Damit die Zöpfe nichts verrieten,
In einfaches Gewand gehüllt,
Und Brot und Salz auf einem Teller,
So fuhr zu Aeolus das Biest.«
(S. 3/4, Vers 4.)

In farbigem, umgangssprachlichem Ukrainisch lässt Kotljarewskyj viele ethnographische Details des damaligen Alltags ins Geschehen einfließen: ukrainische Speisen, Historisches, Lieder, die Beschreibung von Trachten, Sitten wie etwa das Überreichen von Salz und Brot zur Begrüßung.

»Man reichte Sliwowitz in Bechern,
Met, Bier, die Braha und den Kwas,
Auch Branntwein aus der Galantwurzel
Und ebenso Wacholderschnaps.
Dann wurde aufgespielt zum Tanze,
Bandura und Schalmei erklang,
Flöten, im Wettstreit mit den Geigen,
Gaben, soviel sie konnten, her.
Und dazu wirbelten im Kreise
Die Mädchen, zierlich und adrett.
(…) Tanzte Aneneas den Hopak.«
(S. 10, Vers 28 und S. 11 Vers 30)

Die einfachen Leute stellt der Autor sympathisch dar, mit Satire wendet er sich gegen deren Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit und verspottet die russifizierten Gesellschaftsschichten. Sein Olymp ist ein vom normalen Alltag abgehobenes Ministerium. So findet Aeneas in Kotljarewskyjs Hölle Feudalherren und Beamten vor. Die Leibeigenschaft an sich kritisiert der Autor nicht, doch die Herren, die ihre Leibeigenen schlecht behandelt haben, werden in seiner Hölle bestraft.

»Die Gutsherrn wurden da gefoltert,
Rundum gebraten auf dem Blech,
Weil sie die ihnen Anvertrauten
Ausgenutzt, schlechter als das Vieh.
Zur Strafe mußten sie Holz fahren,
Das Schilf beschneiden tief im Schlamm,
Es als Brennholz zur Hölle schleppen.
Die Teufel gaben auf sie acht
Und trieben sie mit Eisenruten,
Wenn einer etwas schlapp gemacht.«
(S. 68, Vers 70)

Kotljarewskyjs Anliegen ist also weniger ein soziales als vielmehr ein moralisches, humanistisches.

Während Vergils Aeneas Troja verlässt, um das künftige Rom zu gründen, wird Kotljarewskyjs Aeneas Chef der Kosaken. So zeigt sich, dass der Autor als Patriot das Hetmanat idealisiert und den Freiheitsdrang der Kosaken.

»So war’s bei uns in alten Zeiten,
Als die Hetmanen noch regiert
Und man Kosaken angeworben:
Sie lernen ›Achtung!‹ und ›Habt Acht!‹
Die Regimenter von Poltawa,
Lubensk und Hadjać blühten auf,
Wie roter Mohn, mit ihren Mützen,
Als sie gegen den Feind gestürmt
Die Lanzen gegen ihn gerichtet,
Und alles ringsum flach gemäht.«
(S. 121, Vers 101)

Auch die Idee einer Wiederherstellung ukrainischer Streitkräfte, wie Kotljarewskyj sie im wahren Leben ja anstrebte, findet sich in seinem Versepos wieder.
Heroisches wird in der Eneїda alltäglich und umgekehrt. So verwendet Kotljarewskyj das »Kleinrussische«, das vielen Zeitgenossen als niedriger Stil galt und von dem sich die Romantiker dezidiert absetzten, als Mittel der Parodie, also gerade nicht um einen niedrigen Stil zu erzeugen, sondern Lachen.

Die Lachkultur aus der ukrainischen Folklore diente Kotljarewskyj als Prisma für die heroische Darstellung des Vergil. So entstand ein ambivalentes, unterhaltsames, aber auch ernstes Werk, in dem das Lachen als reinigende Kraft dem menschlichen Laster entgegengesetzt wird. Es ist ein ernstes Lachen oder ein lächelndes Weinen.

Den Ernst hinter Kotljarewskyjs Humor und humorvoller Sprache verstanden nur wenige Zeitgenossen. Manche Kritiker glaubten, er reihe sich bei den Spöttern ein und setze das Ukrainische als bäuerlichen Dialekt herab. Sein Stil fand andererseits viel Bewunderung und viele Nachahmer in der Ukraine.

Kotljarewskyjs Aeneis ist ein mutiger Kosak, ein geschickter Krieger, dem jedoch menschliche Schwächen nicht fremd sind. Er trinkt gern und lässt sich von schönen Frauen verführen, ebenso wie seine Getreuen.

»Voll Übermut war’n die Trojaner
Und sie vergaßen bald ihr Leid;
Sehr häufig haben Glück die Bösen,
Gute werden vom Pech verfolgt.
Keineswegs wollten sie sich schonen,
Sie schlenderten sogleich umher
Und suchten, was das Herz begehrte:
Die einen Honig und den Schnaps,
Andere Frauen oder Mädchen,
Und stillten so den Appetit.«
(S. 50, Vers 6)

Während Vergils Götter mächtig und rachsüchtig sind und für ihre eigenen Ziele gegeneinander arbeiten, wobei sich am Ende dramatischerweise doch das Schicksal durchsetzt, wirkt es bei Kotljarewsyj komisch, dass die Götter so menschlich und keineswegs allmächtig sind.

»Zeus aß gerade einen Hering,
Mit Wodka löschte der den Durst,
Wievielter Becher – siebter, achter,
Oder gar eine Flasche voll?
Venus trat ein mit trister Miene,
Weinte beklommen, klagte schwer,
Und schluchzend fing sie an zu sprechen: (…)«
(S. 7, Vers 15)

Oder Gott Aeolus auf die Bitte von Juno, ein Gewitter auf Aeneas zu schicken:

»Doch schau, kein Wind ist eben frei.
Boreas liegt krank nach dem Zechen,
Notus ist fort zum Hochzeitsfest,
Der Zephyrus, dieser Hallodri,
Verbringt mit Mädchen seine Zeit,
Und Eurus arbeitet als Löhner.
Nun siehst du selber, wie es ist!«
(S. 4, Vers 7)

Kotljarewskyjs Eneїda bildet stilistisch keine Einheit. So nutzt er etwa verschiedene Sprachebenen, um Lachen hervorzurufen. Aeneas lässt beispielsweise seine Mannen Latein lernen und schickt dann die Gelehrigsten als Gesandte zu König Latinus, wo sie erklären:

»Aeneus noster magnus Herrus,
Ruhmreicher Trojanorum Fürst,
Irrte zur See wie ein Tsiganus,
Ad te, o rex, schickt er nunc uns.
Rogamus, domine Latine,
Daß unser caput überlebt:
Permitte bei dir einzukehren,
Ob für pecunii, ob gratis,
Und wir bedanken uns auch satis
Für die beneficentia.« (S. 105/106, Vers 46)

Durch die humorvolle und national gefärbte Verwendung von Vergils Motiven schuf Kotljarewskyj ein eigenständiges Werk. So ist Aeneas sowohl als Figur von Vergil, viel mehr aber noch als Charakter aus Kotljarewskyjs Werk bis heute, 250 Jahre nach dem Geburtstag des Autors, sehr lebendig in der Ukraine, die nach der jüngsten Präsidentenwahl zwar Unklarheit, aber auch Hoffnung auf einen Neuanfang erlebt.

Die Widersprüchlichkeit des Menschlichen und Heldenhaften von Kotljarewskyjs Charakter Aeneas entspricht der komplexen Realität der Ukraine. Das demokratische Erbe des Kosakentums macht diesen Aeneas gerade fortdauernd, so auch in der aktuellen Situation, zu einer nationalen Identifikationsfigur.

| JUTTA LINDEKUGEL
| TITELFOTO: Unknown, Іван Котляревськиy, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

2 Comments

  1. Danke für die guten Erklärungen zur Person Iwan Kotljarewskyj und dem Werk „Enejida“.
    Durch Zufall bin ich heute auf diesen ukrainischen Schriftsteller aufmerksam geworden.
    Habe nun einiges im Internet zu ihm als Begründer der ukranischen Schriftsprache gelesen und landete dann auch auf dieser schön gestalteten, inhaltsreichen Seite.

    Den Ukrainer Nikolai Gogol lese ich schon lange Zeit gern und konnte heute – durch einen Verweis auf ihn – in seiner Geschichte
    „Der Jahrmarkt von Sorotschinzy“ einige den Abschnitten vorangestellte Zitate (als Motto) aus Kotljarewskyjs Enejida neu lesen.
    So fügt sich nach Jahren neue Erkenntnis zu bereits bestehender Kenntnis.

    Besonders schön finde ich Ihren letzten Satz zum Charakter des ukrainischen Aeneas angesichts des nun schon 4 Jahre andauernden Terrorkriegs der Russen in der Ukraine .
    Man muss die ukrainischen Soldaten und die Zivilbevölkerung bewundern und hoch achten, wie sie diesen Krieg durchstehen. Sind es vielleicht auch die im Volk nie untergegangenen Kosakentugenden resp. wild sich auslebenden Überlebensstrategien mit Fest und Feier (Wein, Weib und Gesang?), die ein Volk zusammenschweißen und stark machen im Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit und Demokratie? Und dass nun ein Jurist und zugleich excelenter Schauspieler noch Präsident ist und nicht wegrennt, sondern geschickt verhandelt im Namen seines Volkes, um den trumpisten und putinisten nicht sein Volk zu opfern, das ist geradezu Glück im Unglück. Ich sage es anders: Der das Komische und allzu Menschliche als Schauspieler spielte, spielt jetzt nicht, aber er läßt mit sich auch nicht spielen. Jeden Tag halten er und viele UkrainerInnen uns und putin und dessen Volk den Spiegel vor.

  2. Ich bedanke mich bei den Autoren sehr herzlich! Ich bin Ukrainerin, komme aus Poltawa her, „Aeneas“ von Kotljarewskij ist mir gut bekannt. Ihre Analyse finde ich sehr kennenswert, für mich wenigstens war sie sehr interessant. Tetyana Bondarenko

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