Das gallige Gelächter

Roman | Monika Maron: Artur Lanz

»Natürlich kann ich nicht sagen, mein Leben fängt erst 1990 an, aber es ordnet sich um einen anderen Mittelpunkt, und die Fragen stellen sich anders. Ich hätte ,Pawels Briefe‘ nicht schreiben können, solange es die DDR noch gab«, bekannte die Schriftstellerin Monika Maron, die im Rückblick auf ihr eigenes Leben von einer »gemischten Biografie« spricht. Deutsch-deutsche Grenzgänge im geografischen wie im politischen Sinn spiegelten sich nachhaltig im Werk der Kleist- und Hölderlin-Preisträgerin, die 1981 mit dem in der damaligen DDR verbotenen Roman Flugasche (1981) erstmals für Furore gesagt hatte. PETER MOHR hat Marons politisch durchaus brisanten Roman Artur Lanz für TITEL kulturmagazin gelesen.

In den letzten Jahren hat sich Monika Maron, die ein Jahr vor der Wende aus der DDR in den Westen übergesiedelt war, politisch mehr und mehr auf den rechten Rand zu bewegt und allerlei krude Gedanken über Ängste und Sorgen »besorgter Bürger« zu Papier gebracht. In ihrem letzten Roman Munin – oder Chaos im Kopf (2018) ließ sie eine vereinsamte, dem Populismus zugewandte Frau mit einer einbeinigen Krähe Konversation treiben. Ob dies ein gelungener Kunstgriff war, sei dahin gestellt.

Nun jedenfalls hat die 79-jährige Monika Maron auch auf die Tarnung durch eine Figur aus der Tierwelt (häufig in ihrem Oeuvre) verzichtet und mit der Erzählerin Charlotte Winter eine Art Ich-Abspaltung ins literarische Rennen geschickt. Sie ist Schriftstellerin, hat die Siebzig weit überschritten und sieht sich selbst als unangepasste Querdenkerin. Die Protagonistin lernt den zwanzig Jahre jüngeren Artur Lanz kennen, der in der Kunststoffforschung arbeitet und der neuen Freundin berichtet, dass »meine heldenverliebte Mutter mit der Verbindung von Artur und Lanz die Geschichte vom Heiligen Gral beschwören wollte. König Artus und Lancelot in ihrem einzigen Sohn vereint.«

Und schon befinden wir uns mitten im Gedankenchaos dieses Thesenromans, in dem soziale Medien eine große Rolle spielen und es um Verschwörungstheorien geht, die eine vermeintliche Protesthaltung zum Ausdruck bringen.

All das, was in den letzten Monaten durch die Corona-Krise noch verstärkt wurde, wird hier gebetsmühlenartig von den Figuren wiederholt: Klagen über vermeintliche Deutungshoheiten des politischen Establishments und seiner Gefolgsleute in den Leitmedien. Von einer »Meinungsdiktatur« ist die Rede, und pathetische Wehklagen über Verluste fragwürdiger Heldenfiguren werden angestimmt (»Wir hatten kein Bild mehr von einem Helden, schon das Wort war verdorben.«)

Lanz‘ Arbeitskollege Gerald Hauschildt muss sich wegen eines Facebook-Kommentars (»Wir marschieren geradewegs ins Grüne Reich, diesmal nicht über die Autobahn, sondern über Stromtrassen!«) bei seinen Vorgesetzten rechtfertigen.

Hier wird schwarz-weiß gemalt, dass sich die Balken biegen. Einen Diskurs und Figuren, die einen Gegenpart bilden könnten, sucht man vergebens. Stattdessen ist von schlecht ausgebildeten, fremden jungen Männern die Rede. So werden holzschnittartige Feindbilder installiert – ganz nach der populistischen Methode: WIR und DIE.

Ganz ausgeprägt ist bei Monika Marons Figuren eine Art intellektueller Verfolgungswahn, von einem »Klima zunehmender politischer Anfeindungen« ist die Rede. Zwei Männer verlassen darauf hin Deutschland und ziehen in die Schweiz. Ist dies vielleicht ein heldenhafter Schritt in der von Maron verkündeten Epoche der »postheroischen Gesellschaft« gewesen?

Man ist einigermaßen ratlos nach der Lektüre dieses auch künstlerisch völlig verunglückten, weil total eindimensionalen Romans. Was ist nur aus der großen Schriftstellerin Monika Maron geworden.

»Ich wusste wenig über die Bikerszene, hin und wieder war zu lesen, dass sie einen Hang zur Kriminalität hätte. Aber diese vom männlichen Ur-Instinkt getriebene Aktion gefiel mir.« Solche Sätze, auch wenn sie ihn ihrer »Heldin« Charlotte Winter in den Mund gelegt hat, möchte man nicht lesen. Sind sie Ausdruck von Ratlosigkeit, von völliger Entwurzelung aus unserer Gesellschaft, von totaler Anarchie oder sogar ein latenter Aufruf zur Gewalt?

»Die Erinnerung an unser galliges Gelächter habe ich bewahrt wie die Erinnerung an alles, das schön war in dieser Zeit: die Jugend, Liebe, Freundschaft«, entfährt es Charlotte Winter. Das klingt wie Lagerfeuerstimmung der Ewig-Gestrigen, und man wendet sich mit Schaudern ab.

| PETER MOHR

Titelangaben
Monika Maron: Artur Lanz
Frankfurt/M.: S. Fischer 2020
220 Seiten, 24.- Euro
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Reinschauen
| Peter Mohr über Monika Maron in TITEL kulturmagazin

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