Die schwere Bürde eines guten Lebens

Roman | Daniela Krien: Der Brand

Der Brand bringt die zuvor schon dahinschwelenden Eheprobleme eines ostdeutschen Paars erneut zum Auflodern, wobei sich die ländliche Abgeschiedenheit eines Sommerdomizils als Katalysator erweist. Daniela Krien entwirft in ihrem neuen Roman das Psychogramm einer in die Jahre gekommenen, vielfach versehrten Beziehung und das Ausloten unterschiedlicher Lebensentwürfe. Von INGEBORG JAISER

Der BrandDie Nachricht an sich wäre schon eine Hiobsbotschaft. Das Ferienhaus in den Ammergauer Alpen, das Rahel und Peter für den Sommer angemietet haben, ist abgebrannt und für immer zerstört. Das erfährt das Dresdner Akademikerpaar gerade mal drei Tage vor der geplanten Abreise.

Schlimmer noch: auf die Schnelle ist kein Ersatz zu finden, »nicht in diesem Jahr, nicht unter den gegebenen Bedingungen.« Denn man schreibt August 2020. Die Rettung kommt in Form eines unerwarteten Angebots von Freunden, ihren abgelegenen Bauernhof in der Uckermark für einige Zeit zu betreuen.

Kammerspiel einer Ehekrise

Mit dieser Exposition lässt Daniela Kriens ihren neuen Roman Der Brand beginnen. Und man könnte die folgenden Kapitelblöcke, die die kommenden drei Wochen beschreiben, fast schon wie eine griechische Tragödie lesen. Als ob sich eine weltweite Katastrophe in der privaten Ehekrise eines nicht mehr ganz jungen Paars verdichten würde. Denn wo könnten sich Konflikte, Differenzen, Auseinandersetzungen ungeschützter ausbreiten als in der Abgeschiedenheit einer ländlichen Einöde? Als Rahel und Peter das weitläufige, schon etwas verfallene Anwesen beziehen, wählen sie intuitiv zwei auseinanderliegende Zimmer – und vor allem kein gemeinsames Bett.

Verschieden waren sie schon immer: hier die aktive, selbstbestimmte, dominante Psychotherapeutin Rahel, dort der introvertierte, sensible Bücherliebhaber, Denker und Germanistik-Professor Peter. Nach 30jähriger Ehe tritt während eines ungewollten Stillstands die Divergenz der Partner deutlicher denn je zu Tage. Während es Rahel nach Bewegung und Begegnung dürstet, zieht sich Peter in die innere Emigration zurück, verstärkt durch unliebsame äußere Faktoren und herbe Erfahrungen. »Sein Hang zur Gründlichkeit geht ins Pedantische, die kritische Distanz ist zur Weltabkehr geworden.«

Wie durch ein Brennglas bündeln sich die aufgelaufenen Probleme der vergangenen Monate und Jahre, um diese brüchige Ehe zum Lodern zu bringen. Denn im Fokus der Pandemie verstärken sich die grundlegenden Verhaltensmuster, die Peter im Gespräch mit seiner Frau schon früher im Jahr angesprochen hat: »Wegen des Virus begannen die Menschen, große Bögen umeinander zu machen. Sie sei eine dieser Personen, denen man ausweicht, während er zu jenen gehöre, die anderen den Vortritt ließen.«

Fragiles Gleichgewicht

Als Kontrapunkt zur sommerlichen uckermärkischen Klausur dringt die Außenwelt in Form verdrängter Kontakte auf den Plan: durch die Hofbesitzer und Wahlverwandten Ruth und Viktor, durch Rahels und Peters längst erwachsene Kinder mit sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen. Und hier manifestiert sich das Kardinalthema dieses Romans, umfassend formuliert im vorangestellten Motto von Ernst Cassirer: »Widerspruch ist ein Grundmoment des menschlichen Daseins.« Was gilt es im Pro und Contra nicht alles zu ermessen: Jung gegen Alt, Ost gegen West, Stadt gegen Land, aber auch Familiensinn gegen Selbständigkeit, Alleinsein gegen kollektive Verbundenheit.

Bereits in ihrem letzten, vielbeachteten Roman Die Liebe im Ernstfall (2019) hat die in Leipzig lebende Autorin Daniela Krien das schwierige Abwägen unterschiedlicher Lebensentwürfe – meist aus der Sicht von Frauen – thematisiert. Viele dort schon vage aufgeworfene, nur angetippte Fragen fokussieren sich in Der Brand zu einem hellsichtigen und schonungslosen Psychogramm einer bröckelnden Beziehung. Ob eine Rettung im Rückzug aufs Landleben zu finden ist, diskutieren derzeit mehrere zeitgenössische Romane wie Judith Hermanns Daheim oder Juli Zehs Über Menschen. Daniela Krien lässt ihr entwurzeltes, emotional unbehaustes Großstadtpaar zumindest Hoffnung schöpfen angesichts der heilsamen Erdung, die Naturnähe und ein dörfliches Heim bieten könnten.

Daniela Kriens an sich nüchterner und schnörkelloser Erzählstil wird in ihrem aktuellen Roman von wachsender Empathie und psychologisierenden Passagen durchsetzt. Dass die Protagonistin Rahel eines Abends das neueste Buch von Elizabeth Strout »in einem Rutsch« durchliest, kann durchaus als achtungsvolle Referenz verstanden werden. Auch Der Brand lässt sich leicht an einem Tag verschlingen – nicht nur als spätsommerliche Lektüre, sondern gerade im dunkler werdenden Herbst.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Daniela Krien: Der Brand
Zürich: Diogenes 2021
271 Seiten, 22 Euro
| Erwerben Sie diesen Band protofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Hilfe gegen nächtliche Schrecken

Nächster Artikel

Remember how to love

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Wenn der Eismann zweimal klingelt

Live | 41. Tage der deutsch-sprachigen Literatur in Klagenfurt »Germanisten-Porno« nannte es die ehemalige Preisträgerin Nora Gomringer, »Beachvolleyball-Turnier für Literatur« der Juror Klaus Kastberger: den jährlichen Wettbewerb um den begehrten Ingeborg-Bachmann-Preis, zu dem zur besten Sommerfrischezeit die Stadt Klagenfurt in diesem Jahr eingeladen hatte. Von INGEBORG JAISER

Last in Proviant verwandeln

Roman | Ulla Hahn: Wir werden erwartet Es ist vollendet. Die inzwischen 72-jährige Schriftstellerin Ulla Hahn hat ihren großen, 2500-seitigen autobiografischen Zyklus mit dem nun vorliegenden, opulenten Roman ›Wir werden erwartet‹ abgeschlossen und ihren beschwerlichen Weg von der Nachkriegskindheit in der rheinischen Kleinstadt bis hin in die hochpolitischen 1970er Jahre nachgezeichnet, in denen die Wurzeln ihrer schriftstellerischen Laufbahn liegen. Von PETER MOHR

Jenseits des roten Flusses

Roman | Marcie Rendon: Stadt, Land, Raub

Zu Beginn des nach Am roten Fluss (deutsch im Hamburger Argument Verlag 2017) zweiten Romans von Marcie Rendon um ihre 19-jährige Heldin Renee »Cash« Blackbear ist die am Moorhead State College gelandet. Mehr als für »Bio« oder »Psycho« interessiert sich die intelligente junge Frau, für die der meiste ihr hier begegnende Lehrstoff nur langweilige Wiederholung von bereits Bekanntem darstellt und richtige Freunde sich wohl auch nur schwer unter der College-Klientel finden lassen, allerdings für den Billardsaal auf dem Campus. Um ein bisschen Geld zu verdienen, fährt sie nicht mehr Mähdrescher wie in Rendons Erstling, sondern klemmt sich – inzwischen ist die Zeit der Zuckerrübenernte gekommen – in den Nächten hinter das Steuer eines Rübenlasters. Bis das Verschwinden einer Kommilitonin aus ihrem Psychologie-Kurs Cash erneut unfreiwillig mit einem Verbrechen konfrontiert. Von DIETMAR JACOBSEN

Wyatt und die Raubkunst

Roman | Garry Disher: Hitze Wyatts achter Auftritt führt ihn an die australische Goldküste im Osten des Landes. In dem kleinen Urlauberörtchen Noosa, nördlich von Brisbane, versucht Garry Dishers krimineller Held, sich bzw. seine Auftraggeberin in den Besitz eines Gemäldes aus dem 17. Jahrhundert zu bringen. Die Nazis haben das Bild einst für das von Hitler in Linz geplante Museum einer jüdischen Industriellenfamilie abgegaunert. Nun will Hannah Sten, Nachkommin der einstigen Besitzer, das Bauern bei der Feldarbeit zeigende Kunstwerk zurückhaben. Von DIETMAR JACOBSEN

Nicht heulen, schreiben

Roman | Doris Dörrie: Diebe und Vampire Doris Dörrie, die gerade ihren 60. Geburtstag gefeiert hat, ist eines der raren, überaus erfolgreichen künstlerischen Multi-Talente. Filme, Drehbücher, Regiearbeiten an bedeutenden Bühnen, Erzählungen und Romane – alles ihr Metier. Die gebürtige Hannoveranerin, die mit ihrer leicht schrägen Film-Komödie »Männer« (mit Uwe Ochsenknecht und Heiner Lauterbach in den Hauptrollen) 1985 den großen Durchbruch geschafft hatte, legt nun nach vierjähriger literarischer Auszeit den federleicht geschriebenen, äußerst humorvollen Roman Diebe und Vampire vor. Von PETER MOHR