/

Die Stunde der Raketen

Roman | Robert Harris: Vergeltung

Man schreibt den November des Jahres 1944 und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Krieg jene besiegt, die ihn fünf Jahre zuvor begonnen haben. Doch Hitlers Deutsches Reich wähnt sich noch im Besitz einer Waffe, mit deren Hilfe alles anders kommen könnte. Die V2-Raketen sollen das Schicksal Deutschlands in letzter Minute wenden. Von mobilen Abschussrampen gen England geschickt, sind sie erst zu orten, wenn es längst zu spät ist. Eine Möglichkeit der Gegenwehr gibt es allerdings: die Startplätze der Raketen unmittelbar nach deren Abschuss unter Feuer nehmen. Doch wie soll man die finden? Von DIETMAR JACOBSEN

Verborgen in einem Waldgebiet nahe dem holländischen Seebad Scheveningen, betreut der deutsche Ingenieur Rudi Graf, ein Freund und Mitarbeiter Wernher von Brauns, als technischer Verbindungsoffizier im November 1944 ein Artillerieregiment. Wenn es Probleme gibt mit den V2-Raketen, von denen alle zwei bis drei Tage 20 Stück bei Nacht und Nebel mit dem Zug geliefert werden und so schnell wie möglich Richtung England abgeschossen werden müssen, ist er der Mann, der zur Not auch lebensgefährliche Eingriffe in die Technik der Flugkörper vornimmt.

Die Begeisterung für die Raumfahrt hatte den naturwissenschaftlich hochbegabten Sohn eines Lehrerehepaars schon mit 16 Jahren in die Nähe Wernher von Brauns und des Berliner »Vereins für Raumschifffahrt« geführt. Man teilte einen gemeinsamen Traum: die Eroberung des Weltraums. Doch das Hobby der idealistischen jungen Männer ist teuer. Und als 1932 das Reichswehrministerium die Finanzierung und technische Ausstattung des Projekts übernimmt, ist schon zu ahnen, in welche Richtung es künftig gehen soll. Hitlers »Wunderwaffe« nimmt langsam Gestalt an, zunächst in Peenemünde, später dann in der Nähe der thüringischen Stadt Nordhausen in einer unterirdischen Fabrik, in der die SS KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter einsetzt.

Der Traum von der Eroberung des Weltalls

Während Graf, längst desillusioniert und von der baldigen deutschen Niederlage überzeugt, nur noch Dienst nach Vorschrift macht – um die Moral des Regiments zu stärken und gegen eventuelle Saboteure vorzugehen, hat Berlin extra einen Offizier des »Nationalsozialistischen Führungsstabs« entsandt –, sucht sich im knapp 300 km entfernten London die 24-jährige Offizierin Kay Caton-Walsh, nachdem sie einem V2-Angriff nur mit knapper Not überlebt hat, ein neues Tätigkeitsfeld. Von der Luftbildauswertung lässt sie sich mit Hilfe eines Vorgesetzten, mit dem sie eine gerade endende Affäre verbindet, zu einer im belgischen Mechelen stationierten Sondereinheit versetzen. Die soll mittels ballistischer Berechnungen aus der Flugbahn und dem Einschlagsort abgeschossener Raketen Rückschlüsse auf deren Startort ziehen. Geschieht das schnell, könnte Letzterer bombardiert werden, bevor der Gegner Zeit hätte, ihn zu verlegen.

In seinem Roman München ließ der britische Bestsellerautor Robert Harris bereits 2017 zwei Protagonisten aus unterschiedlichen Lagern – einen deutschen und einen englischen Diplomaten zur Zeit der Münchener Konferenz vom September 1938 – aufeinandertreffen. Spielte dieser Roman vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, befinden wir uns in Vergeltung nun kurz vor dessen Ende. Anders als Hugh Legat und Paul von Hartmann, die gemeinsam in Oxford studierten und sogar zeitweilig in dieselbe Frau verliebt waren, kennen sich Rudi Graf und Kay Caton-Walsh zunächst nicht. Er sorgt – zunehmend unwilliger und nach und nach ins Visier der Gestapo geratend – in Holland dafür, dass es am technischen Zustand der angelieferten V2-Raketen nichts zu bemängeln gibt.

Sie arbeitet in Belgien fieberhaft daran, die von den V2-Raketen ausgehende Gefahr für ihr Heimatland zu minimieren. Erst am Ende des Romans lässt Robert Harris seine beiden fiktiven Helden einander begegnen. Da schreibt man bereits den September des ersten Friedensjahres und die westlichen Siegermächte überbieten sich darin, Wernher von Braun und seine engsten Mitarbeiter für ihre eigenen Raketenprogramme zu gewinnen.

Zwischen Rechenschieber und Résistance

Vergeltung ist ein typischer Harris-Roman. In einem penibel recherchierten historischen Setting – sämtliche V2-Angriffe auf London im Spätherbst 1944 haben tatsächlich in genau der Reihenfolge und mit den Resultaten stattgefunden, wie sie der Roman beschreibt und seine Figuren sie erleben – lässt er die Geschichte zweier Menschen spielen, die – jeder auf seine Weise – noch nach ihrer Rolle in der Welt suchen. Zieht die britische Offizierin Kay Caton-Walsh mit ihrer Entscheidung, an vorderster Front daran mitzuarbeiten, dass der Krieg möglichst bald ein Ende findet, die Konsequenzen aus ihrem bisherigen Leben und den am eigenen Leib erlebten Folgen eines Raketenangriffs, agiert der deutsche Wissenschaftler Rudi Graf zunehmend unter dem Eindruck, nicht besser zu sein als jene, die die Angriffe auf fremde Städte und Länder befehlen.

»Wie viele Zivilisten hatte er schon umgebracht? […] Mein Gott, dachte er. Was bin ich? War er wirklich besser als die SS? In gewisser Weise war er sogar schlimmer. Wenigstens hatten sie den Mumm, ihren Opfern ins Gesicht zu schauen, wenn sie sie hinrichteten.« Von solchen Fragen und Selbstvorwürfen gequält, geht Graf das Sonnyboy-Hafte seines Freundes Wernher von Braun zunehmend gegen den Strich und er entscheidet sich schließlich dafür, zurückzugehen und die junge Engländerin zu suchen, in die er sich bei ihrem ersten Zusammentreffen unmerklich verliebt hat, anstatt »in New Mexico [zu] bleiben und in White Sands Raketen für die Amerikaner [zu] bauen.«

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Robert Harris: Vergeltung
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
München: Wilhelm Heyne Verlag 2020
367 Seiten. 22.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Schlechtes Wetter gibt es nicht

Nächster Artikel

Ein ganz normaler Tag

Neu in »Neu«

Leben

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Leben

Zufrieden, fragte er, ob er mit seinem Leben zufrieden sei, wolle sie wissen, weshalb.

Wie gereizt er reagiere, dachte sie, auf eine harmlose Frage, ungewöhnlich, dachte sie, er sei doch nicht cholerisch, sagte erst einmal nichts und schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Er betrachtete das Service, den lindgrünen Drachen, er hatte es im vergangenen Jahr aus Beijing mitgebracht, ein Geschenk.

Die Sonne spendete wohltuende Wärme an diesem herbstlichen Nachmittag, sie hingen ihren Gedanken nach.

Drei Gedichte

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

Als Gärtner

Ich ziehe die Wortblumen auf,
aber nicht die unmögliche blaue,
sondern die nicht welkenden,
die ihre volle Schönheit
entfalten beim inneren Sehen.

Songs for all and none

Musik | Interview | marc moraire: Songs for all and none

Pünktlich zum Herbstbeginn erschien am 22. September das neue Album des Musikers marc moraire. Erst 2020 erschien mit dem musikalischen Drama »The Story of Robert Volant« sein Debütalbum. Jetzt legt er mit ›songs for all and none‹ nach und überrascht direkt mit einer Besonderheitt: Während er sich in seinem ersten Album zwei Musiker:innen für den Gesang mit ins Boot genommen hatte, singt marc nun selbst. Spoiler: Das kann sich sehen bzw. hören lassen! Von den Texten, über die Instrumente und Aufnahmen, bis hin zu den Fotografien, die die herbstliche Stimmung des Albums unterstreichen, entstammt das Projekt damit komplett marc moraires Feder. SARAH SCHMITTINGER traf den Musiker auf einen Tee an einem seiner Lieblingsplätze, einer Parkbank, um über das Gewicht der Welt zu sprechen.

Legenden sind resistent gegen die Trivialitäten des Details

Musik | Frederick J. Spencer: Jazz and Death

Jazz and Death Wollen wir das eigentlich wirklich so genau wissen? Vermutlich ist Billie Holiday im Manhattan Hospital am 17. Juli 1959 deswegen gestorben, weil sie sich, von Leberzirrhose und Herzschwäche eh schon stark angeschlagen, ein paar Dollarscheine in die Vagina geschoben, dadurch den dort angebrachten Katheder infiziert hat, der das Ganze an die Blase und schliesslich an die Nieren weitergeben hat, was letztlich zu einer tödlichen Nierenentzündung führte. Es war rein medizinisch sogar noch komplizierter, aber das schenken wir uns jetzt. Von THOMAS WÖRTCHE

Was es heißt, ein Einzelner zu sein

Gesellschaft | Rüdiger Safranski: Einzeln sein / Karl Heinz Bohrer: Was alles so vorkommt

»Jeder ist ein Einzelner. Aber nicht jeder ist damit einverstanden und bereit, etwas daraus zu machen.« Diese Sätze stehen am Anfang seiner philosophischen Überlegungen über den Menschen in Rüdiger Safranskis neuem Buch ›Einzeln sein – Eine philosophische Herausforderung‹. In den sich anschließenden sechzehn Kapiteln entwickelt der Autor keine elaborierte »Theorie des Ichs« und er verfasst auch kein Vademecum für Selbstoptimierer und Selbstverwirklicher, sondern er sucht, von der Renaissance bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts, nach Bestimmungen dessen, was es heißen kann, ein Einzelner zu sein. Gezeichnet werden die Porträts von Menschen, die sich entschieden haben, autonome Individuen zu sein, in ihrem Leben und in ihrem Denken, in einer Gemeinschaft, aber oft genug auch gegen sie. Von DIETER KALTWASSER