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Einatmer

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Einatmer

Sinnlos, sagte Sut, ganz und gar sinnlos, und setzte sich in Widerspruch zu Termoth. Der war überrascht und schwieg.

Nichts werden wir ändern, ergänzte Sut Welcome to hell, sagte er: Der Geist des Todes werde den Menschen heimsuchen..

Wer zuhörte, erschrak.

Termoth nickte und lächelte. Auf keinen Fall würde er sich dazu äußern. Es gab unumstößliche Gewohnheiten, es gab Regeln, an die er sich hielt. Auf der ›Boston‹ das Wort zu ergreifen, das kam für ihn nicht in Frage, die ›Boston‹ war das Territorium von Sut.

Wie so oft war die Besatzung nahezu vollzählig mittschiffs versammelt, man hatte nicht den Eindruck, auf einem Walfänger zu sein. Auf Gramners, des Kochs, Hütte saß Touste, eine Gitarre im Arm, und vor dem Mund, auf ein Gestell gesteckt, eine Mundharmonika – Touste war ein Eigenbrötler, und Gramner sah ihm argwöhnisch zu. Was würde das werden, mit wem war das abgesprochen?

Die Männer waren neugierig auf Touste, ihre Heimat ist das Meer, ihre Freunde sind die Sterne.

Das Maschinenwesen, sagte Sut, sei ein Dämon, der sich des Menschen bemächtigt habe.

Was das sei, ein Dämon, flüsterte Harmat.

Ein böser Geist, antwortete Pirelli: Die Sphinx sei ein Dämon gewesen, sie finde sich auf Statuen nachgebildet, die von Archäologen ausgegraben würden, ein geflügelter Löwe mit dem Kopf einer Frau, und galt den Griechen als eine dunkle Macht der Zerstörung und des Unheils. Bereits die Ägypter hätten die Sphinx gekannt, das sei lange her, bei ihnen sei sie maskulin gewesen, in Gizeh findet ihr eine monumentale Statue und Widder-Sphingen in der Tempelanlage von Karnak, die Statuen, heißt es, hätten als Schutzmacht, als mythisches Bollwerk gegen die Sandstürme aus der libyschen Wüste gedient.

In Ägypten seien sie demnach keine bösen Geister gewesen, fragte Bildoon.

Wo das sei, Libyen, fragte McAlister.

Afrika, sagte Mahorner.

In Libyen würden schreckliche Kriege geführt, sagte Pirelli.

Drohnen, sagte LaBelle, Robotwaffen.

Ruhe!, zischte Thimbleman.

Woher Pirelli all das wisse, fragte sich Harmat.

Weshalb, fragte sich Crockeye, beschäftigen wir uns in der Ojo de Liebre mit den Gegebenheiten in Afrika?

Touste summte eine Melodie.

Gramner fand das störend, mischte sich aber nicht ein, er hatte großen Respekt vor Touste.

Das Maschinenwesen locke mit unvorstellbaren Verheißungen, versteht ihr, sagte Sut, es werde bis nach den Sezessionskriegen dauern, daß eine Bahnlinie vom Atlantik quer über den Kontinent an die Westküste führe. Man werde komfortabel reisen, die mühseligen, lebensgefährlichen Trecks über die Rocky Mountains würden entfallen.

Sezessionskriege?, fragte Thursday.

Sut eile der Zeit voraus, erklärte Mahorner.

Wie immer, sagte Gramner.

Vor allem jedoch die Dampfschiffe seien eine verhängnisvolle Innovation, der Mensch wisse nicht, welches Unheil er anrichte. Das Maschinenwesen treibe den Menschen vor sich her, und der Mensch wiege sich in der Illusion, daß ihm Mühsal erspart bleibe.

Das Dampfschiff sei nicht abhängig von den Winden und den Flauten – so preise der Mensch seine Erfindung –, es fahre keine Umwege, sondern halte unverrückbar Kurs, und einfältig, wie der Mensch sei, sagte Sut, rühme er das als einen Fortschritt, sein Leben werde sich verbessern, und er werde seine Reisen genießen in der Bahn, im Dampfschiff, im Automobil, gar im Flugzeug. Seit den Funden vor Sacramento lebe der Mensch im Rausch, im Goldrausch, versteht ihr, sagte Sut, doch das Gold gehöre dem Planeten.

Die Männer stöhnten auf.

Der Mensch eigne es sich bedenkenlos an, wie er sich das Erz aneigne, das Petroleum, der dämonische Geist treibe ihn unerbittlich vor sich her, und immer bleibe es derselbe Rausch, seit neuestem beute der Mensch Ölsande aus, in gigantischen Mengen in Athabasca.

Ach, sagte Crockeye unbekümmert, davon geht die Welt nicht unter.

Er bilde sich ein, aus freien Stücken zu handeln, warnte Pirelli, und ahne nicht, daß er getrieben werde.

Ob ihn das entschuldige, fragte Harmat entrüstet.

Sut lächelte. Seine Gier treibe ihn. Sie stachle ihn an, daß er sich den Planeten aneigne und sich anmaße, über ihn zu verfügen. Der Mensch lehne sich behaglich zurück, er konstruiere Flugmaschinen, schieße Raketen zu fernen Himmelskörpern, er schwadroniere von einer Besiedelung anderer Planeten, er zähle und messe, er telefoniere über Kabel und bald darauf drahtlos, die Gier sei unstillbar.

Er wiege sich in der Illusion, Zeit zu sparen, sagte Gramner.

Als ob das sein Leben verlängere, spottete Pirelli.

Er sei zwanghaft, sagte Sut, er sei besessen von dem Wahn, die Abläufe kontrollieren zu müssen, versteht ihr, wo er die Welt gestalte, möchte unsereins nicht leben.

Auch bei uns träten solche Kommandeure auf, flüsterte McAlister.

Er spreche von Eldin, fragte Harmat.

Eldin sei entspannter, seitdem er sich die Schulter verletzt habe, widersprach Bildoon, Schmerz sei heilsam, und die Umstände würden sich laufend ändern.

Touste schlug Akkorde auf der Gitarre an.

Gramner empfand das als störend.

Eldin sagte kein Wort. Rede etwa der Himmel? Die vier Jahreszeiten haben ihren Wechsel, die Dinge entstehen und wachsen. Rede etwa der Himmel?

Wovor habe denn der Mensch Angst, fragte Sut, wovor fürchte er sich, daß er so rastlos, so ziellos, so panisch davonlaufe?

Ich habe keine Angst, erklärte McAlister aufgebracht.

Ruhe!, zischte Thimbleman.

Sut spreche über den Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts, sagte Mahorner.

Wie das möglich sei, fragte Crockeye verblüfft.

Er verstehe es eben, sagte Harmat,

Ruhe!, zischte Thimbleman.

Der Mensch rede von Fortschritt, sagte Sut, und wer aufmerksam zuhöre, wer auf die Wortwahl achtgebe, der stoße auf eine Menschheit, die sich gehetzt fühle, gejagt, von ständigem Wachstum besessen – doch wovor laufe sie davon? Auf welches Ziel steuere sie zu?

Sut wiederhole sich, flüsterte Harmat.

Nein, sie wisse es nicht, sagte Sut, es sei jener Dämon, der sie antreibe und sie weder innehalten noch zur Besinnung kommen lasse. Das sei ein niederträchtiges Spiel, versteht ihr?

Ein Spiel?, fragte Bildoon verwundert.

Die Schnelligkeit der Abläufe nehme rasant zu, sie beschleunige exponentiell, versteht ihr, so sehr, daß es unmöglich werde, sich einen Überblick zu verschaffen, geschweige denn unparteiisch zu bleiben, weil jeder alle Sinne und Gedanken darauf richten müsse, in der Spur zu bleiben, ja genau in dieser Spur, alternativlos in dieser Spur, heiße es, nein er dürfe nicht aus dieser Spur fallen, keinesfalls, und diesbezüglich müsse für Sicherheit gesorgt, müsse Vorsorge getroffen werden, unbedingt.

Abenteuerlich, sagte Crockeye.

Unvorstellbar, sagte Pirelli.

Man müsse doch auch auf neue Gedanken kommen, wandte der Rotschopf ein.

Der Mensch jener Zukunft tue ihm jetzt schon leid, sagte Mahorner.

Ein Kränzchen alter Weiber, ergänzte McAlister, doch sein Scherz kam nicht gut an.

Wir seien schuld, sagte der Rotschopf.

Wir?, fragte Harmat erschrocken.

Unfug, widersprach Thimbleman.

Eldin faßte nach der schmerzenden Schulter.

Doch, sagte Crockeye und gab dem Rotschopf recht: Wir lassen zu, daß die Dampfschiffe die Klipper verdrängen.

Unfug, wiederholte Thimbleman aufgebracht.

Das passe hinten und vorne nicht, ergänzte der Rotschopf.

Wie erkläre ich das, fragte Sut, es sei grotesk, die Dinge liefen auf eine Katastrophe zu, und niemand finde ein Bremspedal oder greife ins Steuer und ändere den Kurs. Nach wie vor werde der Planet geplündert. In Angst erstarrt sehe die Menschheit zu, als wäre sie das Publikum.

Wer plündert den Planeten?, fragt Harmat.

Zuerst waren es die Goldgräber, die Neunundvierziger, sie fingen damit an, sagte Pirelli, und es wäre höchste Zeit, innezuhalten.

Die Goldgräber vom Schürfen abbringen?, fragt Crockeye. Das wäre Selbstmord, niemand könnte das.

Die Natur sei ein fein gestimmtes Netzwerk, sagte Sut, eine kunstvolle Symphonie, und sofern deren Rhythmen aus dem Takt fielen, gediehen die Früchte der Erde nicht mehr. Ein erwachsener Mensch wisse das und warte nicht ab, bis Schäden aufträten und ihm eifrige Wissenschaftler in kostspieligen Untersuchungen die Schäden nachwiesen.

Da wäre das Kind längst in den Brunnen gefallen, sagte Pirelli.

Unvorstellbar, sagte der Rotschopf. Der Mensch richte dieses Unheil an?

Seine Aktivitäten, sagte Sut, belasten den Planeten und die Geschöpfe. Die Situation sei grotesk. Wovor fürchte er sich, daß er ständig davonlaufe und sich in neue, größer dimensionierte Projekte flüchte? Er habe vor, sich gegen alle erdenklichen Risiken zu wappnen.

Das sei krank, sagte der Rotschopf.

Soll ich mich nicht davor schützen, daß der Wal sich zur Wehr setzt?, fragte Crockeye.

Wie könne es so weit kommen?, fragte Harmat.

Der Mensch jener Zukunft sei von Sinnen, sagte Mahorner, er sei degeneriert.

Anders sei nicht vorstellbar, daß er sich in eine solche Lage bringe, sagte der Rotschopf.

Pirelli legte die Stirn in Falten.

Eldin schwieg.

Nichts sei ihm heilig, sagte Sut. Geo-engeneering – habt ihr davon gehört?

Geo was?, fragte Harmat.

Ihre Ingenieure, sagte Sut, wollen den Klimawandel mit Großtechnik aufhalten.

Klimawandel?, fragte McAlister.

Sut verzettele sich, flüsterte Bildoon.

Er sei nicht mehr der jüngste, sagte der Zwilling.

Das Thema sei kompliziert, sagte Mahorner, die Menschheit richte ein finales Durcheinander an.

Ein Tohuwabohu, spottete Pirelli.

Wie gegenwärtig in der Stadt Frisco?, fragte Bildoon.

Ungefähr so, sagte der Rotschopf: Nur eben daß der Schaden global sein werde und irreparabel.

Daß das Klima leide?, fragte Bildoon.

Es kollabiere, sagte der Rotschopf.

Wie es möglich sei, daß das Klima kollabiere, fragte sich Harmat.

Und in dieser Situation drängen ihre Wissenschaftler und Ingenieure ins Rampenlicht, sagte Sut, dieselben Wissenschaftler und Ingenieure, die die Voraussetzungen für die Katastrophe erst schufen, und unterbreiten neue Vorschläge – sei das denn kein Größenwahn? Unser Leben ist begrenzt, doch das Wissen ist grenzenlos. Gefährlich ist’s, dem Grenzenlosen nachzugehen mit dem, was Grenzen hat. Wer dennoch dem Wissen nachläuft, obwohl dem so ist, dessen Leben ist gewiß in Gefahr.

Wer sagt das?, fragte der Ausguck.

Da hat er recht, sagte Bildoon.

Und wie unermeßlich ihre Angst ist, sagte Sut, man möchte das nicht glauben. Sie reagieren zwanghaft, sie leiden unter Kontrollwahn, ihre Lage ist aussichtslos, paradox, eine Doppelbotschaft, eine Falle, der niemand entrinnt, und weit und breit ist keine Zuflucht in Sicht.

Sie tun mir leid, sagte der Rotschopf.

Schrecklich, sagte Bildoon.

Die Menschen sind Einatmer, sagte Gramner.

Manchmal denke ich, sie sind selbst schuld an ihrer ausweglosen Lage. Beginne alles Unheil mit der Dampfschiffahrt?

Wir sollen schuld sein?, fragte der Rotschopf verwundert.

Touste spielte die Melodie von ›A Hard Rain’s A-Gonna Fall‹ auf seiner Mundharmonika an.

Thimbleman warf ihm einen verärgerten Blick zu.

Weshalb wir nicht Abstand nähmen von einer vergifteten Technologie, hielt Sut dem Rotschopf vor. Sie sei ein tückischer Dämon, sagte er, janusköpfig, und schlage Wurzeln auf dem Planeten.

Was das sei, ein Einatmer, fragte Harmat.

Nein, er wisse nicht, sagte Sut, wogegen der Mensch sich so erbittert zur Wehr setze. Vielleicht daß er die Naturgewalten fürchte und sich dagegen wappne, ankämpfe gegen die Natur, sie kontrollieren wolle. Das sei gut möglich.

Bildoon lachte. Wie wolle er Natur unter seine Kontrolle bringen? Auf See reffst du Segel und hoffst, daß der Sturm abklingt, vorübergeht, ohne daß die Brigg Schaden nimmt. Wolle er die Stürme kontrollieren?

Das ist gut, höhnte der Rotschopf, der Mensch sei megaloman, und lachte.

Wo er das aufgeschnappt habe, fragte der Zwilling, und die anderen stimmten in das Gelächter ein.

Gib mir die Flasche, rief Crockeye dem Rotschopf zu.

Pirelli beugte sich erschöpft über die Reling. Hier in der Ojo de Liebre ließe es sich aushalten. Solange die Verletzungen nicht ausgeheilt waren, war an Walfang nicht zu denken. Die Schwarzen auf der ›Marin‹ hatten noch mit dem Abspecken der beiden Wale zu tun, die sie am ersten Tag erlegt hatten. Scammon saß in seiner Kajüte über seinen Aufzeichnungen, er sammelte Daten über Meerestiere, er war beschäftigt.

Auch ich verstehe ihn nicht, Bildoon, sagte Sut. Sein Wahn, jeden Ablauf zu kontrollieren, ist zwanghaft. Das Geschehen verlaufe in einer falschen Richtung, jahrhundertelang, versteht ihr?

Man müsse eingreifen, verlangte der Rotschopf.

Bildoon sah zum Rotschopf und stimmte begeistert zu.

Die Dampfschiffahrt lasse sich nicht verhindern, wandte Mahorner ein. Die Schiffseigner würden bereits mit dem Gedanken spielen, die Landenge von Panama für einen Kanal zu durchstechen.

Solch ein Kanal, erklärte Pirelli, werde allein für Dampfer schiffbar sein.

Der Mensch betrete eine Einbahnstraße, sagte Sut, und während jeder unbefangene Beobachter das Klima kollabieren sehe, ergötze der verwirrte Mensch sich noch an technologischen Hirngespinsten und rede sich den Zustand des Planeten schön.

Sei ihm nicht zu helfen?, fragte der Rotschopf.

Eher nicht, sagte Pirelli.

Es sei der Rausch, sagte Crockeye.

Jahrhundertelang, wiederholte der Rotschopf.

Eldin hielt sich die schmerzende Schulter.

Pirelli legte die Stirn in Falten.

Er könne einem leid tun, sagte Harmat.

Es handle sich um unsere Nachkommen, mahnte der Rotschopf.

Deren Nachkommen würden gegen ihre Eltern auf die Straße gehen, sagte Sut, man stelle sich das vor.

Peinlich, sagte der Rotschopf.

Ein neues Projekt seiner Wissenschaftler bestehe darin, Tiere für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen, sagte Mahorner.

Brieftauben?, fragte Bildoon.

Er kriege wohl den Hals nicht voll. McAlister stöhnte.

Ruhe, zischte Thimbleman.

Eisbären würden Funkhalsbänder umgebunden, sagte Sut, damit die Forscher über deren Aufenthalt und Wanderungen informiert bleiben, denn die Eisflächen schmelzen, der natürliche Lebensraum schrumpft, und die Forscher glauben die Situation unter Kontrolle zu haben, ich sagte es. Indem sie die Flugrouten von Vögeln, denen winzige Sender appliziert sind, aufzeichnen, setzen sie darauf, eine Krankheit frühzeitig zu lokalisieren, etwa die Vogelgrippe, deren Ursprung am chinesischen Poyang-See vermutet und von Enten und Wildgänsen übertragen wird. An die hundert Palmenflughunde, eine Vogelart, von der sie vermuten, sie übertrage Ebola, sind in Ghana und Sambia ebenfalls mit Sendern ausgestattet.

Die Wissenschaftler arbeiten ambitioniert, ergänzte Pirelli, und es handle sich doch lediglich um eine wieder neue Technologie, von der sie sich die Lösung der Probleme verheißen, medial mit dem leidigen Gewese präsentiert, es ist das alte Lied.

Ihnen komme nicht in den Sinn, sagte Sut, daß diese Krankheiten und Seuchen der Zivilisation selbst geschuldet seien. Anstatt über ein von Grund auf anders beschaffenes Zusammenleben nachzudenken, würden sie unverdrossen ihrer seit Jahrhunderten gespielten Methode folgen, nachträglich die Scherben aufsammeln und die von ihnen verursachten Risse kitten.

Resteverwertung, spottete der Rotschopf.

Abscheulich, stöhnte Pirelli.

Der Mensch sei ein Einatmer, wiederholte Gramner, und wende keinen Gedanken daran, auszuatmen, er atme sowieso nur aus, sage er, weil er zuvor eingeatmet habe, und hält das Ausatmen für bedeutungslos. Da seht ihr, wie wenig er verstehe, ihm seien die natürlichen Rhythmen abhanden gekommen, eine Atempause kenne er nicht, er wolle nichts als nur einatmen, gierig einatmen, gierig alles einatmen.

Crockeye war amüsiert. Das sei ja wie essen, ohne zu verdauen, spottete er und konnte sich nicht halten vor Lachen über diese nachfolgenden Generationen. Er genieße diesen fröhlichen Nachmittag, sagte er, das Leben in der Ojo de Liebre sei unbeschwert.

Weitab vom Geschehen der Welt, sagte der Ausguck.

Gramner schmunzelte. Du hast völlig recht, Crockeye, sagte er, und bitte vergleiche das mit unserem Wal, der ein Atempause-Charakter sei, er tauche an die Oberfläche, um aus- und wieder einzuatmen, und schwimme anschließend, stell dir vor, während er den Atem halte, seelenruhig Kilometer um Kilometer durch die grenzenlosen Meere des Planeten. Sieh unseren Grauwal, der aus dem Bering-Meer hoch im Norden bis zur Ojo de Liebre und den anderen Lagunen gelange. Der Einatmer aber finde nicht zur Ruhe, nein, nicht von selbst, nie im Leben, allein der Schlaf entreiße ihn dem Tagesgeschehen.

Die Dinge seien voller Widersprüche, ergänzte Sut. Der Mensch verlange von seinen Mitmenschen, daß sie sich in die Gemeinschaft integrieren, doch wiederum sehe er keine Notwendigkeit, sich in die  Abläufe des Planeten zu fügen.

Er könne sich nicht in die Natur einordnen?, fragte Bildoon.

Sut nickte.

Wer zur See fahre, sei erleichtert, daß er sich gar nicht erst auf dem Festland einrichten müsse, sagte Thimbleman.

Es gehe um die Zukunft, sagte der Rotschopf.

Eine ferne Zukunft, ergänzte Mahorner.

Das ändere nichts, entgegnete der Rotschopf verärgert, wir müssen uns kümmern, denn sonst wäre alles zu spät.

Eldin faßte nach der Schulter. Der Schmerz hatte während der Ruhetage nachgelassen, ein Ende schien absehbar. Höchste Zeit, daß sie die Schaluppen erneut in die Lagune ruderten und dem Wal nachsetzten. Die Zeit des Nichtstuns dauerte viel zu lange, Eldin war kein Freund von endlosen Erzählungen und ausufernden Gesprächen, das Wehklagen über den Zustand der Welt war ihm zuwider.

Er werde auslöffeln müssen, sagte Sut, was er sich eingebrockt habe, und rückbauen, was die kapitalistische Ökonomie angerichtet habe.

Rückbauen?, fragte Bildoon.

Sein ausufernder Anspruch zerstöre ihm die eigenen Lebensgrundlagen. Das werde ihm mit Beginn des neuen Jahrtausends nach und nach selbst aufgehen. Sofern er beizeiten zur Vernunft komme – wozu ihn der Schmerz erziehen könne –, werde er viele seiner zuvor in den höchsten Tönen angepriesenen technologischen Errungenschaften rückgängig machen. All das sei für jeden nüchternen Verstand absehbar.

Stimme, laut dröhnend. Donnerstag früh erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,7 den Norden der japanischen Insel Hokkaido. Der Zugbetrieb kam zum Erliegen, Fabriken standen still. Im Atomkraftwerk Tomari mußte ein Abklingbecken mit Notstromaggregaten gekühlt werden. Auf der gesamten Insel kam es zu Stromausfällen. Drei Millionen Haushalte waren betroffen. Experten warnten vor Nachbeben. Erst vor zwei Tagen war ein verheerender Taifun über diese Region gezogen. Das Land kommt nicht zur Ruhe.

Stimme, laut dröhnend. Florence wurde am Montagmorgen als ein Hurrikan der Kategorie vier mit Windgeschwindigkeiten von rund 250 km/h eingestuft. Der amerikanische Präsident sagte daraufhin aus Sicherheitsgründen eine geplante Midterm-Wahlkundgebung in Mississippi ab.

Stimme, laut dröhnend. Vorhersagen zufolge werde Florence am Donnerstag oder Freitag auf Süd-Carolina, Nord-Carolina und Virginia treffen. In seiner Schneise lägen sechs Kernkraftwerke. Die Gouverneure kündigten an, die gesamten küstennahen Bereiche evakuieren zu lassen. Abgesehen von Flutwellen von ein bis vier Metern an der Küste werden tagelang bis weit ins Landesinnere heftige Wolkenbrüche erwartet, hinter Florence formieren sich Isaac und Helena.

Stimme, laut drönend. In China sind dreiundvierzig Prozent des Flußwassers und in den großen Städten neunzig Prozent des Grundwassers so verschmutzt, daß sie als giftig gelten.

Stimme, laut dröhnend. Vom Pazifik nähert sich der Taifun Mangkhut, der auf seinem Kurs auf das Südchinesische Meer zu am Samstag über die Nordspitze der Philippinen ziehen und am Sonntag oder in der Nacht zum Montag auf die Südküste Chinas treffen wird. Es wurden bereits Windgeschwindigkeiten bis zu 255 km/h gemessen.

Aus der Distanz betrachtet und mit nüchternem Blick, sagte Sut, spiele sich zu Beginn des neuen Jahrtausends der Verteilungskampf ab um jene verbleibenden Regionen, auf denen die Biosphäre noch menschliches Leben gestatte.

Der Mensch sei nicht imstande, den Transport von Personen und Gütern schadstoffrei zu organisieren, sagte Sut, er wisse nicht mit den Ruinen der atomaren Energie umzugehen, er nutze eine Verwirrung stiftende Vielfalt an medialer Kommunikation, eine einheitliche Kultur werde fragmentiert, die Versiegelung der Landschaft verursache gravierende Probleme, die Agrarindustrie produziere minderwertige Nahrung – eine Lawine breche über ihn herein, und der Mensch wisse nicht ein noch aus.

Bildoon wandte sich an Harmat. Verstehst du, wovon er redet?

Er redet über die Zukunft. Die Aussichten sind desaströs, es ist ein Elend.

Der Mensch verstehe es nicht, sagte Sut. Die Dinge seien kompliziert und einfach zugleich. Die Fotografie zum Beispiel breite sich nun seit einigen Jahren aus und werde populär werden, und ebenso der Film, der zu Beginn des vor uns liegenden Jahrhunderts entstehe. Diese Technologien, sagte er, bildeten die Welt ab, gleichnishaft, fügte er hinzu: Als ob sie gedacht seien, eine letzte Erinnerung zu bewahren.

Sut finde kein Ende, mahnte Crockeye.

Sut sei ein exzellenter Erzähler, widersprach McAlister heftig.

Ruhe!, zischte Thimbleman.

Auch die Fotografie, fuhr Sut fort, sei, so könne man sagen, von einem dämonischen Geist getragen, der sich zwischen den Menschen und die Wirklichkeit dränge.

Verstehe ich das?, fragte sich Harmat.

Der Mensch, sagte McAlister, so jedenfalls erkläre es Sut, werde von der Oberfläche des Planeten verdrängt.

Und empfinde das wohl als vergnüglich, spottete Pirelli, denn er unternehme nichts dagegen.

Das sei Galgenhumor, protestierte Thimbleman.

Der Mensch konzentriere sich auf die Abbildungen, er nehme sie für bare Münze, erhebe sie in den Rang von Kunstwerken, degradiere sich zum Zuschauer und vernachlässige die Aufgaben und Pflichten, die er seiner Heimstatt schulde, dem Planeten. Er lasse zu, daß ihn die Bilder überfluten, sagte Sut, indes ihm der Planet entgleite.

Sut atmete tief. Der Mensch, hatte er hinzufügen wollen, nehme das Abbild für die Wirklichkeit, der Aufstieg der Fotografie sei ein Menetekel, sie gelte gar als Kunst.

Der Mensch, ergänzte er, habe jeglichen Impuls aufgegeben, einzugreifen, sei blind geworden für die Nöte seiner Mitmenschen, schon gar für die des Planeten. Tourismus breite sich aus, als ob es gelte, Abschied zu nehmen – ein visueller Leichenschmaus.

Unter warmen subtropischen Temperaturen war später Abend geworden.

Die Männer applaudierten teils anerkennend, teils begeistert. Was wäre ihnen die Ojo de Liebre ohne Sut!

Bravo!, rief Pirelli, bravo!

Thimbleman war entnervt, er stand auf, um sich die Beine zu vertreten.

Der Ausguck schlug Salti.

Sut hatte sich verausgabt, das Reden hatte ihn mitgenommen, er lehnte sich zurück und wandte den Blick nach den Sternen.

Bildoon sah Harmat fragend an.

Mahorner stützte sich auf die Reling; er lauschte auf das Rauschen des Meeres.

Eldin lächelte versonnen.

| WOLF SENFF

Textzeilen von Lolita und Zarah Leander, die erwähnten Ereignisse beziehen sich auf KW 27, 2018, die Zitate sind Konfuzius XVII,19 bzw. Zhuangzi III,1.

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