//

Die Schöne und das »Biest«

Menschen | zum 95. Geburtstag von Gina Lollobrigida

»Ich habe das Recht, mein Leben bis zum Schluss leben zu dürfen. In meinem Alter verlange ich nur eines: dass sie mich in Frieden sterben lassen! Den Rummel habe ich zu lange mitgemacht! Jetzt meide ich ihn. Deshalb bin ich so gern in Pietrasanta in der Toskana«, hatte die Schauspielerin Gina Lollobrigida erklärt, die vor 15 Jahren noch einmal für ein kräftiges Rascheln im Blätterwald sorgte. Die angekündigte Hochzeit mit dem 34 Jahre jüngeren spanischen Unternehmer Javier Rigau platzte dann aber doch. Von PETER MOHR

Ein Porträtfoto von Gina Lollobrigida aus den 1960er JahrenZur Ruhe gekommen ist »La Lollo« seitdem dennoch nicht. Seit Jahren versucht ihr Sohn Milko Skofic junior, sie entmündigen zu lassen und ist dabei stets gescheitert. Im Oktober 2021 bestätigte das Oberste Gericht in Italien ein Urteil, wonach ein Vormund über das Vermögen von Lollobrigida wachen soll.

Für eine ganze Männergeneration Europas war Gina Lollobrigida mehr als eine erfolgreiche Schauspielerin. Mit ihren feurig-funkelnden dunklen Augen, den tiefschwarzen langen Haaren und der üppigen Oberweite verkörperte sie das Schönheitsideal der 1950er Jahre. »Gina Nazionale«, wie die Italiener die Schauspielerin respektvoll nannten, war die Schönheit wohl schon in die Wiege gelegt worden.

Mit drei Jahren wurde die Tochter eines Möbeltischlers aus Subiaco (50 km östlich von Rom) zum »schönsten Kleinkind Italiens« gewählt, 17 Jahre später belegte sie bei der Wahl zur »Miss Italia« den dritten Platz. Kein Wunder, dass »La Lollo« 1950 in einem wenig anspruchsvollen ›Miss Italia‹ betitelten Streifen die weibliche Hauptrolle spielte.

Der große Durchbruch gelang Gina Lollobrigida, die Malerei und Bildhauerei studiert hatte, nicht in Italien, sondern in Frankreich – als Wahrsagerin in Christian Jacques Persiflage ›Fanfan, der Husar‹ (1951) und in René Clairs ›Die Schönen der Nacht‹ (1952). Ihr erstes Hollywood-Intemezzo, zu dem sie Howard Hughes aufgefordert hatte, brach die Schauspielerin abrupt ab, als der US-Regisseur Ginas Scheidung vom Mediziner Milko Skofic forderte.

In den Folgejahren erreichte Gina Lollobrigida auch in ihrer Heimat Kultstatus – durch »Brot, Liebe und Fantasie« (1953) und die Fortsetzungen »Brot, Liebe und Eifersucht« (1954) und »Liebe, Brot und 1000 Küsse« (1955). Es waren nicht anspruchsvolle Rollen oder feine Charakterzeichnungen, die ihren Ruhm ausmachten, sondern die Aura der betörend schönen Frau.

Gina Lollobrigida war noch nicht 30 Jahre alt, als sie 1956 an der Seite von Anthony Quinn als Esmeralda im »Glöckner von Notre Dame« den Gipfel ihrer Popularität erreichte. Humphrey Bogart, Sean Connery, Alec Guinness, Horst Buchholz, Jean-Luis Trintignant, Bob Hope und Lee van Cleef waren später ihre Filmpartner in internationalen Produktionen. In mehr als 60 Filmen hat »Gina Nazionale« mitgewirkt, ehe sie in den 1970er Jahren eine zweite Karriere als Fotografin (sie porträtierte u. a. Fidel Castro, Paul Newman und Salvador Dali) Bildhauerin und Filmregisseurin startete.

»Im Film war ich nicht mein eigener Herr. Mit meinen Bildern und Skulpturen kann ich sagen, was ich will«, begründete die Diva ihren Abschied vom Film. So war es für den Filmstar eine große Genugtuung, als Sie den wichtigsten französischen Kunstpreis, den »Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres«, erhielt und ihre Ausstellungen in Paris und Moskau große Publikumsscharen anzog.

Als Schauspielerin wollte sie sich selbst nie in das Rollenklischee der schönen Frau hineinpressen lassen. Bezeichnend, dass sie im Rückblick die Verfilmung von Alberto Moravias Roman »Die Römerin« für ihre größte künstlerische Leistung hält. Gina Lollobrigida spielte darin eine Prostituierte – ein Spiegelbild zu den übrigen Rollen und auch zu ihrem lange Zeit mondänen und eigenwilligen Lebenswandel. Die langjährige UNESCO-Botschafterin war aber auch wegen ihrer Impulsivität gefürchtet. So verließ sie 1986 erbost als Jury-Mitglied die »Berlinale«, um sich so vom prämierten Reinhard Hauff-Film ›Stammheim‹ zu distanzieren. Manchmal verkörperte »La Lollo«, die heute* 95 Jahre alt wird, die Schöne und das Biest in einer Person. »Ich esse kein Fleisch, nur Huhn und Salat, trinke keinen Alkohol und rauche nicht«, hatte die Diva vor einigen Jahren ihr ganz persönliches Fitness-Konzept erläutert.

| PETER MOHR
| Abbildung: Ivo_Lollobrigida_2.jpg: Ivo Bulanda derivative work: César, Gina Lollobrigida (1960s), CC BY-SA 3.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Taiping

Nächster Artikel

Ungeahnte Verwandlung von Müll

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Erregungen, Kampagnen, Polemiken

Stefan Volk: Skandalfilme. Cineastische Aufreger gestern und heute Durch Skandalfilme von Stefan Volk fühlt sich MANFRED WIENINGER gut informiert und an die Kindheit seiner Mutter erinnert. PDF erstellen

Im Holzkrug geht die Post ab

Film | Im TV: TATORT (RB) – Hochzeitsnacht (20.04.2014; Wh. vom 16.09.2012) Das mögen wir. Rainer rockt die Hochzeitsfeier. Aber erst einmal liegt im Herbstlaub eine Leiche engelgleich quer auf dem Bildschirm. Der Vorspann zeigt weitere hübsche Bilder ohne Fehl und Tadel. Sie werden von einfühlsam zarten Tonfolgen untermalt, und über den gesamten Film wird Musik (Stefan Hansen) erfreulich dezent eingesetzt. Der liebliche Vorspann täuscht: Im »Holzkrug« geht die Post ab. Zu »Liebe ohne Leiden« taut endlich sogar Inga Lürsen (Sabine Postel) auf, die mit ihrem Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) zu den geladenen Gästen gehört. Stimmungsvoll und hanebüchen – so

Bis zur letzten Sekunde

Film | Tatort: Der sanfte Tod (NDR), 7. Dezember »Wir sind die Niedersachsen/ sturmfest und elbverwachsen« – genau. Es geht um einen Schweineschlachtbetrieb, der international prächtig aufgestellt ist, mit vierhundertfünfzig Angestellten zuzüglich zweitausend Arbeitern auf Werksvertragsbasis, also Hungerlohn, mit drei Betrieben in Holland, zweien in China, einem Joint Venture in Russland, so eine Firma, gewiss, muss straff organisiert sein. Von WOLF SENFF PDF erstellen

Ewig jung

Film | Auf DVD: Leos Janácek – Vec Makropulos Es gibt Leute, die bemängeln, dass der Regisseur Christoph Marthaler immer dasselbe mache. Das mag seine Berechtigung haben. Aber was er da immer wieder macht, ist so faszinierend, so anregend, dass sich seine Fans daran nicht sattsehen können. Marthaler ist ohne Zweifel ein Regisseur mit einer unverwechselbaren Handschrift, imitiert zwar, aber so intelligent und künstlerisch sensibel, dass auch die schwächeren Arbeiten für das Sprech- oder das Musiktheater, was bei Marthaler nicht immer unterscheidbar ist, zum Interessantesten gehören, was die Bühne der Gegenwart zu bieten hat. Von THOMAS ROTHSCHILD PDF erstellen

Filmemacher Peter Weiß

Film | Auf DVD: Peter Weiß – Filme Auf der Hülle der DVD steht: »Peter Weiss: Filme«. Auf dem Rücken aber steht: »Peter Weiss: Die Filme«. Das ist irreführend. Von THOMAS ROTHSCHILD PDF erstellen