Barbarotti und der tote Maler

Roman | Håkan Nesser: Ein Brief aus München

München kann man besuchen. Kymlinge und Sillingbo nicht. Letztere Orte gehören in die fiktive Welt des schwedischen Bestsellerautors Håkan Nesser. Aber auch in erfundenen Welten geschehen Verbrechen. Und mit denen beschäftigen sich bei Nesser schon seit geraumer Zeit die Kommissare Gunnar Barbarotti und Eva Backman. Die es diesmal – es ist bereits Barbarottis achter Auftritt, inzwischen sind er und Eva Backman auch privat ein Paar – mit dem Mord an einem international bekannten schwedischen Künstler zu tun bekommen. Aber wer hat Ludvig Rute in der Nacht nach Heiligabend erschlagen? Und warum musste ein todkranker Mann, der noch einmal seine drei Geschwister um sich versammelt hatte, um sich von ihnen zu verabschieden, überhaupt getötet werden? Von DIETMAR JACOBSEN

Ludvig Rute ist tot. Der über die Grenzen seines Landes hinaus bekannte Künstler hat seine drei Geschwister Lars, Leif und Louise über die Weihnachtsfeiertage 2020 in das alte Schulhaus von Sillingbo eingeladen. Offensichtlich plagt den schwer Kranken das Gewissen. Denn in den zweieinhalb Jahrzehnten zuvor hat er sich kaum um seine Verwandten gekümmert. Doch diesmal ist es ihm wichtig, dass sie alle – den strengen Corona-Regeln zum Trotz – erscheinen.

Eine erste Zusammenkunft der vier an Heiligabend vergeht offenbar ohne dass das, was Ludvig noch vor seinem Tod in Ordnung bringen möchte, mit seinen vier Geschwistern geklärt werden kann. Man einigt sich darauf, die Dinge noch einmal zu überschlafen. Doch am nächsten Tag lebt Ludvig schon nicht mehr. Und Gunnar Barbarotti und dessen Lebensgefährtin und Kollegin Eva Backmann, »er sechzig plus und sie sechzig minus“, reisen aus dem fiktiven Städtchen Kymlinge an und beginnen zu ermitteln, wer den offensichtlich unmittelbar bevorstehenden natürlichen Tod des Mannes nicht abwarten konnte und welche Motive hinter der Mordtat stehen.

Drei Geschwister und eine Leiche

Mit Gunnar Barbarotti und Eva Backman hat der schwedische Bestsellerautor Håkan Nesser (Jahrgang 1950) ein Kriminalistenpaar erfunden, dessen Popularität an die ihres Vorgängers in Nessers Werk, des charismatischen Kommissars van Veeteren, nicht ganz heranreicht. Das mag daran liegen, dass Nessers große Lesergemeinde sowohl bei Barbarotti als auch bei Backman die Genialität und das Einfühlungsvermögen vermisste, mit denen der im ebenfalls fiktiven Maardam beheimatete van Veeteren an seine Fälle heranging. In Kymlinge und Umgebung geht es dagegen handwerklich gediegener zu. Hier zünden keine Geistesblitze, sondern Backman und Barbarotti lösen ihre Fälle durch penible Polizeiarbeit, gehen unermüdlich Spuren nach, die nicht selten in Sackgassen führen, und müssen gelegentlich viel Geduld aufbringen, wenn sich Verdächtige nicht gleich beim ersten Verhör überführen lassen.

Dass das im Umgang miteinander und mit ihrem Chef Stig Stigman wunderbar (selbst-) ironisch auftretende Pärchen selten zur Waffe greift und Verfolgungsjagden, fänden sie denn statt, kaum als Sieger überstehen würde, macht die beiden freilich nicht unsympathisch. Und ist wohl auch mit ein Grund dafür, dass Nesser, der die Barbarotti-Serie eigentlich schon nach fünf Romanen beenden wollte, inzwischen bereits zum achten Mal auf den Mann, der sich, wenn ihn Probleme plagen, mit seinem Herrgott zu unterhalten pflegt, zurückgekommen ist.

Ein Trip in die Vergangenheit

Im alten Schulhaus von Sillingbo jedenfalls, in das der bekannte Künstler Ludvig Rute seine zwei Brüder und die Schwester Louise über Weihnachten 2020 eingeladen hat, nachdem man sich 25 Jahre lang als Familie aus dem Weg gegangen ist, herrscht jedenfalls, als Barbarotti und Backman nach hundert Seiten dort eintreffen, an Verdächtigen kein Mangel. Jedes der Geschwister könnte den erfolgreichen Selbstdarsteller, der im Angesicht seines bald bevorstehenden Todes religiös geworden ist und um seinen Platz im Paradies fürchtet, getötet haben. Leif, der Universitätsdozent, Louise, die Schauspielerin, und Lars, der Loser der Sippe – ihnen allen wäre die Tat zuzutrauen. Aber welches Motiv hatte der Mörder, wer immer es war? Und ist die von Ludvigs Geschwistern angebotene Erklärung, dass das Fehlen zweier wertvoller Gemälde darauf hinweist, dass ein in der Nacht eingedrungener Bilderdieb von ihrem Bruder überrascht wurde und ihn daraufhin tötete, um zu entkommen, nicht die naheliegendere Lösung?

Nesser hat seinen Roman in acht Teile untergliedert. Sechs davon spielen in der Gegenwart – vom 22. Dezember 2020 bis zum Februar 2021 – und schildern, wie sich Barbarotti und die Seinen bemühen, Licht in das Dunkel des mysteriösen Falles zu bekommen. Die Teile 4 und 6 dagegen gehen zeitlich 25 Jahre in die Vergangenheit zurück. Damals, im Juni 1995, waren die Geschwister schon einmal zu einer Mittsommerfeier zusammengekommen. Der prominente und sich gerade in einer John-Lennon-Phase mit runder, braun getönter Brille und japanischer Geliebten befindende Ludvig hatte in eine Großhändlervilla auf dem Land eingeladen. Und sie waren seiner Einladung alle, wenn auch etwas widerstrebend, gefolgt. Was damals geschah, liefert – bei Nesser ist es häufig so, dass die Ursachen für Verbrechen, die in der Gegenwart geschehen, in der Vergangenheit liegen – letztlich die Erklärung dafür, warum Ludvig Rute in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 2020 sterben musste.

Was geschah vor 25 Jahren?

Was Leserinnen und Leser freilich bereits knapp hundert Seiten vor dem Romanende wissen – für Barbarotti, Backman und weitere Angehörige des Kriminalistenteams aus Kymlinge braucht es noch einige Verhöre mit den Verdächtigen aus Sillingbo, ehe sich die Nebel um die Ermordung Ludvig Rutes zu lichten beginnen. Dass im Umkreis des Falles weitere Todesfälle passieren, macht die Sache nicht einfacher. Als man sich endlich unter den Ermittlern einig zu sein scheint in Bezug auf die damaligen Vorgänge, taucht plötzlich jener ominöse »Brief aus München« auf, von dem im Romantitel die Rede ist. Da sind es freilich keine zehn Seiten mehr bis zum Schluss des Buches. Die Chance, das Schreiben den Kollegen vorzulesen, bekommt Gunnar Barbarotti deshalb nicht mehr. Nur mit den Leserinnen und Lesern von Nessers Roman teilt er deshalb am Ende das Wissen darum, was wirklich in jener verhängnisvollen Weihnachtsnacht geschah.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Håkan Nesser: Ein Brief aus München
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
München: btb 2024
428 Seiten. 24 Euro
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