Drei Gedichte

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

In einem Zuge

Wenn dir der besondere Tag
den Stift führt und ihn gleiten läßt,
wie von anderer Hand geführt,
dann schreibt sich die Morgenstunde
selbst hin mit ihren Eigenarten,
ist heiter wie der Vormittag.

Ganz ungetrübt kommt aufs Papier,
was die zarten Wolkenschleier
unverschlüsselt zu sagen haben,
ihre Botschaft der Anmut,
wie sie in der Nachbarschaft
verteilt wird und überall ankommt.

So werden die Bäume bestärkt,
es noch blattlos auszuhalten,
bis der Winter seine Kraft verliert,
und die schlummernden Pflanzenstöcke
genießen die Sonnenbetäubung,
aus der sie erwachen werden, bald.

 
 

Handgriffe

Eingeübte Bewegungen,
Abläufe wie unwillkürlich,
eine Hand greift in die andre,
wenn du eine Tür öffnest und schließt,
ohne irgendwo anzustoßen.

Oder wenn du in die Jacke fährst
wie von allein und gedankenlos,
aber gesteuert von innen her,
weil es dir in Fleisch und Blut
übergegangen ist durch Vollzug.

So auch mit dem Schreiben am Morgen,
wenn dir das auslösende Wort
zufällt wie eine eßbare Frucht,
die dir der Stift genießbar macht,
wenn du ihn die Wörter setzen läßt.

 
 

Fanal

Wie ein Feuerzeichen am Morgen
die aufgesprungene Blüte
des Hibiskus, ein rotes Fanal,
das in den Tag hineinleuchtet
wie eine brennende Fackel.

Aus dem satten Grün heraus
dieses flammende Bekenntnis,
daß es mitten im Winter
solche kräftigen Freuden gibt,
eine Nahrung für die Augen.

Nur ein einziger Trichter aus Rot,
aber welche geballte Wirkung,
welcher Sog von der Fensterbank her,
der Blicke gebieterisch anzieht
und eine Farbe adelt.

| PETER ENGEL

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kaum Land in Sicht

Nächster Artikel

Der tägliche, unbeobachtete Kampf

Weitere Artikel der Kategorie »Lyrik«

Bilder, die ich nie malen werde, hämmern mit ihren Fragezeichen an meine Schläfen

Lyrik | Klára Hůrková: Gehege mit Magnolien

Die Dichterin, Malerin, Philosophin und Lehrerin Klára Hůrková ist in der tschechischen, deutschen und englischen Sprache zu Hause. Ebenfalls ist sie international vernetzt und hat drei deutsch-tschechische Anthologien herausgebracht. Die weitgereiste Autorin wuchs in Prag auf, bevor sie 1989 nach Belgien emigrierte und schließlich nach Aachen kam. Diesen sehr weiten Horizont besitzen auch Ihre Gedichte, die sie in ihrem neuen Band Gehege mit Magnolien vorgelegt hat, der in diesem Jahr im POP-Verlag Ludwigsburg erschien. Der Band ist in fünf Kapitel unterteilt und enthält eine Vielzahl beeindruckender Gemälde der Autorin und Malerin, der ihn allein dadurch schon zu einem optischen Erlebnis werden lässt. Von HARTWIG MAURITZ

Drei Gedichte

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

Diese schreibende Hand

Ganz locker führt sie den Stift
und läßt sich selbst überraschen
von dem, was ihm entfließen wird
und das weiße Papier schwärzt,
überträgt ihre Neugier dem Auge.

Drei Gedichte

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte Aufforderung aus den Wolken Wie ein Mehlsack schwer der Tag, der seine trüben Aussichten durchs Balkonfenster wuchtet und mir auf den Schreibtisch kippt, mach was draus, sagt er mir.

Drei Gedichte

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

Die andere Seite

Auch der Sommertag hat seine
Fraglosigkeit verloren,
jedem Sonnenstrahl haftet
ein giftiger Verdacht an,
das Grün der Platane drüben
hat schon einen gelben Stich
der Ankränkelung Anfang Juli.

Keine lachenden Affen im Kopf

Lyrik | Urs Böke, Stefan Heuer und Fabian Lenthe: Vielleicht ein paar Raben

Der neue Gedichtband Vielleicht ein paar Raben von Urs Böke, Stefan Heuer und Fabian Lenthe ist als Poème Collectif konzipiert und enthält drei farbige Collagen von Stefan Heuer und drei in schwarzweiß gehaltene Collagen von Urs Böke. Die Grafik auf dem Cover stammt ebenfalls von Stefan Heuer. Dadurch erhält der Gedichtband einen ansprechenden optischen Eindruck. Anmerkungen von HARTWIG MAURITZ