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Sachbuch | Marilyn J. Roossinck: Viren

Spätestens seit der COVID-19-Pandemie ist uns die Macht der Viren wieder bewusst geworden. Doch würde es diesen winzig kleinen biologischen Strukturen nicht gerecht, wenn man sie einseitig als Bedrohung oder Geissel der Menschheit abqualifizieren würde – denn Viren sind weit mehr als lästige Krankheitsverursacher. Die Welt der Viren ist unglaublich vielfältig und daher ungemein vereinnahmend. Dieses Universum liegt nun zwischen zwei Buchdeckeln vor. Von MARTIN GEISER

Dickes Buch und dennoch nur ein Einblick

Darstellungen von VirenMit ›Viren – Die faszinierende Welt unserer heimlichen Mitbewohner‹, präsentiert Marilyn J. Roossinck ein recht umfangreiches und breites Basis-Werk zum Thema Viren. Es ist somit geeignet, für alle, die noch nicht so viel über Viren wissen und mehr erfahren wollen. Auf der einen Seite bringt Roossinck einordnende und erklärende Texte, auf der anderen Seite stellt sie ausgewählte Viren etwas genauer vor. Wobei vielleicht gerade diese Texte teilweise etwas gar kurz geraten sind. Neugierig gemacht durch das Lesen, würde man gerne noch etwas mehr erfahren.

Die erklärenden Texte sind zwar verständlich und gut illustriert, zum Teil aber recht anspruchsvoll. Zum Beispiel das Kapitel zur Virusreplikation: Wer gerne seine Mikro- und Molekularbiologie-Kenntnisse auffrischen möchte, ist hier richtig – wer keine Vorkenntnisse hat, dem wird es wohl eher schwerfallen, alles nachvollziehen zu können. Aber man kann die sehr wissenschaftlichen Teile des Buches auch überspringen und erfährt trotzdem viel Überraschendes und Wissenswertes über Viren. Denn andere Teile des Buches, wie zum Beispiel über die Geschichte der Impfung oder über Viren als Teil des Ökosystems, sind sehr flüssig zu lesen.

Virus ist nicht gleich Virus

In den genannten Gebieten, so beschreibt Roossinck, konnte die Wissenschaft in den letzten Jahren beachtliche Fortschritte erzielen. Doch zeigt sich ebenfalls, dass wir mit unserem Wissen über Viren, erst die Spitze des Eisbergs kennen. Dies liegt unter anderem auch an der erstaunlichen (und damit hochspannenden) Vielfalt und Vielseitigkeit der Viren.

Es gibt sie von winzig klein mit wenigen Nanometern Durchmesser bis zur Grösse eines Bakteriums, was ungefähr einem Verhältnis von 1:90 entspricht. Viren existieren in allen möglichen Formen und sie befallen alle Arten des Lebens von den Bakterien und Archaeen bis hin zu den Pilzen, Pflanzen und Tieren.

Wobei »befallen« vielleicht falsche Assoziationen wecken könnte. Viren wollen insbesondere einen mehrzelligen Wirt nicht mehr als nötig schaden, denn damit würden sie ihre eigene Lebensgrundlage schwächen. Und je besser sich Virus und Wirt im Laufe der Zeit abgestimmt haben, desto reibungsloser funktioniert diese Koexistenz – altbekannte Viren machen uns meist kaum noch krank oder wir bemerken ihre Anwesenheit gar nicht. Dies liegt nicht nur an unserem Immunsystem, auch und vor allem Viren verstehen es, sich anzupassen – in dieser Disziplin sind sie uns haushoch überlegen.

Aufgrund der hohen Mutationsrate (Fehler beim Kopieren des Erbguts) und der sehr kurzen Generationszeit von teilweise unter einer Minute können sich Viren genetisch sehr schnell an neue Gegebenheiten anpassen – auch dies ein Grund für ihre enorme Vielfalt. So können in ein und demselben Wirt genetisch verschiedene Viruspopulationen derselben Art vorkommen, zum Beispiel in verschiedenen Ästen eines Baumes, in verschiedenen Zellen eines Wirts oder sogar in unterschiedlichen Zellkompartimenten.

Ohne Viren läuft gar nichts

Und weil sie so »flink« und flexibel sind, treffen wir sie auch an jedem Ort der Welt an. So zum Beispiel im Meer: Dass davon, vom Meer und den darin massenhaft enthaltenen Viren, nur ein Bruchteil erforscht ist, erstaunt wenig. Dennoch wissen wir heute, dass die Viren gerade in den Ozeanen eine wichtige Rolle im Nährstoffkreislauf einnehmen. Viren befallen nämlich Meeresbakterien. Nachdem sie sich in ihnen vermehrt haben, zerstören die Viren die Bakterien von innen und lösen diese auf. Damit gelangen sämtliche organischen Verbindungen der Bakterien ins Wasser und stehen somit anderen Lebewesen wieder zur Verfügung. Wenn die Viren nicht da wären, würden die Bakterien bei ihrem Tod zu Boden sinken und so den in ihnen enthaltenen Stickstoff- und Kohlenstoff dem Kreislauf entziehen. Das Leben im Meer würde damit Mangel leiden und dezimiert.

Aber auch auf dem Land sind Viren nicht wegzudenken – und sie beeinflussen das Weltgeschehen: So führte die Verbreitung des Citrus-Tristeza-Virus dazu, dass ab den 1930er Jahren Millionen von Zitrusbäumen (Zitronen, Limonen, Orangen) eingingen – mit entsprechenden Auswirkungen auf den Weltmarkt für Zitrusfrüchte. Übertragen wird das Virus von der Braunen Zitrusblattlaus. Diese wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Südamerika eingeschleppt und verbreitet sich (inklusive Virus) als invasive Art seither gegen Norden. Kalifornien hat die Blattlaus noch nicht erreicht, und eine Einfuhr von Zitruspflanzen nach Kalifornien ist daher streng reguliert.

Diese interessante Geschichte ist ein weiteres Beispiel wie jedes Kapitel, jede Seite des Buches voller erstaunlicher Fakten über Viren steckt. Roossincks Werk macht bewusst, wie allgegenwärtig Viren sind. Diese winzigen Wesen, die nicht einmal als lebend bezeichnet werden, also quasi molekularbiologische Maschinen sind, haben die Welt erobert.

| MARTIN GEISER

Titelangaben
Marilyn J. Roossinck: Viren
Die faszinierende Welt unserer heimlichen Mitbewohner
(Viruses – A Natural History) Übersetzt von Monika Niehaus und Coralie Wink
Bern: Haupt Verlag 2025
288 Seiten, ca. 35 Euro

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