//

Eine Andere Art des Zuhörens

Bühne | ›Des Kaisers neue Kleider‹ (Pforzheim)

In ›Des Kaisers neue Kleider‹ begeistert das Stadttheater Pforzheim mit einer farbintensiven, witzigen und modern erzählten Inszenierung, die Kinder wie Erwachsene gleichermaßen mitreißt. Das temporeiche Spiel, starke Darsteller und ein Bühnenbild im Stil des Memphis Designs machen die Premiere zu einem lebhaften Erlebnis voller Humor, Aussagekraft und Überraschungen – findet JENNIFER WARZECHA

Mehrere Menschen in bunten Kostümen auf einer Theaterbühne
DES KAISERS NEUE KLEIDER
Der Kaiser (witzig, amüsant und ausdrucksstark: Frederik Kienle) in ›Des Kaisers neue Kleider‹, in der Inszenierung von Thomas Winter, wie sie gerade am Stadttheater Pforzheim im Großen Haus zu sehen ist und dort am vergangenen Donnerstag Premiere feierte, probiert ein Kostüm nach dem nächsten aus. Mit Brokkoli- oder Schnittlauchkostüm tritt er auf. Ein Kostüm ist witziger als das andere. Wem das aber gar nicht zusagt, ist seine Tochter, Prinzessin Sophie (charmant, selbstbewusst, kritisch und ausdrucksstark: Leonie Jacobs).

In pinkfarbenem Kostüm mit weit aufgestelltem, schwarz gemustertem Rock macht sie ihm Vorwürfe, der Kaiser mache sich zu viele Gedanken um seine Kleidung, denn um sein Volk. Auch der Minister (kultiviert, höflich, gut gekleidet und mit einer Prise Humor: Andreas C. Meyer) konfrontiert ihn mit einer der schonungslosen Wahrheiten im Stück, derer, dass der Kaiser seinen Dienstboten und Angestellten gekündigt hat, oder diese ihm selbst den Dienst quittiert haben. Schon als das Stichwort »Praktikant« fällt, wirft der Kaiser seinen Praktikanten Jacob (gekonnt, ausdrucksstark, faszinierend: Max Ranft) in hohem Bogen raus. Dieser kommt, anders, als es der Kaiser erwartet, wieder und spielt ihm schließlich mit der Prinzessin einen Streich. So tauschen beide die Rollen, werden zu Weberin und Weber und schneidern ihm ein Gewand zum Thronjubiläum, eines aus magischem Stoff.

Warum das für Verwirrung und Erstaunen sorgt und woraus die Prinzessin die Frage und den Ausspruch ableitet: »Wolltest Du nicht an diesem Tag ein Zeichen setzen dafür, dass es nicht wichtig ist, was man trägt, sondern, was man tut?« und warum schließlich alle zusammen in Unterwäsche auf dem Balkon stehen, das können Besucherinnen und Besucher ab fünf Jahren erleben. 48 Vorstellungen wird es ab dieser Premiere am vergangenen Dienstagmorgen geben, die bis Anfang des Jahres durchlaufen. Mittwochs, donnerstags und freitags gibt es Schülervorstellungen, wie die Theaterpädagogin des Pforzheimer Stadttheaters, Meike Anna Stock, verriet. Bei der Anmeldung bekommen die Lehrkräfte eine Mappe, über die sie mit den Schülerinnen und Schülern Inhalt und Absicht des Märchens von Hans Christian Andersen in ihren Lehrplan mit aufnehmen können, in Fächern wie Deutsch, Gemeinschaftskunde, Ethik, Religion und Darstellendes Spiel.

Das Märchen behandelt Themen wie Mut, Eigennutz, Zusammenhalt, Aussehen, Wahrnehmung und dem, zu sich selbst zu stehen. Auch dieses Stück des Regisseurs Thomas Winter sowie Bühnen- und Kostümbildner des Stücks, Steven Koop, der Dramaturgie von Swantje Willems, Licht von Michael Borowski, Regieassistenz von Manuela Güth, Inspizienz von Angelika Mantar und allen Mitwirkenden ist wieder wie gewohnt ein voller Erfolg, einfach klasse und macht auch den Kindern – nicht zuletzt dank des bunten Bühnenbildes – sichtlich Spaß.

Steven Koop hat sich hier vom Memphis Design der 1980er-Jahre inspirieren lassen. Hier wehrte sich und rebellierte eine Gruppe junger, unangepasster Designer in Mailand gegen die sachlich-kühle Funktionalität der Moderne. Statt strenger Raster und zurückhaltender Farben kam Ironie ins Spiel. Diese wird als gestalterisches Prinzip genutzt. Geometrische Grundformen (Kegel, Zylinder und Pyramide), Signalfarben in wilden Kontrasten, Muster-Mix mit Streifen, Punkten, Wellen und Rastern sowie Materialien von Laminat, über Kunststoff, bis zu Glas und Chrom, kommen zum Einsatz. In Pforzheim faszinieren neben dem bunten Farbenspiel die drehbaren Bühnenelemente.

Da wird aus dem Schlafbereich das Bad, in dem auch das Quietsche-Entchen seinen Platz hat und noch viel mehr. Auch mit den Kindern geschieht etwas. »Heute hören die Kinder nicht nur zu, sondern machen mit. Früher war es ruhiger. Es ist eine andere Art des Zuhörens geworden«, sagt Meike Anna Stock.

| JENNIFER WARZECHA
| FOTOS: MARTIN SIGMUND

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Trügerisches Paradies

Nächster Artikel

Kreative Naturfotografie

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Feminismus en vogue

Bühne | Nora, Hedda und ihre Schwestern 300 Jahre Badisches Staatstheater, 200 Jahre Badische Verfassung, 100 Jahre Frauenwahlrecht. Die Aufführung ›Nora, Hedda und ihre Schwestern‹ setzt unter der Regie von Anna Bergmann, mit der Dramaturgie von Marlies Kink mehrere Akzente. Von JENNIFER WARZECHA

»Today We Feel Like Rockstars«

Bühne | Oper: Nabucco

Giuseppe Verdis Oper ›Nabucco‹ wurde 1842 an der Mailänder Scala uraufgeführt. Auch wenn die gesehene Inszenierung 184 Jahre später möglicherweise nicht darauf abzielte, ein politisches Statement abzugeben, waren etwaige Parallelen durchaus erkennbar. Kein Wunder, denn die Oper ist als Kunstform nicht nur politisch relevant, sondern wird auch im Kontext unserer Realität interpretiert. Verdis frühes Meisterwerk wurde am 23.05.26 im Opernsaal der Staatsoper Berlin sowie als Liveübertragung auf dem angrenzenden Bebelplatz für ungefähr 15.000 Menschen mit Fantasie und Intensität auf die Bühne gebracht und hinterließ nicht nur bei Anna Noah einen bleibenden Eindruck.

Mamma Mia!

Bühne | Show: Thank you for the Music Auffallende Kostüme waren nur eines der Markenzeichen ABBAs. Heute, 46 Jahre nach dem Überraschungserfolg ›Waterloo‹ beim Grand Prix Eurovision de la Chanson, seit 2002 Eurovision Song Contest genannt, begeistert ihre Musik nach wie vor viele Generationen. Und das, obwohl sie seit 11. Dezember 1982 nicht mehr auftraten. ANNA NOAH lässt sich mitnehmen, auf eine Reise in die Vergangenheit.

Das Ship Of Fools geht vor Anker

Musik | Erasure live in Hamburg

Vorgruppen haben es in der Regel nicht leicht. Eingeschränktes Zeitfenster bei unausgegorenem Sound und reduzierter Lautstärke, oftmals gepaart mit einem Publikum, welches seiner dem Warten auf den Hauptact geschuldeten Ungeduld durch Pfiffe, Buhrufe und bösartige Bemerkungen Luft macht. Doch es geht auch anders, wie STEFAN HEUER erfahren hat ...

Absurde Klangfundamente und eigenwillige Texte

Bühne | Konzert: Knorkator »Widerstand ist zwecklos«, das neue Album von »Knorkator« ist seit September draußen und man hat den Eindruck, die »meiste Band der Welt« ist auch 25 Jahre nach ihrer Gründung beliebter denn je. So beliebt, dass die Columbiahalle in Berlin kurzerhand im Dezember 2019 in Knorkatorhalle umbenannt wurde. ANNA NOAH ist gespannt auf ihre Bühnenshow.