//

Erfolg II

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Erfolg II

Ein glückliches Leben, fragte Farb, wie er das verstehen solle.

Oder erfolgreich, sagte Wette, solle man das vielleicht an der Anzahl der Pokale erkennen.

Undenkbar, sagte Annika und lachte.

Eine Freundin, Elke, sagte Wette, habe nach dem Studium einige Jahre lang Biologie auf einer Insel in Ostfriesland unterrichtet, sei dann zu einer privaten Fernsehanstalt in die Großstadt gewechselt, habe dort als Programmdirektorin gearbeitet, sie habe nichts ausgelassen, so sage sie selbst, ein Haus auf Mallorca, ein Pferd, sei stets im Mittelpunkt des Geschehens, verheiratet, geschieden, sie sei Anfang sechzig, und der Prozeß infolge der Scheidung sei noch immer anhängig, nennen wir das nun, frage er sich, ein erfolgreiches, ein glückliches Leben, nein, er wisse das nicht.

Erfolgreiche Karriere, ja, sagte Annika, doch gehöre zu einem Leben entschieden mehr.

Es sei müßig, darüber nachzudenken, sagte Wette.

Schwierig, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Ob nicht eine steile Karriere einem Erfolg sogar im Wege stehen könne, fragte Annika.

Möglich, sagte Wette, die Dinge seien sensibel.

Kompliziert, sagte Farb, verteilte die Sahne und aß von seiner Pflaumenschnitte.

Wie die Geschichte mit Elke ausgegangen sei, wollte Farb wissen.

Krebs, sagte Wette, mit lästigem Schmerz in der Schulter habe es angefangen, sie habe zwei Chemotherapien hinter sich, werde auf weitere Behandlung verzichten und ihr Leben im Kreis ihrer Familie beschließen, das Sterben, sage sie, sei eine Quälerei.

Das Gespräch stockte.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Davon einmal abgesehen, sagte Wette, mag ihr Leben trotzdem glücklich gewesen sein.

Das traue er sich nicht zu beurteilen, sagte Farb, es gäbe wohl glückliche Momente oder glückliche Phasen, und nach dem erfolgreichen Leben zu fragen, sei wieder etwas anderes, schön und gut, man könne Erfolge haben, Weltmeister werden, Pokale gewinnen, doch ein erfolgreiches Leben, was solle das sein.

Falsche Frage, spottete Wette.

Die Fragestellung sei unglücklich, gab Annika zu, und sie würde eher von einem erfüllten Leben reden.

Das Wort auszutauschen, ändere wenig, sagte Wette, und außerdem, identische Frage, was sei das, ein erfülltes Leben.

Wir wissen es nicht, sagte Farb, allein schon Krebs, sagte er, wer könne denn sagen, ob die Krankheit nicht auch einmal Teil eines erfüllten Lebens sei, spontan möchte man meinen, eher nicht, doch anders gedreht möchte er  wissen, ob die Krankheit das Leben ausnahmslos mindere, ob sie Lebensqualität stehle – was immer das sei – oder ob sie eine unverzichtbare Erfahrung sei, und gut möglich, daß man das nur selbst beurteilen könne.

Man wisse das nicht, sagte Wette.

Man könne das weder zählen noch messen, ergänzte Farb.

Jedenfalls werde man nicht von einem erfüllten oder glücklichen Leben reden, wenn der Weihnachtsmann vor der Tür stehe, sagte Tilman, mit einem riesigen Stapel an Geschenken und einem Wunschzettel, der vollständig abgearbeitet sei, nein nicht erfüllt, vielleicht aber glücklich, und das nur unter dem Weihnachtsbaum, und erfolgreich auch nur, soweit es die Geschenke betreffe.

Also dem Anschein nach ein glücklicher Abend, und was den Rest angehe, das wisse man nicht, wiederholte Wette.

Was das nun sei, ein erfolgreiches Leben, sagte Farb, bis jetzt habe das niemand beantwortet.

Wahrscheinlich müsse man das komplett anders sortieren, sagte Annika, und es sei verfehlt, im Hinblick auf das Leben von erfolgreich zu reden.

Das Gespräch stockte.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Schwierig, sagte Wette und griff zu einem Marmorkeks.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Sprach-Hürdenlauf mit Silbensalat

Nächster Artikel

Ein tolles Motto: »Jetzt geht’s los!«

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Vertrieben

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Vertrieben

Hast du Sergej kennengelernt, Wette?

Sergej?

Aus Murmansk.

Wo soll ich ihn kennengelernt haben?

Am Toten Meer.

Ich war nie am Toten Meer.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Edens verschlossene Tür

Kurzprosa | Cornelia Schleime: Das Paradies kann warten Cornelia Schleime hat mit ›Das Paradies kann warten‹ ihren ersten Erzählband veröffentlicht. Als wunderbare Künstlerin ist sie schon lange bekannt, so schmücken ihre zarten, ätherischen und doch oft verletzend direkten Bilder auch die Erzählungen. In einer Mischung aus entrückter Verträumtheit und Bauarbeiterjargon schreibt sie vom Reisen, Kopulieren, Verlieren und Selbstfinden. VIOLA STOCKER ging ein Stück mit ihr.

Koma, Koks und Kiss-Cam

Live | 42. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt 14 Autoren, 7 Juroren, 5 Preise, 1 Stipendium und eine charismatische, längst nicht mehr lebende Namensstifterin im Geiste: das zeichnet den diesjährigen Klagenfurter Bachmannwettbewerb (4. bis 8. Juli 2018) aus. Seit mehr als vier Jahrzehnten lockt der Charme des Ortes, der ganz besondere Mix zwischen See und Gesehenwerden, zwischen Thrill und Chill. Von INGEBORG JAISER

Christoph Heins aktuelles Buch »Vor der Zeit« erzählt alte Mythen neu

Kurzprosa | Christoph Hein: Vor der Zeit. Korrekturenx Mythen sind versprachlichte Menschheitserfahrungen. Jede Kultur besitzt die ihren. In poetischer Form geben sie Auskunft über das Woher und Wohin einer Gesellschaft. Christoph Hein hat sich nun 25 dieser Erzählungen vorgenommen und sie mit kleinen Korrekturen versehen. Und augenblicklich wird evident: Auch uns haben Zeus und Hera, Helena und Dionysos, Eros und Echo noch einiges zu sagen. Von DIETMAR JACOBSEN

Not

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Not

Was sie nicht länger verbergen können, Anne, ist ihre Ratlosigkeit, denn wer mit offenen Augen durch den Tag gehe, könne das Menetekel nicht übersehen.

Manche Worte haben sich aus der Alltagswelt verabschiedet, die Sprache schaltet auf Schwundstufe.

Tilman rückte ein Stück näher an den Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Dämonische Kräfte?

Mehr, weit mehr, Anne, ihr Tun hat radikal destruktive Konsequenzen, schon dem äußeren Anschein nach wendet der Planet sich gegen den Menschen, du siehst es überall, sei es in den lodernden Flächenbränden oder den lebensfeindlichen Veränderungen des Klimas, der Planet entzieht uns das Aufenthaltsrecht, Mutter Gaia hatte Geduld gehabt und einen langen Atem, nun war es genug, ein Tropfen bringt das Faß zum Überlaufen.