Da packt einer sein Bündel mit den wichtigsten Dingen und erklärt ebenso beiläufig wie selbstbewusst: »Übrigens, ich gehe fort!« Kein Wohin, kein Warum – eine klare Ansage, die den Kern der Autonomiephase trifft: Es geht nicht um das Ziel, sondern um das Machen. Das macht neugierig, findet ANDREA WANNER.
Der Protagonist ist ein kleiner Frosch, der sich selbst schon riesengroß fühlt. Mit Stoffhase Herr Kuckuck im Schlepptau will er die Welt erobern – ein klassisches Bild für den kindlichen Wunsch, sich aus der elterlichen Abhängigkeit zu lösen. Doch genau hier beginnt das Dilemma, das viele Eltern und Kinder nur zu gut kennen: Die »Großen« können es nicht lassen.
Statt den Aufbruch einfach geschehen zu lassen, überhäufen sie ihn mit gut gemeinten Ratschlägen und vermeintlich unverzichtbarem Gepäck. Käferkräcker, Limo, Zahnbürste, sogar die Quakulele – das Bündel wird physisch und emotional zu schwer. Hier zeigt die Geschichte wunderbar, wie die fremdbestimmte Fürsorge den eigenen Antrieb ersticken kann. Der wachsende Frust des Froschs ist kein bloßes Quengeln, sondern der lautstarke Protest dagegen, dass sein ursprünglicher Plan durch die Logik der Erwachsenen verwässert wird. Am Ende steht die Erkenntnis: Zu viel Ballast raubt die Freiheit, die man eigentlich beim Losgehen suchte.
Karsten Teich, Illustrator und Kinderbuchautor, setzt diese Dynamik visuell brillant um: Er stellt den kleinen Helden radikal in den Mittelpunkt, während die »Großen« zunächst nur schemenhaft aus dem Off agieren. Man sieht lediglich ihre Arme und Hände, die von den Seitenrändern in die Welt des Froschs greifen.
Diese Bildsprache ist eine treffende Metapher für das kindliche Erleben in der Autonomiephase: Die Erwachsenen werden nicht als ganze Personen, sondern als instruierende Instanzen wahrgenommen, die korrigierend und begrenzend in den eigenen Handlungsspielraum eingreifen. Die »vielen Tipps« und das »Gutgemeinte« wirken in dieser Perspektive wie ein Übergriff auf die gerade erst entdeckte Selbstwirksamkeit.
Es ist genau dieses Gefühl, das jedes Kind kennt: Man möchte Akteur seiner eigenen Geschichte sein, wird aber durch die Großen ständig zum Statisten degradiert, der die Erwartungen und Vorsichtsmaßnahmen anderer mitschleppen muss. Teich macht so das Spannungsfeld zwischen kindlichem Tatendrang und erwachsener Fürsorge-Dominanz unmittelbar spürbar.
Und jetzt? Soll der wunderbare Plan platzen, der kleine Frosch resigniert verzichten? Mitnichten. Statt das zu schwere Bündel frustriert in die Ecke zu werfen oder sich dem Willen der Großen blind zu beugen, findet Teich eine wunderbare Lösung.
Ein warmherziges Plädoyer für das Loslassen-Lernen auf Augenhöhe. Teich gelingt es, die Gratwanderung zwischen dem kindlichen »Ich kann das allein!« und der elterlichen Angst vor dem »Draußen« in ein humorvolles, befreiendes Bild zu fassen. Am Ende ziehen alle Beteiligten an einem Strang – und das Bündel ist genau so schwer, wie es sein muss, um die Welt zu entdecken, ohne daran zu zerbrechen. Bunt, frech und klug erzählt diese Geschichte davon.
Titelangaben
Karsten Teich: Übrigens, ich gehe fort!
Wuppertal: Peter Hammer Verlag 2026
32 Seiten, 15 Euro
Bilderbuch ab 2 Jahren
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