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Ohne Ende

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ohne Ende

An jedem Morgen erwachst du ins Leben, sagte Termoth, und wenn die Sonne untergeht und du in den Schlaf versinkst, nimmst du Abschied.

Er redet Unsinn, flüsterte der Ausguck.

Termoth ist ein Navajo, es braucht eine Weile, daß du Zugang zu ihm findest, erwiderte Thimbleman, brems dich.

Das Gerede von Anfang und Ende ist ohne Sinn und Verstand, flüsterte der Ausguck.

Den Tag nach Stunden zu zählen, sagte Termoth, sei ein Fehler, der Mensch müsse umdenken, herunter vom Messen und Zählen, denn zuallererst gebe es Tag und Nacht, das Leben erfülle sich im Tag, der Tag sei eine Bühne vor der endlosen Stille.

Was für einen Unfug er redet, flüsterte der Ausguck, wie könne der Tag eine Bühne sein, und er sei besser bei seinen Navajo aufgehoben als in dieser idyllischen Lagune auf Scammons ›Boston‹.

Sei still, zischte Thimbleman.

Die Stille sei immer anwesend, ununterbrochen, sagte Termoth, sie sei ohne einen Anfang und endlos, vergleichbar parallelen Geraden, von denen es heißt, sie begegneten einander im Unendlichen. Das, sagte er, sei die Dimension der ewigen Dauer, die Schwärze, in der sich nichts ereigne, sagte er.

Dann gebe es keinen Urknall, fragte Harmat.

Der Urknall sei eine Erzählung für Feuilletons, sagte Pirelli, ein Spaßvogel bringe so etwas auf, und schon reden alle darüber, nicht anders verhalte es sich mit künstlicher Intelligenz und mit der Evolution, es gebe reichlich mehr Beispiele für die geschmeidige Arbeit der modernen PR-Agenturen.

Weshalb gehen wir nicht zum Strand, Thimbleman, flüsterte der Ausguck, du kannst in der Lagune schwimmen, ich schlage am Strand einen Salto und übe mich in meinen Tiger-Stellungen.

Ich höre lieber zu, unser Navajo ist ein kluger Mann.

Du nervst, Thimbleman, es ist ein Elend mit dir.

Diese Stille, diese unermeßliche Leere, sagte Termoth, sei die Quelle, der Nährboden allen Lebens, unerschöpflich, versteht ihr, ein grenzenloser Raum, den ihr aufsucht, um Lebenskraft zu sammeln.

Wir halten uns dort auf, sobald wir in den Schlaf versinken, sagte London.

Aus diesem Blickwinkel, London, sagte Mahorner, werde es sinnlos, den Tag nach Stunden und Minuten einzuteilen.

Es sei die Ökonomie, die den Tag nach Stunden abrechne, sagte Crockeye.

Der Rotschopf nickte eifrig.

Die Herrschaft ökonomischen Denkens sei wenig förderlich, sagte Pirelli, der Mensch sollte umdenken.

Noch sei es nicht zu spät, sagte London.

Egal, sagte der Ausguck.

Wissen wir denn, wo wir uns in den Nächten aufhalten, sagte Termoth, sind wir überhaupt anwesend in der Nacht? Spüren wir unsere Körper? Gibt es uns noch? Wir tauchen ein und wir lösen uns auf, sagte er, in die grenzenlose Leere der Finsternis, die weder ein Ort ist noch eine Zeit kennt, ihr versteht, sagte er, daß wir lernen müssen, in neuen Zusammenhängen zu denken, und bei Sonnenaufgang sind wir wieder wach, unser Körper ist da, wir liegen im Bett, an der Schwelle zum Tag träumten wir zwar, doch wir haben keine Erinnerung, wohin der Schlaf uns trug.

Verstehst du ihn, fragte der Ausguck.

Das fällt mir nicht leicht, sagte Thimbleman, aber wirf doch selbst einen Blick auf die Zustände, bei hellichtem Tag ist der Mensch eine Bestie, aggressiv, er wirft sich zum Herrscher auf über die Natur, und wer möchte allen Ernstes bestreiten, daß es an der Zeit ist, die Dinge zu ändern.

| WOLF SENFF

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