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Thema | Popmusik und Nationenwerdung: Ukrainische Teilnehmer beim Eurovision Song Contest

Vor zehn Jahren hat Ruslana den Eurovision Song Contest gewonnen. Seither sind viele ukrainische Teilnehmer auf den vorderen Plätzen gelandet, doch nicht noch einmal auf Platz 1. Im Mai 2014 ist es wieder so weit. In diesem politisch für die Ukraine so brisanten Jahr ist Marija Jaremtschuk die ukrainische Repräsentantin beim Eurovision Song Contest. Warum war ausgerechnet Ruslana so erfolgreich? Wer ist Marija Jaremtschuk? Wie viel Ukraine repräsentieren Ruslana und Marija Jaremtschuk? Von JUTTA LINDEKUGEL

Zum Eurovision Song Contest 2014 schickt die Ukraine Marija Jaremtschuk.Die Ukraine macht seit Monaten Schlagzeilen. Seit die Ablehnung Janukowytschs das EU-Assoziierungsabkommen zu unterschreiben, friedliche Proteste gegen die korrupten Machthaber auslöste. Erst recht seit diese in Gewalt umschlugen und zum politischen Provisorium führten, das Putin kurzerhand ausnutzte, um die Krim zu annektieren. Auch die friedliche »Orange Revolution« vor knapp zehn Jahren war bereits ein globales Medienereignis. Hier rückte die Nation erstmals in den Fokus internationaler Wahrnehmung. Die Eurovision-Song-Contest-Gemeinde dagegen wurde schon wenige Monate vorher auf das Land aufmerksam, das lange eine »terra incognita« dargestellt hatte. Im Mai 2004 nämlich erregte die 1991 von Russland unabhängig gewordene Nation Aufsehen durch den Sieg ihrer Repräsentantin Ruslana beim Eurovision Song Contest in Istanbul.

In den Medien wurden Ruslanas Show, Kostüme sowie Tanzeinlagen viel beachtet. So schrieb z. B. der ›Stern‹ am 16. Mai 2004 in seiner Online-Ausgabe: »Mit einer bombastischen Show in Lendenschurz-Outfit und Leder hatte die Ukrainerin Ruslana die Millionen Fans in Europa überzeugt. (…) Die Sängerin und Komponistin kombinierte Popmusik mit Tanzelementen aus den Karpaten. Zum folkloristischen Ambiente trug auch der Liedtext in Englisch und Ukrainisch bei. Dazu knallten Peitschen, und Flammen loderten auf den überdimensionalen Bildschirmen auf der Bühne. Der Auftritt erinnerte viele deutsche Fans ein wenig an die Gruppe Dschingis Khan, die für Deutschland im Jahr 1979 beim Song Contest den vierten Platz geholt hatte.«

Wie viel Ukraine repräsentiert Ruslana?

Allein schon mit dem Text des Siegersongs ›Dyki tanci‹ (Wilde Tänze) bedient Ruslana drei Ebenen, wie Marko Pavlyshyn in seinem Artikel ›Envisioning Europe: Ruslana’s Rhetoric of Identity‹ aus dem Jahre 2006 feststellte. Die englischen Strophen transportieren demnach das Bild einer emanzipierten Frau, ganz im aufgeklärten, hedonistischen Verständnis von Individualität der globalen, westlichen Kultur. Folkloristik und Lederkostüme funktionieren dabei als Träger einer natürlichen Erotik und suggerieren das Stereotyp des edlen Wilden.

Die ukrainischen Zeilen dagegen orientieren sich gemäß Pavlyshyn am konservativen, romantischen Frauenbild Osteuropas, einer Region, die weiblicher Emanzipation und Feminismus noch immer feindlich gegenübersteht und in der – abgesehen vom beruflichen Bereich – traditionelle Geschlechterrollen vorerst zementiert sind. Die nationale Ebene des Auftritts unterscheidet sich also von der internationalen. Auf musikalischer Ebene finden sich Elemente ukrainischer Volkslieder wie Interjektionen (Oj, hej-ja-hej, na-naj) oder die Topoi des verlassenen Mädchens, lieblicher Landschaften oder sentimentalistischer Tätigkeiten.

Die regionale Verankerung der Performance beim Song Contest gründet auf huzulischen Traditionen. Dieser regionalen Kultur aus dem Karpatengebiet entsprechen jedoch nicht die Kostüme, wie vielfach von westlichen Medien angenommen. Im Gegenteil wurde die Sängerin in ihrer Heimat für das Lederoutfit stark kritisiert. Vielmehr sind Refrain, Strophenform, Tanzweise und Instrumente (Trembita) genuin huzulisch.

Insgesamt gelang Ruslana also die Mischung aus nationaler Tradition und globaler Popkultur und gleichzeitig eine Aufwertung der als rückständig geltenden, regionalen Folklore.

Sängerin Ruslana auf einer Demonstration in Kiew
Sängerin Ruslana auf einer Demonstration in Kiew.
Foto: Ruslana

Zur ukrainischen Popkultur à la Ruslana gehört jedoch ein weiterer Aspekt: Nämlich das politische Engagement. Zu Beginn der Orangen Revolution stellte sie sich an der Seite von Viktor Juschtschenko gegen die Wahlfälschungen des alten Regimes. Neu war dabei ihre Haltung zu Russland: Der ehemalige Besatzer wird nicht angegriffen, die Ukraine nicht als Opfer dargestellt. Auf dem Majdan verbrachte die Sängerin seit Beginn der Proteste Ende 2013 ganze Nächte, um die Demonstranten moralisch zu stärken und auf Auseinandersetzungen mit der Polizei schlichtend einzuwirken. Davon ließ sie sich auch durch Morddrohungen nicht abhalten. Ruslana bezog eindeutig Stellung. Gerade dies ist nach Meinung Pavlyshyns die Grundlage für Ruslanas Funktion als Identifikationsfigur einer neuen Ukraine im modernen, globalen Kontext.

Ukrainische Teilnehmer des Song Contest seit Ruslana

Der Protestsong der Orangen Revolution ›Razom nas bahato‹ (Zusammen sind wir viele) von Greenjolly fand mit abgewandeltem Text seinen Weg in den Song Contest 2005, der in Kiew stattfand. Die politische Botschaft und der Hip-hop wurden zwar von manchen als mutige Wahl anerkannt, doch war die Abweichung von der Ethno-Pop-Norm des Contests zu groß und wurde mit der für die Ukraine bis heute schlechtesten Platzierung (20) quittiert.

Der Song ›Be my guest‹ und seine Sängerin Gaitana konnten auch in Verbindung mit der Fußballeuropameisterschaft in Polen und der Ukraine nicht punkten. Im Vorfeld hatten Mitglieder der aktuell in der provisorischen Regierung vertretenen rechtsextremen Svoboda-Partei Gaitana wegen ihrer kongolesischen Wurzeln angegriffen und einen Skandal verursacht. Der Song besaß Hymnenqualitäten und eine internationale Ausrichtung. Nicht umsonst erinnert das Äußere der Sängerin an Shakira, die die offizielle Hymne der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika beisteuerte. Mal als starker Auftritt voll positiver Energie, meist aber als banaler, osteuropäischer Dancefloor-Mainstream mit dünner Stimme und durchschnittlicher bis langweiliger Backgroundchoreografie kommentiert, landete sie auf Platz 15.

Trotz Tänzern im Kosakenoutfit bzw. übertrieben sexy-skurriler Gladiatoren-Show holten der Diskotitel ›Show me your love‹ von Tina Karol 2006 und der Dancetitel ›Be my Valentine‹ von Svitlana Loboda 2009 jeweils nur den siebten und zwölften Platz. Alyoshas Ballade ›Sweet People‹ wurde trotz guter Stimme und eigenem Stil für den Contest als zu schwermütig empfunden (Platz 10). Einen guten vierten Platz ergatterte sich Mika Newton 2011 mit einer weiteren Ballade (›Angel‹), wobei viele Kommentatoren mehr die originelle Showeinlage einer Sandzeichnerin hervorhoben als das Lied selbst. Noch einen Platz höher gelangte der ukrainische Beitrag des vergangenen Jahres, ›Gravity‹ von Zlata Ohnewitsch. Ihre musicalhafte Ballade wies afrikanische und ukrainische Musikelemente auf. Der Song wurde hochprofessionell produziert in Zusammenarbeit mit Michail Nekrasow, der schon Ruslanas Siegersong arrangiert hatte. Ohnewitschs helle, breit gefächerte Stimme und die dramatische Inszenierung wurden vom Publikum honoriert.

Den jeweils zweiten Platz ergatterten die zwei sehr unterschiedlichen Beiträge aus den Jahren 2007 und 2008. Die parodistische, transsexuelle Nummer von Verka Serdjutschka wollte provozieren und unterhalten. Obwohl sie von vielen gleich der Spaßnummern von Guido Horn oder Stefan Raab nicht als Contest-geeignet empfunden wurde, erkannten die Wähler guten Gesang und gute Performance an. Dass sich ›Lasha Tumbai‹, nach Angabe des Künstlers mongolisch für »geschlagene Butter«, als »Russia Goodbye« verstehen ließ, gab Anlass für einen größeren Skandal unter russischen, aber auch unter ukrainischen Kritikern, die so weit gingen, eine Serdjutscka-Puppe zu verbrennen. Als englischer Pop-Disko-Dance-Song mit allzu glatter und allzu gewollter sexy Choreographie erhielt auch der Auftritt von Ani Lorak mit ›Shady Lady‹ einen zweiten Platz. Ihr Beitrag enthielt keinen speziell ukrainischen Einschlag.

Damit ist die Ukraine überdurchschnittlich oft unter den Top Ten vertreten und eines der erfolgreichsten Länder im Eurovision Song Contest, auch wenn ihr (wie den anderen osteuropäischen Ländern) der Hang zur belanglosen Russendisko, zum pathetischen Auftritt, zur übertriebenen Show und zu billigem Sex-Appeal im Übermaß vorgeworfen wird.

Internationalen Erfolg hatten vor allem Ruslana und Verka Serdjutschkas Eurovisions-Songs.

Ruslanas Erfolg erklären

Warum also war ausgerechnet Ruslana so erfolgreich? Sicherlich spielt dabei jeweils die aktuelle Konkurrenz durch die anderen Teilnehmer eine Rolle. Aber Ruslanas Auftritt wurde durch das huzulische Element in der Musik, die vermeintlich huzulische Kostümierung und den Mix aus ukrainischem und englischem Text als besonders authentisch, aber auch exotisch wahrgenommen. Ruslana hat es geschafft, gleichzeitig global, national und regional zu wirken, ein positives Tanzlied zu performen, ohne Mainstream zu sein, die Ethno-Komponente mit Disko zu verknüpfen.

Obwohl der Auftritt originell und erstmalig war, passte die energiegeladene, dance-kompatible Nummer in den Eurovision Song Contest, während ihre Nachfolger wie Nachahmer wirkten und mit Nummern auftraten, die entweder aus der Song Contest-Tradition von ethnisch angehauchtem Pop oder Schlager herausfielen oder im globalen Mainstream untergingen.

Wer singt im Mai 2014 in Kopenhagen für die Ukraine?

Mariya Yaremchuk Foto: Sergey Illin Promotional photos of the participants of the 2014 Eurovision Song Contest
Mariya Yaremchuk
Foto: Sergey Illin

Zum diesjährigen Eurovision Song Contest schickt die Ukraine Marija Jaremtschuk, geboren am 2. März 1993. Sie ist damit die jüngste ukrainische Repräsentantin seit der ersten nationalen Teilnahme im Jahr 2003. Die Tochter des bekannten ukrainischen Volkskünstlers Nazarij Jaremtschuk besuchte sowohl eine Akademie für Zirkus- und Varieté-Kunst in Kiew als auch den Studiengang ›Internationale Beziehungen‹ in ihrem westukrainischen Geburtsort Tscherniwzi.

Als Sängerin tritt sie erst seit zwei Jahren auf: 2012 belegte sie Platz vier im ukrainischen Pendant zu ›DSDS‹ oder ›The Voice‹ und Platz drei beim Wettbewerb ›Neue Welle‹ in Lettland. Dass sie sich die Teilnahme an letzterem Festival vom Donezker Oligarchen Rinat Achmetow finanzieren ließ, sorgte für kritische Kommentare. 2013 war sie bei der nationalen Vorauswahl zum Eurovision Song Contest mit ihrem Lied ›Imagine‹ als Fünfte platziert. Im Dezember 2013 schließlich gewann sie den nationalen Vorentscheid. Und erntete umgehend viel Kritik.

›Tick tock‹ ist ein englischer Song mit Ohrwurmqualität, aber auch sehr konventionell gestrickt. Viele Kommentatoren kritisierten die dünne Gesangsstimme und die langweilige Show. In einem Interview mit der Fanseite ESC+Plus versicherte Marija daher Ende Januar, dass sie Sound und Performance bis Mai grundlegend umarbeiten werde. Kritik wurde aber vor allem laut, weil beim Vorentscheid kein Wort über die politischen Ereignisse des Majdan fiel. Mit Jaremtschuk gewann eine Sängerin, die sich offen zu Janukowytschs Partei der Regionen bekannte. Bei tvi.ua / Hazeta (gazeta.ua) verteidigte sie sich gegen die Angriffe: »Ich bin ein unpolitischer Mensch, erstens bin ich sehr jung und zweitens bin ich Sängerin, was überhaupt nicht mit Politik zusammenhängt. Meine Entscheidung, die Partei der Regionen zu unterstützen, bedeutet nicht, dass ich mich an politischen Debatten beteilige. Als junge Künstlerin aus der Westukraine gebe ich nur meine moralische Unterstützung. Es ist wirklich Zeit, sich zu vereinigen und es ist egal, ob wir zum Osten oder zum Westen gehören. Das gesamte ukrainische Volk und darunter auch die Machthaber sollten auf der gleichen Welle schwimmen.«

In späteren Interviews und in ihrem Blog zeigte sie sich erschreckt über den Ausbruch von Gewalt. Angesichts ihrer Naivität wird ihr aber weiterhin vorgeworfen, das Fähnchen nach dem Wind zu drehen und Karriere über Moral gestellt zu haben.

Wird Marija Jaremtschuk in Kopenhagen patriotisch auftreten? Wird sie ihren Song mit ukrainischer Symbolik aufladen? Werden sich Ukraine und Russland diesmal gegenseitig so gut bewerten wie in früheren Jahren? Wird Jaremtschuk stellvertretend für ihre gebeutelte Nation Sympathie-Punkte der anderen Teilnehmer gewinnen, ›The Tolmachevy Twins‹, der russische Beitrag dagegen verlieren? Kurz: Wird sich die Politik in der Unterhaltungssendung niederschlagen? Einen Sieg kann sich die Ukraine finanziell gar nicht leisten. Jaremtschuk selbst orakelt auf die Frage der Zeitschrift ›Vzgljad‹ (27.2.2014), wie ihre Chancen stünden mit einer Weisheit ihres Vaters über das Pilze-Suchen: »Wenn du in den Wald gehst, ohne dir zu wünschen, dass du mit einem bestimmten Ertrag wieder herauskommst, wird dir dieser Ertrag von selbst zufallen.«

Ukrainische Popkultur jenseits des Song Contest

Ruslana ist jedoch bei Weitem nicht die einzige zeitgenössische Sängerin, die mit ihrer Mischung aus Folklore und Pop hervorsticht aus den fantasielosen Disko-Rhythmen, die in Osteuropa so beliebt sind. Der in Deutschland bekannte ukrainische Autor Jurij Andruchowytsch merkt in ›Das letzte Territorium‹ an: »(…) die Grenze ist da, in der unterschiedlichen Spurbreite zwischen den russischen und den europäischen Schienensträngen. (…) Aber es sind nicht die Geleise beziehungsweise ihre größere Spurbreite, die in erster Linie von der faktisch ungebrochenen Existenz des Imperiums zeugen, sondern eine andere Musik und Massenkultur. Es ist diese Grenze, die jene Gebiete, wo man mit Begeisterung Russenpop hört, von denen trennt, wo man ihn verachtet.«

Kiew hat sich längst zur Drehscheibe ukrainischer Musikproduktion gemausert. Ukrainische Künstler streben nicht ins Ausland, sondern produzieren hier. Während der Buchmarkt noch immer von Importen in russischer Sprache dominiert wird, etablieren sich in der Musikszene neben ausschließlich auf Russisch singenden ukrainischen Künstlern, wie den Rappern von Green Grey, Musiker mit ukrainischen Texten. Da der Markt weniger fixiert und strukturiert ist als in Westeuropa, haben es unkonventionelle bis avantgardistische Gruppen sowie folkloristisch-poppige Kombinationen leichter, produziert zu werden. Andererseits machen CD-Verkäufe in der Ukraine noch immer niemanden reich.

Die globalen Ausprägungen von Subkulturen des Pop (Hiphop, Rock, Punk, Rap, Reggae, etc.) erhalten je ihre ethnisch-ukrainische Variante. Wie Thomas Gross 2005 in der ›Zeit‹ sagte, spiegeln in dieser Mischung von globalen und lokalen Elementen die letzteren das wider, was westliche Hörer vom Osten an Klischees erwarten: »Der Osten hat gewissermaßen die Klischeeproduktion über sich selbst in die eigene Hand genommen.« Und der Osten produziert dabei doch ein eigenes, authentisches Produkt.

Was ist das Besondere an der ukrainischen Popkultur?

Wenn also in der Ukraine die Massenkultur des Pop hinsichtlich der Musik sowohl eine ethnisch-folkloristische bis regionale als auch eine globale Ausprägung besitzt, die sich einerseits durch die verwendete Sprache der Texte andererseits durch Einflechtung spezieller Instrumente und Weisen unterscheiden, ist das nichts Besonderes: Auch spanischsprachiger Pop besitzt eine ethnische Variante (z.B. Shakira) sowie eine spanische Ausprägungen globaler Stilrichtungen (Molotov, Ketchup-Song).

Französische Chansons von Francis Cabrel und Carla Bruni oder irische Folklore von The Corrs haben einen ähnlichen internationalen Bekanntheitsgrad erlangt wie die nationalen Ausprägungen globaler Subkultur, also französischer Hip-Hop oder Britpop. Deutschland scheint hier eine Ausnahme zu sein.

Die Besonderheit der ukrainischen Popmusik liegt also vielmehr darin begründet, dass die folkoristische Ausprägung des Pop vor einer globalisierten Variante den internationalen Durchbruch erlangt hat.

Ukrainische Popkultur und nationale Identität

»Jedermann empfindet es als ehrenvoll, sich als Ukrainer zu fühlen, wenn Klitschko im Ring triumphiert oder Ruslana beim Eurovision Song Contest siegt. Doch das alleine reicht nicht aus, um ein konkurrenzfähiges patriotisches Simulacrum hervorzubringen.« Damit meint Michail Dubinjanskij in seiner ›Anatomie des Patriotismus‹, erschienen im Februar 2012 in den Ukraine-Nachrichten, eine qualitativ neue Ebene der ukrainischen Identität. Bisher wird diese vielfach als zerrissen, gespalten, sehr heterogen beschrieben.

So gesehen war die Orange Revolution eine Gelegenheit zum Identitätswandel, die leider durch innenpolitische Intrigen schnell vertan war. Der Majdan und die Handlungen Putins werden starke Auswirkungen auf das nationale Gedächtnis und Bewusstsein haben. Wie Ulrich M. Schmid von der NZZ schreibt, darf man jedoch »annehmen, dass die Ukraine erst dann zu einer stabilen kulturellen Identität findet, wenn ihr Selbstbild in Europa auch durch ein passendes Fremdbild ergänzt wird. In diesem Prozess kann die ukrainische Literatur eine wichtige, wenn nicht entscheidende Rolle spielen.« Und der Fußball. Und die Musik.

| JUTTA LINDEKUGEL

Reinschauen
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Jutta Lindekugel: Zum 100. Todestag von Lesja Ukrajinka

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