Was ist ein Leben in Reichtum wirklich wert?

Roman | Elena Chizhova: Die Terrakottafrau

Was macht ein gutes Leben aus: Es ist nur das Geld? Oder spielen Freundschaft, Familie und ein reines Gewissen eine größere Rolle? Und wie wichtig ist Freiheit? Elena Chizhova stellt in ihrem Roman ›Die Terrakottafrau‹ die ganz großen Fragen. Es ist ein tiefgründiges Werk über Gewissen und Moral und über die Entscheidung, wen man sehen möchte, wenn man in den Spiegel blickt. Es geht um die Kraft der Literatur, um Familie und Freundschaft und die Vermischung von beidem, und es geht um Geld. Beziehungsweise um die Frage, welche Opfer man dafür zu bringen bereit ist. Von VALERIE HERBERG

TerracottaDie Rahmenhandlung des Romans spielt in den Nullerjahren in Russland. Die Hauptfigur Tatjana führt ein einfaches und einsames Leben. Mit Nachhilfestunden bei den Kindern gut begüterter Familien hält sie sich und ihre erwachsene Tochter, die studiert, gerade so über Wasser.

Dass das nicht immer so war, erfährt der Leser in Rückblenden. Darin erzählt Tatjana, die im Roman als Perspektivträgerin fungiert, von ihrem früheren Dasein, einem anderen Leben. Sie blickt zurück in die neunziger Jahre. In die Zeit, als die Sowjetunion zusammenbricht und Platz macht für ein neues Gesellschafts- und Wirtschaftssystem.

Es ist ein historischer Moment, in dem die lang ersehnte Freiheit endlich Wirklichkeit wird. Und in der Tat verändert sich für die Menschen in Russland das Leben, wie sie sie kannten, komplett. In dem neuen politischen System werden die Karten neu gemischt. Jeder geht mit dem Umbruch anders um. Viele wollen vor allem eins: ein besseres Leben.

Der Wunsch nach finanzieller Sicherheit und eine Chance namens Friedrich

Tatjana geht das nicht anders. Die Philologin und Expertin für russische Literatur unterrichtet an der Hochschule. Das Geld ist knapp, es fehlt an allem, sie ernährt sich und ihre damals noch kleine Tochter eher schlecht als recht. Ihr geschiedener Mann, ebenfalls Akademiker, verliert sich in historischen und politischen Diskussionen und ist für den Alltag nicht von praktischer Hilfe.

Tatjana lernt schließlich Friedrich kennen, einen Möbelfabrikanten. Als er ihr einen Job anbietet, sagt sie ohne Zögern zu. Als Assistentin der Geschäftsleitung arbeitet sie eng mit ihm zusammen und ist dabei in Aktionen involviert, die teilweise moralisch eher fragwürdig sind – wobei Friedrichs Unternehmen bei Weitem nicht das einzige ist, das sich solcher Methoden bedient.

Geld versus Moral

Ihr Chef zeigt sich dafür erkenntlich: Tatjana verdient gut, sehr gut. Gemeinsam mit ihrer Freundin Jana, die ebenfalls alleinerziehend ist, zieht sie zusammen in eine Wohnung. Tatjana übernimmt als Ernährerin der Familie die traditionelle Männerrolle, während Jana sich um den Haushalt kümmert und auf die Kinder aufpasst.

Mit dem immer besseren Gehalt erkauft Friedrich jedoch nicht nur Tatjanas Kooperation: Sie muss oft bis spät in die Nacht arbeiten und teilweise gefährliche Risiken eingehen. Brenzlig wird es vor allem, als Friedrichs Geschäftsstrategie nicht mehr aufgeht und er riskante Kredite aufnehmen muss. Als sie Zeugin einer schweren Bestrafungsaktion wird, ist für Tatjana die Grenze erreicht – und sie zieht persönliche Konsequenzen.

Spannung mit Tiefgang

›Die Terrakottafrau‹ ist ein spannender Roman – und dennoch kein Text, der sich einfach so »weg liest«. Die vielen Metaphern und Zeitsprünge erfordern Konzentration. Dran zu bleiben lohnt sich aber: Sensibel beschreibt Chizhova die Gefühle und Konflikte der Hauptfigur, die sich zwischen einem guten Leben und einem reinen Gewissen entscheiden muss. Und sie gibt Einblicke ins Russland nach dem Fall der Sowjetunion, als herkömmliche Überzeugungen und traditionelle Werte fast über Nacht ihren Wert verloren und jeder sich selbst überlassen wurde.

Literatur als Ersatzreligion?

Wichtig in ›Die Terrakottafrau‹ ist auch die Literatur. Immer wieder zitiert Chizhova Passagen aus Romanen, Liedtexten und Gedichten. In der Welt des geschriebenen Wortes fühlt Tatjana sich zuhause, Literatur bietet ihr Orientierung. In der Sowjetunion hatte Literatur einen besonderen Stellenwert, sagt die Autorin: »Die Sowjetunion war ein atheistisches Land. Gedichte und Romane erfüllten für viele Menschen die Funktion von Gebeten, von einer spirituellen Quelle der Inspiration.«

Nach dem politischen Umbruch verliert die Literatur jedoch für viele ihren Wert für und ihre Verbindung zum Leben. Die Wahrheiten aus der Literatur scheinen nicht so recht zu passen zu dieser neuen Welt, die von der Wirtschaft diktiert wird.

›Die Terrakottafrau‹ – Roman mit autobiografischen Elementen

Mit Tatjana steht eine außergewöhnliche Frauenfigur im Mittelpunkt des Romans. Treue Leser von Elena Chizhova dürften ihre starken Frauenfiguren schon aus dem Roman ›Die stille Macht der Frauen kennen‹, ein magisches Märchen, wie die Autorin selbst sagt. Es geht darin um drei alte Frauen, die ein behindertes Mädchen vor den Fängen des sowjetischen Staatsapparates schützen.

Während die Figuren aus ›Die stille Macht der Frauen kennen‹ teilweise von Kindheitserinnerungen der Autorin und der Lebensgeschichten ihrer Mutter und Urgroßmutter inspiriert sind, verhält es sich in ›Die Terrakottafrau‹ anders.

»Das Verhältnis zwischen Tatjana, ihrem Ehemann und ihrer Tochter ist komplett fiktiv«, erklärt Chizhova. Für die Figuren selbst könnte sie unfreiwillig einige ihrer Eigenschaften oder Eigenschaften von Menschen aus ihrer Umgebung genutzt haben, sagt die Autorin weiter.

Sie weist allerdings darauf hin, dass sie selbst in der Möbelbranche gearbeitete, bevor sie sich ganz dem Schreiben gewidmet hat. Und sie hat in ›Die Terrakottafrau‹ einige ihrer Erfahrungen aus dieser Zeit einfließen lassen.

Fazit: ›Die Terrakottafrau‹ ist ein intelligent konzipierter, vielschichtiger Roman über eine vielschichtige Zeit. Gleichzeitig bieten die rund 400 Seiten eine spannende, kurzweilige Lektüre, historisches Wissen inklusive. Und womöglich regt sie den einen oder anderen zum Nachdenken darüber an, was einem selbst im Leben eigentlich wichtig ist.

| VALERIE HERBERG

Titelangaben
Elena Chizhova: Die Terrakottafrau
Aus dem Russischen und mit Anmerkungen versehen von Dorothea Trottenberg
München: dtv 2015
448 Seiten. 16,90 Euro
Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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