Lesegenuss für jeden Tag

Kalender | Literaturkalender 2020

»Es schnurrt mein Tagebuch am Bratenwender: nichts schreibt sich leichter voll als ein Kalender«, reimte bereits Goethe. Man ahnt: Dem beständigen Lauf der Zeit lässt sich auch humorvoll und mit Wortwitz begegnen. Mit Sicherheit erhöht ein Literaturkalender schon jetzt die Vorfreude aufs kommende Jahr. INGEBORG JAISER hat aus der Fülle des Angebots einige bemerkenswerte Exemplare ausgewählt. 

Schweizer Wertarbeit

So jung und schon ein Erfolgsmodell! Für das Jahr 2019 lancierte der Zürcher Diogenes Verlag zum ersten Mal seinen Kalender mit dem auffordernden Titel Abreißen, loslassen. In bewährter, unverwechselbarer Verlagsoptik, puristischem Design und gesetzt in der gewohnten Schrifttype Didot.

Jedes Blatt erinnert an das Cover eines Buches, umrandet von einem dünnen, schwarzen, an den Ecken abgerundeten Rahmen. Hier besticht die reine Sprache, ohne Ablenkung durch Illustrationen oder Fotografien.

Auch der zweite Jahrgang präsentiert Tag für Tag ein Dichterwort, ein Romanzitat, das Bonmot einer Berühmtheit. Da kann das morgendliche Abreißen eines Kalenderblattes zum geliebten Ritual werden, wie das Zeitungslesen oder der erste Kaffee in der Frühe. Vielleicht entdeckt man gar ein Tagesmotto? »Hab Mut! Jedoch nicht, um ihn zu beweisen«, rät Joachim Ringelnatz.

Während Jane Austen bedächtig konstatiert: »Es gibt nichts Behaglicheres, als einfach zu Hause zu bleiben.« Doch Vorsicht, am allerletzten Tag des Jahres mahnt bereits John F. Kennedy: »Einen Vorsprung im Leben hat, wer loslegt, während andere noch reden.«

Literaturgeschichte zum Umblättern

Vom Newcomer zum Altmeister. Bereits im 53. Jahrgang stellt der Aufbau Literatur Kalender 53 Akteure aus einem schier unendlichen Bücherkosmos vor: Schriftsteller, Kritiker, Illustratoren. Biographische Notizen und literarische Zitate verschmelzen mit weitgehend unbekannten Fotografien und Darstellungen zu individuellen Porträts.

Jede Woche wird hier ein Geburtstagskind geehrt – oder ein Verstorbener. Ganz im Sinne von Haruki Murakami, der schon auf dem Titelblatt verkündet: »An jedem beliebigen Tag ergreift etwas unser Herz.«

Das kann ein anarchischer Akt der Selbstbefreiung sein, wie in Celeste Ngs Kleine Feuer überall (vorgestellt im Januar) oder die intensiven Naturerlebnisse von William Wordsworth (präsentiert im März) bis hin zu Timothy Learys Drogenerfahrungen (aufgeblättert im November). Aufmerksame Leser können am Kalender-Quiz teilnehmen – und vielleicht sogar noch gewinnen.

Zum Verschenken, auch an sich selbst

Auf eine außergewöhnlich wechselvolle Vergangenheit blickt Der Gedichtekalender zurück.

Ursprünglich vom Freiburger Buchhändler Thomas Bader schwungvoll kalligraphiert, nach dessen Tod vom Tübinger Verleger Hubert Klöpfer beherzt fortgeführt, nach dessen Verlagsumwandlung im vergangenen Jahr nun im Hause Weingarten beheimatet. Und doch hat dieser Kalender seine optische Erscheinung, seine visuelle Identität seit Anbeginn konsequent erhalten.

Bewährt haben sich die hochwertige Ausstattung und die feinsinnige Gestaltung – nach zarten Abfolgen von Grüntönen in den letzten Jahren nun im rosenholzfarbenen Gewand. Hubert Klöpfers markante Handschrift präsentiert uns im Zweiwochenrhythmus jahreszeitliche Gedichte von Klassikern wie Eichendorff, Uhland und Rilke, aber auch von zeitgenössischen Autoren wie Walle Sayer oder Christine Langer.

Gleich im Januar wandert Joachim Ringelnatz vergnügt über die Stille Winterstraße: »Ich stapfe einsam durch den Schnee / Vielleicht steht links im Busch ein Reh / Und denkt: Dort geht ein Mann.« Ein unfehlbarer Geschenktipp für alle Lyrik-Fans.

Mehr als ein geflügeltes Wort

Wir alle benutzen sie täglich und bauen sie – oft unbemerkt – in unsere eigene Sprache ein: Sprichwörter, literarische Zitate, Redewendungen. Über ihre Herkunft ranken sich vielfältige Mythen, doch nicht alle Erklärungen sind wahr.

Der Literaturwissenschaftler Rolf-Bernhard Essig, auch als »Sprichwortpapst« bekannt, erforscht mit Leidenschaft deren Entstehungsgeschichten und bereitet sie höchst unterhaltsam auf.

Wer weiß schon, dass Johann Wolfgang von Goethe zuerst den sprichwörtlich »roten Faden« in seinen Wahlverwandtschaften verwoben hat oder dass man beim »Leviten lesen« zur Bibel greifen sollte? Dass ein vom Weg Abgekommener sich nicht textil »verfranst«, sondern navigatorisch »verfranzt«? Alter Schwede! mag man da anerkennend ausrufen, angesichts dieses hintergründigen, lehrreichen, gewitzten Wochenkalenders aus dem Hause ars vivendi, der zurückhaltend und charmant von Eva Künzel illustriert wurde.

Reise durch die Weltliteratur in 52 Wochen

Hier ist der Name Programm: edition momente (unter der Ägide der Vollblutverlegerinnen Elisabeth Raabe und Regina Vitali) präsentiert in seinem Literatur Kalender Woche für Woche überraschende Momente und ungeahnte Entdeckungen. Unter dem Motto Vom Glück und Leid des Seins finden wir Briefpassagen, Gedichtzeilen und Romanzitate von Schriftstellern aus der ganzen Welt. Jubel und Jammer, Triumph und Trauer liegen oft nah beisammen. Eröffnet wird der Reigen der Gefühle im Januar von Umberto Eco (»Ich bin immer mißmutig, wenn ich spüre, daß einer meiner Romane dem Ende entgegengeht«) und endet im Dezember mit einem aufbrausend glücklichen Rainer Maria Rilke (»es war ein Orkan wie auf Duino damals«).

Unbekannte Fotografien, erhellende Biografien, ergänzende Literatur- und Ausstellungshinweise machen diesen fundiert recherchierten Kalender zu einem attraktiven Wegbegleiter fürs ganze Jahr. Das findet auch der Graphische Klub Stuttgart, der ihn mit dem Gregor Calendar Award / Award of Excellence ausgezeichnet hat.

Sag es durch die Blume

Sie alle waren enthusiastische Gärtner und pflegten ihr Stück Land: der Mönch und Dichter Walahfrid Strabo, die englische Schriftstellerin Vita Sackville-West, die Dadaistin Hannah Höch. Im Wechsel der Jahreszeiten fanden sie ebenso Anregung wie Entspannung und Muße. Und ist nicht die Natur die beste Inspirationsquelle? Schon Christian Friedrich Hebbel jubilierte: »Ein Maitag ist ein kategorischer Imperativ der Freude.«

Jährlich lässt der Verlag Schöffling seinen Literarischen Gartenkalender durch Zitate der Weltliteratur erblühen, sorgsam auf Hochglanzpapier arrangiert mit farblich harmonierenden Fotografien von Marion Nickig. Bewusst ist das Kalendarium schlicht gehalten, nur die Typographie wechselt Woche für Woche. Und zwischen den mal nachdenklichen, mal beobachtenden Texten blitzt Humor hindurch, so wie in der Jahresmitte: »Es lässt in meinem Garten / der Sommer auf sich warten / Man sieht nicht eine Schwalbe / noch nicht mal eine halbe.« (Frantz Wittkamp)

Von der Pampelmuse geküsst

Heinz Erhardt war ein ausgewiesener Schelm und begnadeter Humorist, Dichter, Komiker. Seine Nonsensverse und zeitlosen Wortwitze zünden noch heute, 40 Jahre nach seinem Tod. Ein amüsantes Potpourri an Gedichten, Glossen und Kalauern aus seinem unvergessenen Schaffenswerk vereint der Lappan Verlag zu einem vergnüglichen Literarischen Wochenkalender, perfekt ergänzt durch die feinen und hintergründigen Illustrationen der mehrfach mit Preisen ausgezeichneten Künstlerin Jutta Bauer.

Gleich auf dem ersten Januar-Blatt weht Der kalte Wind: »Es wohnt ein Wind in Leningrad / der pustet kalt / wer da nicht einen Mantel hat / der hustet bald.« Gefolgt von einer winterlichen Warnung, schon ein paar Blätter weiter: »Bei glatter Straße muss man sechzehn geben – doppelt acht.« Ein wundervolles Geschenk für alle Freunde der Sprachakrobatik und des gepflegten Doppelsinns!

Ich hab´ne alte Uhr voll Zeit

Und noch ein Gedicht! Oder gleich ein paar Dutzend. In gut 30 verschiedenen Sprachen dieser Welt. Lustige und traurige, sanfte und aufbrausende, nachdenkliche und laute. Sorgsam ausgewählt von den Mitarbeitern der Internationalen Jugendbibliothek in München und von namhaften Übersetzern kreativ ins Deutsche übertragen, stets um den Erhalt von Rhythmus, Wortwitz, Aussagekraft bedacht. Welch unerwartet neue Welten tun sich auf, einfallsreich illustriert und in Szene gesetzt!

Ein koreanischer Esel schlummert sanft im Januar, ein slowakischer Maulwurf stapft mit Spaten wacker durch den Juni und im Oktober kleckst ein chinesischer Zauberpinsel übers Blatt. Und wer am Jahresende in Traurigkeit verfallen sollte, wird mit einem niederländischen Gedicht getröstet: »Ich hab ´ne alte Uhr voll Zeit …« Längst hat der Kinder Kalender von edition momente auch das Herz der Erwachsenen erobert. So wurde er mit dem Kalenderpreis des Deutschen Buchhandels und dem Gregor Calendar Award in Silber bedacht. Gratulation!

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Abreißen, loslassen 2020
Zürich: Diogenes 2019
16.- Euro
| Erwerben Sie diesen Kalender portofrei bei Osiander

Aufbau Literatur Kalender 2020
Berlin: Aufbau Verlag 2019
22.- Euro
| Erwerben Sie diesen Kalender portofrei bei Osiander

Der Gedichtekalender 2020
Unterhaching: Weingarten / Athesia Kalenderverlag 2019
25.- Euro
| Erwerben Sie diesen Kalender portofrei bei Osiander

Alter Schwede!
Cadolzburg: ars vivendi 2019
22.- Euro
| Erwerben Sie diesen Kalender portofrei bei Osiander

Der Literatur Kalender 2020: Vom Glück & Leid des Seins
Zürich, Hamburg: edition momente 2019
22.- Euro
| Erwerben Sie diesen Kalender portofrei bei Osiander

Der literarische Gartenkalender 2020
Frankfurt am Main: Schöffling & Co. 2019
22,95 Euro
| Erwerben Sie diesen Kalender portofrei bei Osiander

Heinz Erhardt – Literarischer Wochenkalender 2020
Hamburg: Lappan, 2019
15,99 €
| Erwerben Sie diesen Kalender portofrei bei Osiander

Der Kinder Kalender 2020
Zürich, Hamburg: edition momente 2019
20.- Euro
| Erwerben Sie diesen Kalender portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Denkste!

Nächster Artikel

Ich habe die Macht

Weitere Artikel der Kategorie »Prosa«

Sut erzählt (5)

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sut erzählt (5)

Walfang ist todesmutiger Kampf, eine blutrünstige Angelegenheit – was hätte das mit Harmonie zu tun? Doch Sut wäre nicht Sut, wenn die Männer sich seinen Worten hätten verschließen können, der Schein trügt. Termoth, dem Hünen, der seinen Schwarzen der ›Marin‹ als Schutzpatron galt, standen Tränen in den Augen, sogar Eldin stellte seine Sorgen zurück.

Keesta, der als heilig verehrte Dorfälteste, führte, so heißt es, sagte Sut, den Walfang an. Der erste Grauwal war in den späten Herbstwochen der Vorbote der großen Wanderung zu den südlichen Lagunen, im ausgehenden Frühjahr kündigte er die Rückkehr ins Beringmeer an.

Treffen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Treffen

Wie lange das schon anhalte.

Jetzt?

Sicher jetzt.

Nein, Farb, er zähle nicht nach, sagte Wette, aber sie würden einander stets sonntags besuchen, und das seit einigen Jahren.

Marshall-Inseln

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Marshall-Inseln Homo sapiens. Wer ließ sich das einfallen. Ein Wissenschaftler, Susanne. Klar. Du kriegst das heulende Elend. Sie sind außerstande, sich wohnlich einzurichten, sind unfähig, sich zu integrieren, und nicht nur das, sondern sie zerstören, wo immer sie sich aufhalten, sei es in der Anatomie zu Zeiten der Anfänge der Medizin, sei es mit der Spaltung des Atoms in der zeitgenössischen Physik. Die Lunte brennt, der große Knall ist absehbar. Susanne, du lachst?

ChatGPT

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: ChatGPT

Lästig, überaus lästig, die ewig gleichen Versuche, den Mühen der Ebene auszuweichen.

Farb lachte. Das Ei des Kolumbus, sagte er, ein Gordischer Knoten.

Tilman tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Farb stand auf, um Schlagsahne aus der Küche zu holen.

Annika klappte ihr Buch zu und legte es beiseite.

Sie lächelte. ChatGPT sei eine mit Mitteln von high-tech verfeinerte Methode, Plagiate zu erstellen, spottete sie, ein Abschreiben, das es unmöglich mache, auch nur einen der ursprünglichen Autoren zu identifizieren.

So könne man das sehen, sagte Farb, es sei ein zutiefst konservativer Standpunkt, aber deshalb nicht falsch.

Spitze

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Spitze

Nein, absolut nicht, er habe keine Lust, sich damit zu beschäftigen, sagte Farb.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Das sei immer dasselbe, sagte Wette, die realen Verhältnisse bildeten sich auf allen Ebenen ab, man lebe nun einmal in einer Hochleistungsgesellschaft, da fändest du eine schmale Spitze und eine breite Basis, überall, wo du auch hinsiehst, das sei der Lauf der Dinge.

Ob das so einfach sei, fragte Annika.

Sobald du ein zweites Mal hinsiehst, paßt es schon nicht mehr, wandte Tilman ein.