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Koketterie und Emanzipation

Bühne | Wiener Blut von Johann Strauß

»Du süßes Täuberlein, komm‘ zum Stell-Dich-Ein. Ich bitt‘ Dich, mein, sag‘ nicht nein«, singt Balduin Graf Zedlau (insgesamt überzeugend: Dirk Konnerth) und tanzt galant über den Bühnenboden, bevor er sich mit dem Kammerdiener Josef (charmant, ausdrucksstark und gesanglich on top: Philipp Werner) zusammen tuschelt über die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts amüsiert. Von JENNIFER WARZECHA

Wiener Blut - Sabine Haymann

In ›Wiener Blut‹, einer Operette in drei Akten von Johann Strauß, zusammengestellt von Adolf Müller, nimmt er zusammen mit seinem Kammerdiener und den weiteren Darstellern, allen voran den Damen in den weiblichen Hauptrollen, gesellschaftliche Normen und die Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft zur Zeit des Wiener Kongresses (1814-1815) auf die Schippe. In der Pforzheimer Inszenierung kommt die Operette mit dem Libretto von Victor Léon und Leo Stein sowie der Textfassung von Hannes Hametner und Thorsten Klein zu seiner vollen Geltung. Dies quittieren auch die im bis auf den letzten Platz gefüllten Großen Haus des Stadttheaters Pforzheim anwesenden Besucherinnen und Besucher.

Unterstützt werden die Sängerinnen und Sänger, unter der musikalischen Leitung von Philipp Haag, der Chorleitung von Alexandros Diamantis, der Choreographie von Guido Markowitz und der Dramaturgie von Alexandra Karabelas, Thorsten Klein und Inken Meents von großer musikalischer Virtuosität und gesanglicher Top-Qualität. Denn auch dieses Mal werden alle Mitglieder des Chors des Theaters Pforzheim durch den Extrachor des Theaters Pforzheim und die Badische Philharmonie Pforzheim unterstützt.

In der Pforzheimer Fassung interagiert indes der Komponist Johann Strauß (von Gestik und Mimik her überzeugend: Yannis Brissot) »als furioser Dirigent, der immer noch einen draufsetzt«, wie es Hannes Hametner im Programmheft nennt, mit den Sängerinnen und Sängern und spielt sogar auf ihren Oberkörpern Geige.

Verwirrspiel, geprägt von Koketterie und Emanzipation

Spielerisch fügt sich auch jede der Figuren in ihre jeweilige Rolle. So überzeugt Balduin Graf Zedlau als Casanova, die Gräfin (emanzipatorisch, keck und ausdrucksstark: Stamatia Gerothanasi) als selbstbewusste, moderne und emanzipatorische Frau, seine Geliebte, die Tänzerin Demoiselle Franziska Caligari (fesch, verrucht und überzeugend: Anna Gütter) sowie Pepi Pleininger (überzeugend zwischen keck und scheu hin und her gerissen: Elisandra Melián/Ines Vinkelau) und Josef alias Philipp Werner. Immer wieder tauschen sie ihre Konstellation als Paare und sorgen stellenweise für ein Verwirrspiel. Eines, das der Graf ebenfalls durch Handküsse an einige Damen im Publikum unterbricht.

Er selbst gibt sich teilweise als ledig aus, was schon Josef und die Geliebte, »Franzi«, die dem Publikum aufreizend im schwarzen Negligée bereits zu Beginn der Operette gegenüber tritt, nicht überzeugt. Josef lästert über den Grafen. »Franzi« wird von ihrem Vater im biederen, schwarz-weiß gestreiften Anzug konfrontiert, der sich unter dem Gelächter des Publikums immer wieder auf das breite Sofa mit den knallroten Plüsch-Kissen setzen möchte, während sie sich noch auf der Sitzgelegenheit räkelt.

Der Vater möchte folglich endlich den zukünftigen Schwiegersohn sehen, von dem er im Folgenden schwärmt und als den er den Graf fälschlicherweise bezeichnet.

Tänzerin Franziska ahnt aber bereits von einer dritten Frau, als sie dem Graf gegenüber in wütendem und erregtem Tonfall sagt, sie sei nicht eifersüchtig auf die Gräfin, von der sie schließlich weiß und die ihn am Abend zum Ball begleiten soll, »aber wehe, wenn eine dritte Frau da wäre.« Diese kommt, erst schüchtern, dann frech, in komplett rotem Kostüm mit roten Stiefeln als Pepi Pleininger auf die Bühne und wirbelt alles durcheinander.

Die Rolle der Frau verändert sich im Glanz des Wiener Opernballs

Noch vor der Pause der zweistündigen Operette in drei Akten sorgt aber die Gräfin für Erstaunen, kleidet und benimmt sie sich doch gar nicht wie eine betrogene Ehefrau, sondern kommt adrett in schwarz-glänzenden Reitstiefeln aus Leder, edler Bluse und Reithose daher. Sie singt über ihr Leben und ihren Gatten, davon, dass sie sich ihn eher als frechen Casanova denn als biederen Ehemann wünscht. Sie entdeckt den Strumpf seiner Geliebten, der Tänzerin sowie deren Champagnerglas.

Als sie und Franzi entdecken, dass der Graf beiden Frauen untreu geworden ist, verbünden sie sich und nach diversen Wechseln in den Paarkonstellationen nimmt die ganze Operette ein überraschendes Ende. Alle besingen dabei das ›Wiener Blut‹ mit den Worten »Wiener Blut, Wiener Blut! Eig’ner Saft, voller Kraft, voller Glut, Wiener Blut, selt’nes Gut, Du erhebst, Du belebst unser’n Mut! Wiener Blut! Wiener Blut! Was die Stadt Schönes hat, in dir ruht! Wiener Blut, heiße Flut! Aller Ort gilt das Wort: Wiener Blut!« (Chorfinale 3. Akt, Strauß-Walzer ›Wiener Blut‹).

Wiener Blut - Sabine Haymann

Und so wird Johann Strauß‘ letzte Operette und eines seiner interessantesten Werke, dessen Melodien von Adolf Müller junior auf ein neues Libretto gesetzt worden waren, zu den intimen Klängen des Walzers inmitten der Feierlichkeiten des Wiener Opernballs nicht nur zum Hochgesang auf und Feier des modernen Lebens. Die Operette überzeugt auch in Pforzheim das Publikum, das diese mit tosendem Beifall quittiert. Absolut überzeugend!

| JENNIFER WARZECHA
| Abbildungen: SABINE HAYMANN

Titelangaben
Wiener Blut
Operette von Johann Strauß
Zusammengestellt von Adolf Müller
Libretto von Victor Léon und Leo Stein

Weitere Termine
Do. 02.01.2020, 20 Uhr; So. 12.01.2020, 15 Uhr; Di. 25.02.2020, 20 Uhr; Mi. 26.02.2020, 20 Uhr; Sa. 29.02.2020, 15 Uhr; Di. 03.03.2020, 20 Uhr; So. 29.03.2020, 15 Uhr; Fr. 17.04.2020, 19:30 Uhr; Do. 28.05.2020, 20 Uhr; Sa. 20.06.2020,19:30 Uhr; Di. 23.06.2020, 20 Uhr

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