//

»Wir haben doch noch uns«

Bühne | Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun

Was gibt es Schöneres als ein junges Glück? In Zeiten der Not erwärmt es einem das Herz, doch das Geld darf nicht ausbleiben, denn sonst hat der Muckel nichts zu essen. Von MONA KAMPE

Es ist die große Liebe: Lämmchen und Johannes Pinneberg schweben im siebten Himmel und erwarten ihr erstes Kind. Doch ihre Arbeitereltern sind alles andere als begeistert von seinem Buchhaltereinkommen. Dennoch ziehen die beiden in eine kleine Wohnung – eine Kaschemme, aber sie versuchen sie, mit Liebe zu füllen.

Doch die Wirtschaftskrise setzt nicht nur dem Haushalt des jungen Paares zu, Pinneberg verliert seinen Job wegen Personalkürzungen.

Schwere Zeiten: Auf Grund der Wirtschaftskrise verliert Pinnberg (Christian Prasse, l.) seinen Job als Buchhalter und damit sein gesichertes Einkommen (Credits: Theater das Zimmer)
Schwere Zeiten: Auf Grund der Wirtschaftskrise verliert Pinnberg (Christian Prasse, l.) seinen Job als Buchhalter und damit sein gesichertes Einkommen
Foto: Theater das Zimmer

Doch es kommt Hoffnung auf, als seine Mutter ihm eine Anstellung im Warenhaus Mandel in Aussicht stellt. Die beiden ziehen nach Berlin. Doch wie immer hat seine verrückt-verruchte, egozentrische Mutter übertrieben. Dennoch versucht Pinneberg alles, um die Stelle zu bekommen, er bittet sogar den nicht ganz sauberen Liebhaber seiner Mutter um einen Gefallen.

Schließlich erhält er den Job und macht auf den ersten Angestellten einen guten Eindruck. Er schuftet hart, damit Lämmchen und Muckel es gut haben.

Doch das Leben und die Rezession treffen das junge Glück hart: Die Mutter besteht auf ihre Miete, durch seine familiären Verpflichtungen und ein Zuspätkommen Pinnebergs wird sein Lohn gekürzt. Da das Warenhaus die Verpflichtung seiner Mitarbeiter über alles stellt, steckt der Vater bald in der Zwickmühle. Zudem stellt Lämmchen Forderungen, um ein idyllisches Heim zu schaffen.

Auch sein Arbeitgeber muss im Zuge der Wirtschaftskrise Personal abbauen und Gehälter einsparen. Als ein bekannter Schauspieler das Warenhaus betritt, sieht Pinnberg seine Chance gekommen, seine Auflagen zu erfüllen und zu glänzen.

Familienkrach: Frau Pinneberg (Christiane Wegner, l.) fordert ihr Geld, da platzt dem Sohn der Kragen (Credits: Theater das Zimmer)
Familienkrach: Frau Pinneberg (Christiane Wegner, l.) fordert ihr Geld, da platzt dem Sohn der Kragen
Foto: Theater das Zimmer

Arbeiterleben heißt Lohn erstreben und sich dem Schicksal ergeben

Der Schauspielkurs ›Die Wolkenstürmer‹ des Hamburger ›Theater das Zimmer‹ zeigt in diesem Jahr den klassischen Eheroman Hans Falladas ›Kleiner Mann – was nun?‹ von 1932. Dieser beschreibt das Eheleben in Zeiten der Wirtschaftskrise und die Auswirkungen auf die Arbeiterschicht. Die Krise des kleinen Mannes gewinnt im Zuge der immer größer werdenden Einkommensschere und dem Rechtsruck in der Gesellschaft wieder an Aktualität. Pinnebergs Jobkampf und Work-Life-Balance sind Herausforderungen, die junge Ehepaare und Eltern auch heute zu meistern haben.

Die Verzweiflung aufgrund des Geldmangels, das Zurückstecken trotz Wünschen und der unbeirrbare Glaube an das gemeinsame Glück gelingen Anna Suwald und Christian Prasse vortrefflich. Ihre warmherzige Darstellung der Pinnebergs bewegt das Publikum – es freut sich mit dem jungen Paar und leidet mit seinen Schicksalsschlägen. Besonders fühlt es mit Johannes Pinnberg, als dieser erleben muss, wie leicht Reichtum und Ruhm blenden und kleine Männer wie ihn übertrumpfen können. Und wie hart er kämpft, um seine Familie zu ernähren.

Mit melodischer musikalischer Untermalung aus den 1920er Jahren und einem für das kleinste Theater Hamburgs, das sich gerade über eine Kulturförderung durch die Stadt freuen durfte, unüblichen roten Vorhang und reich besetzter Bühne, gelingt den »Wolkenstürmern« unter Regie von Kursleitung Lars Ceglecki ein tolles Theatererlebnis vor ausverkauftem Haus.

Video- Trailer auf Facebook

Am Ende überstrahlt Lämmchens Satz »Wir haben doch noch uns« alle Suizidgedanken, Versagens- und Existenzängste. Liebe kann so schön sein und so viel Kraft bzw. Trost schenken, wenn man gemeinsam kämpft und an sie glaubt.

| MONA KAMPE

Titelangaben
Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?
Theater das Zimmer Hamburg

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Traumreise nach Atlantis

Nächster Artikel

Der perfekte Moment

Neu in »Bühne«

Dem »Liebchen« auf der Spur

Bühne | ›Die Entführung aus dem Serail‹ – Theater Pforzheim Mit schmerzverzerrtem Gesicht steht Protagonistin Konstanze (Franziska Tiedtke) am Bühnenrand. Die Protagonistin mit den schönen blonden Locken singt eine herzzerreißende Arie über ihr Liebesleid. Immer wieder fasst sie sich dabei demonstrativ mit der Hand an die Brust. Hohe und tiefe Töne wechseln sich ab. Die Sehnsucht nach ihrem Geliebten Belmonte (Markus Francke) treibt Konstanze umher. Ihr gegenüber steht Bassa Selim (Sehr attraktiv und hoheitsvoll im schwarzen Jackett auf nackter Brust: Dario Krosely), der ihre Freunde und sie in Gefangenschaft nehmen ließ. Seine Liebe zu Konstanze ist aussichtslos, die der Protagonistin

»Sex, drugs and Rock ‚n‘ Roll« oder: »The times they are a-changin‘«

Bühne | Badisches Staatstheater Karlsruhe: Dylan – The Times they are a-changin’ Er gilt als eine der schillerndsten Figuren der Rockgeschichte und einer der musikalischen Heroen des 20. Jahrhunderts, Robert Allen Zimmerman, besser bekannt als Bob Dylan. Genauso wie er an der Spitze vieler Protest- und Widerstandsbewegungen stand, genauso – musikalisch und in seiner Lebensfülle bewegend – abwechslungsreich verlief die Karriere des mittlerweile über 70jährigen bisher. Egal, ob er die Richtung seiner Songs – vom Folksong bis hin zur Protestballade, vom Rocksong bis hin zu fast schon missionarisch anmutenden Liedern änderte, stets hat er seine Fangemeinde begeistert und hält sie

Zwischen Moderne und Tradition

Bühne | Richard Wagners ›Lohengrin‹ im Stadttheater Pforzheim Ist eine Oper, die aus der Feder Richard Wagners (1813-1883) stammt, eine Herausforderung an die Moderne? Studiert man die Sekundärliteratur, ist davon die Rede, dass sich Interpreten bis heute nicht einig darüber sind, wie sie eine solche Oper zu interpretieren haben. Nicht nur literarische Texte, auch Schauspiel und Oper in ihrer Aufführungspraxis sind mehrdeutig. Eine einzige Interpretation, die für ein Werk gilt, kann es nicht geben. Bei Richard Wagner stellt sich an den Interpreten noch eine ganz andere Herausforderung: Die nämlich, seinem Traum vom »Gesamtkunstwerk« aus Schauspiel, Musik und Text gerecht zu

Koketterie und Emanzipation

Bühne | Wiener Blut von Johann Strauß »Du süßes Täuberlein, komm‘ zum Stell-Dich-Ein. Ich bitt‘ Dich, mein, sag‘ nicht nein«, singt Balduin Graf Zedlau (insgesamt überzeugend: Dirk Konnerth) und tanzt galant über den Bühnenboden, bevor er sich mit dem Kammerdiener Josef (charmant, ausdrucksstark und gesanglich on top: Philipp Werner) zusammen tuschelt über die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts amüsiert. Von JENNIFER WARZECHA PDF erstellen

Der Tanz auf dem Vulkan

Bühne | ›Cabaret‹ im Staatstheater Darmstadt Es wirkt wie eine Warnung, wenn das Staatstheater Darmstadt in sorgenvollen Zeiten – in denen eine depolitisierende Unterhaltung und ein aufsteigender Rechtsextremismus vermeintlich besorgter Bürger sich abwechseln – das Musical ›Cabaret‹ auf die Bühne bringt: ein Stück, das am Ende der Weimarer Republik in Berlin spielt, ein Stück über Protagonisten, die in einem Kabarett ausgelassen feiern und sexuelle Ausschweifungen genießen, um die finanziellen und politischen Nöte zu vergessen, während draußen der Nationalsozialismus langsam die Kontrolle übernimmt. Die Regisseurin Nicole Claudia Weber, der musikalische Leiter Michael Nündel und der Choreograph Christopher Tölle haben das Musical