Roman | Brigitte Kronauer: Gewäsch und Gewimmel Gewäsch und Gewimmel – der neue Roman von Georg-Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer. Eine Besprechung von PETER MOHR
Kurzprosa | Peter Stamm: Auf ganz dünnem Eis
»Das Tragische gefällt mir, weil es mehr Nähe ermöglicht als das Komische, es ist viel gegenwärtiger«, hat der Schweizer Autor Peter Stamm vor einigen Jahren in einem Interview mit dem Zürcher Tages-Anzeiger erklärt. Der 62-jährige Stamm hatte zuletzt in seinem Roman In einer dunkelblauen Stunde (2023) von einem gescheiterten Filmprojekt, einer verlorenen Jugendliebe und den Geheimnissen des schriftstellerischen Schaffens erzählt. Sein Roman Agnes wurde 2016 von Johannes Schmid unter demselben Namen verfilmt. Beruhend auf der Kurzgeschichte »Der Lauf der Dinge« war 2019 der Spielfilm Was wir wollten« von Ulrike Kofler entstanden. Über mangelnden Erfolg und fehlende öffentliche Anerkennung kann sich der in Winterthur lebende Autor wahrlich nicht beklagen. Von PETER MOHR
Roman | Peter Stamm: In einer dunkelblauen Stunde
Ein gescheitertes Filmprojekt, eine verlorene Jugendliebe und die Geheimnisse des schriftstellerischen Schaffens verwebt Peter Stamm mit luftiger Leichtigkeit zu den Themen seines neuen Romans. In einer dunkelblauen Stunde verschwimmen die klaren Konturen, verschwinden gar ins Nichts, wie es die titelgebenden Zeilen das Gottfried Benn-Gedichts erahnen lassen – »in einer blauen, dunkelblauen Stunde/ und wenn sie ging, weiß keiner, ob sie war«. Von INGEBORG JAISER
Roman | Barbara Honigmann: Mischka
»Ortsnamen verbanden sich mit den Worten Gefängnis, Zuchthaus, Lager, Gulag, Einzelhaft, Folter, Verbannung und Zwangsarbeit in Sibirien, hinter dem Polarkreis. All das hörte ich und davon las ich, und all das hörte dann endlich auch die ganze Welt, und wer will jetzt sagen, was schlimmer war, Auschwitz oder Workuta, das Butyrka-Gefängnis oder das Zuchthaus Brandenburg?«, fragt die 77-jährige Barbara Honigmann in ihrem autobiografischen Band Mischka, in dem sich die Autorin auf behutsame Weise mit realen Figuren auseinander setzt, die bei ihr nachhaltigen Eindruck hinterließen. Von PETER MOHR
Menschen | Zum 80. Geburtstag von Rafik Schami erschien der Roman ›Das Mosaik der Frauen‹
»Ich erzähle nicht Orientalisch. Ich erzähle Rafik-Schamisch. Meinen Stil habe ich so aufgebaut. Ich konnte mit Prinzen und Prinzessinnen nichts anfangen, die dauernd in Ohnmacht fallen, wenn sie sich verlieben. Was soll das? Ich erzähle von Damaskus von heute, ich erzähle von Deutschland von heute in der Form der mündlichen Erzählkunst«, erklärte der Schriftsteller Suheil Fadel, der unter seinem Pseudonym Rafik Schami weltweit bekannt geworden ist – als begnadeter Erzähler, virtuoser Vortragskünstler, der den Kontakt zum Publikum liebt, aber auch als leidenschaftlicher Brückenbauer zwischen Orient und Abendland. »1982 ging ich das erste Mal auf Tournee. Bis Ende 2025 hielt ich 2820 Erzählabende. Auf meinen Tourneen reiste ich über 471 000 km. Ich umkreiste also erzählend elfmal die Erde«, so Schami, der am 13. Juli im Literaturhaus München zum letzten Mal auftritt. Von PETER MOHR
Sachbuch | Peter Engel, Konstantin Ulmer (Hgg.): »Er wollte einmal Maler werden«
Der Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert (1921–1947), dem für sein Schaffen nur wenig Zeit vergönnt war, hat seiner Vaterstadt mehrere Gedichte gewidmet, dass er sie auch gemalt hat, war bisher nur ganz wenigen Kennern bekannt. Über seine künstlerische Seite kann man sich jetzt erstmals umfassend in einem Buch mit dem Titel »Er wollte einmal Maler werden – Farbige Bilder und Zeichnungen von Wolfgang Borchert« informieren.
Roman | John le Carré: Tinker, Taylor, Soldier, Spy
Mit Tinker, Taylor, Soldier, Spy legt der Ullstein Verlag fünf Jahre nach dem Tod des Autors die Neuübersetzung eines der wohl besten Bücher von John le Carré vor. Nachdem die deutsche Erstausgabe 1974 von Rolf und Hedda Soellner übersetzt wurde – der deutsche Titel lautete damals Dame, König, As, Spion –, nahm sich jetzt Peter Torberg dieser Aufgabe an. In der George-Smiley-Reihe le Carrés ist Tinker, Taylor, Soldier, Spy Band 5. Davor hatte es eine fast zehnjährige Pause gegeben, die le Carré mit zwei Romanen füllte, in denen sein Meisterspion nicht auftrat. Das mag daran gelegen haben, dass der Autor das Problem, dass Smiley zwischenzeitlich aus dem Dienst gedrängt worden war, erst einmal literarisch zu bewältigen hatte. Indem der Autor ihn als eine Art Berater wieder in den »Circus« einschleust – in den folgenden Bänden wird er hauptverantwortlich für den Umbau des MI 6 sein – macht er das auf die denkbar eleganteste Weise. Von DIETMAR JACOBSEN
Roman | Valery Tscheplanowa: Ist es Liebe
Nach der Lektüre von Valery Tscheplanowas zweiten Roman fragt man sich händeringend, ob im Buchtitel nicht ein Fragezeichen fehlt, denn es steht eine ziemlich unkonventionelle Zweierbeziehung im Mittelpunkt. Von PETER MOHR
Reise | Besuch im jüdischen Rothenburg
Mal wieder nach Rothenburg ob der Tauber. Mal wieder, jetzt im späten Winter, einen Gang durch diese Gassen, einen Gang durch Raum und Zeit. Jetzt ist hier noch alles recht ruhig – der Blick hat Zeit, zu verweilen. Von der Stadtmauer aus betrachtet, öffnet sich die Sicht auf das Taubertal wie eine gemalte Landschaft der Romantik. Von MARC PESCHKE
Roman | Ross Thomas: Stimmenfang
Mit Ross Thomas‘ ›Stimmenfang‹ beendet der Alexander Verlag Berlin seine verdienstvolle Neuausgabe des literarischen Werks eines Mannes, der zu den wichtigsten Thrillerautoren des 20. Jahrhunderts zählt. Der im Original 1967 unter dem Titel ›The Seersucker Whipsaw‹ erschienene Roman ist die Nummer 2 von 25 Thrillern, die Thomas in seiner zweiten Karriere als Schriftsteller zwischen 1966 und 1991 schrieb. Dass er davor als politischer Journalist, PR-Manager und Wahlkampfberater unterwegs war, ist diesem sich um die ersten freien Wahlen in einer ehemaligen britischen Kolonie in Afrika drehenden Buch durchgehend anzumerken. Wenn sich seine beiden Helden, der PR-Mann Peter Upshaw und der politische Stratege Clinton Shartelle, aufmachen, um den Wahlkampf eines der drei Bewerber für das Präsidentenamt im fiktiven Albertia mit allen Mitteln zu unterstützen, wirkt das so realitätsgesättigt, als gäbe der Autor tatsächlich eigene Erfahrungen wider. Und es hat auch ein gutes halbes Jahrhundert nach seinem ersten Erscheinen weder etwas von seiner politischen Aktualität noch von seiner literarischen Güte verloren, auch wenn es nicht unter die besten Werke dieses Autors zählen dürfte. Von DIETMAR JACOBSEN

