TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Lebensgefährlich
Ob das schwer zu verstehen sei.
Gut gefragt, Farb.
Doch sei das nicht jedem bekannt.
Das sollte man annehmen.
Einst galt Prosa als Sprache der Wissenschaft. Heute lesen wir in ihr Alltagssprache und auch künstlerische fiktionale Texte. Jeden Montag in TITEL.
Ob das schwer zu verstehen sei.
Gut gefragt, Farb.
Doch sei das nicht jedem bekannt.
Das sollte man annehmen.
Wette, wir könnten Wette einladen.
Wozu?
Wir wären zu viert und spielen Doppelkopf.
Schwierig, Annika.
Weshalb?
Jeder spielt nach anderen Regeln, ständig wird gestritten, etwa darüber, welche Herz zehn gewinnt, eine zuerst oder eine zuletzt ausgespielte, das ist keine reine Freude, auch ob und wann ein Solo gespielt wird, auch wie die Punkte gezählt werden
Er sehe sich Irrwegen ausgesetzt, sagte Farb, Sackgassen, täuschenden Abzweigungen, wohin das führe, es würden falsche Fragen gestellt.
Zufall, nein, sagte er, das sei kein Zufall und ebenso wenig ein Anzeichen von Demenz, es würden falsche Fährten gelegt.
Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.
Tilman schenkte Tee nach, Yin Zhen.
Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.
Absicht, sagte er, das geschehe mit voller Absicht, die Öffentlichkeit werde auf Glatteis geführt.
Wenn dem Esel zu wohl werde, sagte Tilman, gehe er aufs Eis tanzen.
Annika lächelte. Man wisse sich nicht anders zu helfen, sagte sie.
Die zivilisierte Welt sei auf dem Rückzug, ultimativ, sagte Annika und schenkte Tee ein, Yhin Zhen, sie hatte das Drachenservice aufgedeckt, die Temperaturen waren mild.
Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.
Ob es nicht stets dasselbe sei, fragte er, die einen würden in Luxus oder wenigstens ohne finanzielle Sorgen leben, die anderen, bei weitem die Mehrheit, seien barbarischen Zuständen ausgeliefert, es würden Kriege geführt, zu Millionen irrten die Menschen auf dem Planeten umher, und wer es sich leisten könne, suche in friedfertigen Regionen unterzukommen.
Er nahm einen Löffel Schlagsahne und strich sie sorgfältig auf seiner Pflaumenschnitte glatt.
Ob es allein die Industrienationen seien, fragte Farb, die sich aufführten, als ob die Natur ihnen gehören würde.
Schwierig, sagte Tilman, man könne darauf nicht besonders trennscharf antworten, die Industrienationen gelten nun einmal als erfolgreich, sie hätten Wohlstand geschaffen und seien für andere Nationen ein Vorbild, dem nachgeeifert werde.
Ein Irrweg, sagte Farb, damit beschreite der Mensch einen Irrweg, die Industrialisierung habe die Schätze des Planeten hemmungslos geplündert, der Planet sei heruntergewirtschaftet, die Ressourcen seien so gut wie erschöpft.
Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.
Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.
Tilman rückte näher an den Couchtisch heran und suchte eine schmerzfreie Haltung einzunehmen.
Farb tat sich einen Löffel Schlagsahne auf, strich sie auf dem Kuchen sorgfältig glatt und aß ein Stück
Wir wissen herzlich wenig, sagte Farb, doch wir bilden uns wunder was darauf ein.
Und wer weiß, ob all unser derzeitiges Wissen nicht von Grund auf irreführend ist.
Gut möglich, Tilman.
Eine neue philosophische Theorie verlangt, das Konzept von Seele gänzlich anders darzustellen, das werde massive Auswirkungen auf unser Selbstbildnis haben, der Mensch werde gleichsam neu definiert.
Interessant, sagte Annika und blätterte in ihrem Reisemagazin.
Mit stolzgeschwellter Brust nennt er seine Gegenwart Neuzeit, sich selbst kühn einen Homo sapiens und nimmt dennoch die vernichtenden Abläufe nicht wahr.
Wie ist das möglich, Gramner?
Der Mensch kann die Augen schließen, rein physisch, die Lider herunterklappen, Augen zu, und allem Anschein nach ist sein Geist ähnlich eingerichtet, seine Wahrnehmung kann hellwach, doch kann auch auf Null geschaltet sein.
Und wovon soll das abhängig sein?
Das ergibt Sinn, oder? Vor einem Anblick, der ihn quält, schließt er unwillkürlich die Augen, und auch seine Wahrnehmung sperrt sich gegen bestimmte Dinge, er tabuisiert sie.
Er will etwas nicht wahrhaben?
Er neigt dazu, manche Dinge nicht wahrzuhaben, Ausguck, zum Beispiel nimmt er nur in Ansätzen wahr, daß der Planet leidet, die Lebensgrundlagen gehen verloren, er verzeichnet die Symptome, er schweigt sich aus über Ursachen.
Er tut, was er kann.
Doch, auch der Mensch, sagte Rostock, selbstverständlich.
Er werde es nur nicht beizeiten gemerkt haben, sagte Thimbleman.
Er werde es nicht wahrhaben wollen, sagte der Ausguck.
Wem falle es leicht, sagte der Rotschopf, den kritischen Blick auf sich selbst zu richten.
LaBelle hätte gern eine Kleinigkeit gegessen.
Touste starrte unverwandt auf die Sterne.
Die Nacht in der Ojo de Liebre war mild.
Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.
Wir müssen dem Einhalt gebieten!, rief Sut. Empört euch!
Das fängt ja gut an, sagte Mahorner.
Ob das nicht eine Parole von gestern sei, wandte LaBelle ein.
Ich höre ihm gern zu, sagte Pirelli.
London lachte. Sind wir alle angeschlagen von unserer Ausfahrt heute Morgen?
Was Annika gerade lese, fragte Farb.
Pearl S. Buck, sagte Tilman, sie lebte von 1892 bis 1973, doch wie komme Annika auf diese Autorin.
Sie sei mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden, 1938, sagte Farb, ihr Werk sei nicht unumstritten.
Ihr werde ein in Teilen triviales Niveau vorgehalten, erklärte Tilman.
Sie lese ›Drachensaat‹, sagte Annika, ›Dragon Seed‹, 1942, das Geschehen spiele während des chinesisch-japanischen Krieges, der im Juli 1937 durch einen Zwischenfall südöstlich von Beijing ausgelöst worden sei, sie lese Pearl S. Buck gern, sagte sie, und sei fest entschlossen, mehr von ihr zu lesen.
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