Kurzprosa | Der Literatur Kalender 2025
»Momente der Freiheit« lautet das Motto des feinen, schön gestalteten Literaturkalenders 2025 der Edition Momente. Von BETTINA GUTIERREZ
Einst galt Prosa als Sprache der Wissenschaft. Heute lesen wir in ihr Alltagssprache und auch künstlerische fiktionale Texte. Jeden Montag in TITEL.
»Momente der Freiheit« lautet das Motto des feinen, schön gestalteten Literaturkalenders 2025 der Edition Momente. Von BETTINA GUTIERREZ
Sie sind von Sinnen.
Von wem redest du?
Gramner rede von der Moderne, er sei besessen von diesem Thema, sagte Pirelli, man müsse ihn verstehen, Ausguck.
Ich weiß, ich weiß. Der Ausguck lächelte. Die Zivilisation kollabiert. Was ist es diesmal?
Das sei nicht lustig, Ausguck, sagte Pirelli.
Der Ausguck stand auf, nahm einige Schritte Anlauf und schlug einen Salto.
Was habe er sich nur immer mit seinem Salto, fragte sich Crockeye.
Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.
Der Walfang wäre ertragreich.
Wir werden uns einige Tage gedulden müssen, Ausguck.
Ich weiß. Die Pause hat positive Seiten, oder?
Wenn du mich fragst – der Grauwal imponiert mir. Was für eine gewaltige Fluke! Alle Achtung!
Damit schlägt er jede Schaluppe kurz und klein.
Er weiß das nur nicht.
Wir werden es ihm nicht verraten, Thimbleman.
Der Ausguck lachte, stand auf und sah hinaus auf die Lagune.
Arno Schmidt war kein einfacher Zeitgenosse, aber einer der avanciertesten und kritischsten Autoren seiner Zeit. Mit vielen Autoren und Intellektuellen war er befreundet, mit einigen arbeitete er zusammen. Die Arno-Schmidt-Stiftung publiziert in schöner Regelmäßigkeit die wunderbar edierten und kommentierten Briefwechsel, etwa mit Alfred Andersch oder Eberhard Schlotter. Als sechster Band ist jetzt der Briefwechsel mit dem Philosophen Max Bense erschienen, in dem sich Schmidts einmal für die »vielen unleserlichen Postkarten« bedanken. GEORG PATZER hat den Briefwechsel gelesen.
Wer der Natur Schaden zufüge, werde selbst Schaden erleiden, sagte Gramner, so einfach sei das.
Bildoon lachte. Wenn du den Hund angreifst, schnappt er nach dir.
Oder so, sagte Gramner, wer wüßte das nicht.
Primitives Volk, sagte London, unverbesserlich, Gramner zeichne den Menschen der sogenannten Moderne.
Wie blind könne man sein, sagte Thimbleman.
Wie schön!
Die Dinge bewegen sich, Annika, sie nehmen Fahrt auf.
Das kann man so sehen.
Die Glut bricht durch die Oberfläche, die verkrusteten Verhältnisse werden aufgeweicht.
Ein Lebenszeichen.
Herrlich, sagte Farb, man möchte meinen, der Planet wache auf.
Oder einfach nur, daß er sich in seiner Ruhe gestört fühle.
Farb lachte. Wut und Ärger als Beweggrund, mag sein, jedenfalls reagiere er höchst lebendig, er sei erzürnt, wer könne ihm das verübeln.
Nein, Wette läßt sich diesmal entschuldigen, sagte Annika.
Ob er Wichtigeres vorhat, fragte Farb.
Er hat eine mail geschickt, er sei mit Setzweyn eine Woche bei der Karttinger zu Besuch, sie habe sie in die Vendée eingeladen.
Tourismus?
Die Karttingers haben dort einen Zweitwohnsitz, sagte Annika.
Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf,
Tilman reichte ihm eine Löffel Schlagsahne.
Dazu hat er nichts gesagt?
Kein Sterbenswörtchen, nein.
Hm.
Vielleicht möchte er die Einzelheiten gar nicht wissen.
Hört sich aber nicht gut an.
Der Ausguck nahm einige Schritt Anlauf, schlug einen Salto, kam diesmal jedoch unglücklich auf, stolperte, setzte sich und hielt sich den Fuß.
Der Karttinger werde es recht sein, sagte Wollmann.
Nichts, sagte Nahstoll und winkte ab, kein Problem.
Farb hatte am Vormittag ein Blech Pflaumenkuchen gebacken und tat sich eine Schnitte auf.
Das Haus in der Vendée sei ihre Zuflucht, sagte Setzweyn, ihr Rückzugsort, und es sei absolut verständlich, daß sie peinlich genau achtgebe, wen sie als Besucher einlade.
Sie meide schon das geringste Licht von Öffentlichkeit, sagte Wollmann.
Schwierig, widersprach Nahstoll, ihr Verhalten sei aller Ehren wert.
Ob es Feigheit sei, fragte sich Thimbleman.
Eldin legte einen Scheit Holz nach, die Flammen schlugen hoch.
Der Ausguck tauchte aus der Dunkelheit auf und setzte sich neben Thimbleman.
Crockeye wandte sich entnervt ab. Was hatte der Ausguck immer mit seinem Salto.
Die späte Moderne sieht bedrohliche Zeiten auf sich zu kommen, sagte LaBelle, wer hätte da keine Angst.
Der Panikmodus greift um sich, sagte Rostock.
Nicht unser Problem, sagte Bildoon, unser Thema ist die Verwahrlosung der Stadt San Francisco, die Gesetzlosigkeit, die Flut der Goldgräber.
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