Film | TV: Polizeiruf ›Morgengrauen‹ (BR), 24. August Liefert uns ›Morgengrauen‹ diesmal den ambitionierten Versuch, aus eingefahrenen ›Polizeiruf 110‹-Spuren auszubüxen? Oder mehr noch, man will diesen Kommissar neu erfinden? Kann ja sein. Er nennt sich diesmal nicht mehr »von«. Jedenfalls nicht durchgängig. Und es ist angekündigt, dass er sich verliebt. Meuffels? Verliebt? Von WOLF SENFF
Gesellschaft | M. Metz, G. Seeßlen: Geld frisst Kunst. Kunst frisst Geld Beim Lesen dieser umfassenden Darstellung von Kunst in der Gegenwart kommt immer wieder die Frage auf, ob die geschilderten Phänomene nicht der Kunst ebenso wie dem Fußball zu eigen sind oder der Schauspielerei. Überhaupt fällt auf, dass Markus Metz und Georg Seeßlen einzelne Kunstwerke nur im Ausnahmefall erwähnen. Es geht in neoliberalen Zeiten um das neue Besondere von Kunst, das in der Ökonomie der Kunst bzw. in der Aneignung der Kunst durch Ökonomie sichtbar wird – ein Frontalangriff, der sie fundamental veränderte. Von WOLF SENFF
Sachbuch | Alastair Brotchie: Alfred Jarry. Ein pataphysisches Leben Pataphysik ist ein Thema mit doppeltem Boden, mindestens. »Die Schmerzen in Ihrem linken Schultergelenk«, diagnostiziert die Ärztin, »sind altersbedingt.« – »Unmöglich«, widerspricht der Patient, »die rechte Schulter ist doch ebenso alt und sie tut nicht weh.« Hm. Oder anders: Weshalb bleibt ausgerechnet die Teekanne, die seit Jahren einen Sprung hat, länger heil als diejenige, die die ganze Zeit lang immer heil war? Diese Art Fragen treiben uns um. Von WOLF SENFF
Sachbuch | Gabriel Zucman: Steueroasen Hoeneß, JVA Landsberg, ist eine Mücke, vergleicht man ihn mit denjenigen, die real die Beträge verschieben. Gut, eine Mücke sticht, sie überträgt leidige Krankheiten. Aber der grandios inszenierte Bouhaha, der um die Steuer-CDs veranstaltet wurde, hat bei den tatsächlich Vermögenden, wenn überhaupt, ein gelangweiltes Schmunzeln verursacht. Von WOLF SENFF
Gesellschaft | Dilger / Fatheuer / Russau / Thimmel: Fußball in Brasilien: Widerstand und Utopie Südafrika 2010 sind »die Einnahmen der Fifa gegenüber der letzten WM in Deutschland im Jahr 2006 um mindestens fünfzig Prozent gestiegen«. Da wussten sie doch, die Brasilianer, was sie erwarten würde. Oder? Aber Lula, bis 2010 Präsident Brasiliens, war offenbar närrisch, wenn es um Fußball ging. Von WOLF SENFF
Ausstellung | Rembrandt Bugatti: Alte Nationalgalerie Berlin, 28. März bis 27. Juli 2014 Was immer du unternimmst, du kommst zu spät, so ist das Leben. Mit dieser Ausstellung hatte ich Glück, sie lief noch, nur der Name des Museums war mir nicht mehr geläufig, die Museen verwechselt man schon mal, sie heißen auf der Insel alle gleich: Altes Museum, Neues Museum, Neue Nationalgalerie, Bode-Museum, Alte Nationalgalerie – wer soll sich da zurechtfinden? Von WOLF SENFF [Titelfoto:Rembrandt Bugatti, Großer Ameisenbär (Le grand fourmilier), Detail, 1909, Bronze, 36 x 41 x 21,5 cm, Privatsammlung, Foto: privat]
Gesellschaft | Mirian Goldenberg: Untreu Gender-Forschung ohne Konfrontationskurs? Starker Tobak. Mirian Goldenberg versteht sich als Anthropologin, sie führt umfangreiche Forschungsvorhaben durch und beschäftigt sich in ihren zahlreichen Publikationen durchgängig mit dem Verhalten brasilianischer Mittelschichten, was Liebe, Begehren, Ehe, Familie und Treue betrifft. Legen wir das ungelesen beiseite ins Regal für Spießbürger? Mal halblang, meint WOLF SENFF.
Film | Im TV: Polizeiruf 110, ›Abwärts‹ (MDR), 6. Juli Babys legen vor der Kamera stets eine fröhliche Miene auf. Dieses Baby verweigert sich? Das gibt zu denken. Der Sonntagabend-Krimi liefert triste Realität? Von Jochen Drexler (Sylvester Groth) wird niemand behaupten, er wolle glänzen, groß herauskommen, den Larry machen. Nicht mal lustig will er. Er macht seinen Job. Nicht mehr, nicht weniger. Von WOLF SENFF[Foto:MDR/Oliver Feist]
TITEL-Thema | Brasilien 2014 ›Die Jungs‹ sind eingeschnappt. Es entsteht eh der Eindruck, dass sich die Reifeprozesse generell verzögern, oder, anders, die langjährige und intensive Teilhabe an Spaßgesellschaft trägt dazu bei, dass fröhliche, unbeschwerte Kindlichkeit länger als üblich ihr Unwesen treibt. Man fühlt sich gut so infantil, man zickt herum, das kompliziert die Dinge. Von WOLF SENFF
Kulturbuch | Lea Gamula, Lothar Mikos: Nordic Noir Wer konzentriert schaut, sieht am Horizont so etwas wie grenzüberschreitende europäische Kultur heraufdämmern, kann durchaus sein. ›Nordic Noir‹ beschreibt in Anlehnung an den »Film Noir« der vierziger, fünfziger Jahre eine Tradition skandinavischen Kriminalfilms seit den späten neunziger Jahren, im Vorlauf der Kriminalromane stufen wir Maj Sjöwall und Per Wahlöö als Geburtshelfer ein, deren international erfolgreiche Roman-Reihe der sechziger und siebziger Jahre ebenso erfolgreich verfilmt wurde. Von WOLF SENFF

