Kurzprosa | Der Literatur Kalender 2025
»Momente der Freiheit« lautet das Motto des feinen, schön gestalteten Literaturkalenders 2025 der Edition Momente. Von BETTINA GUTIERREZ
»Momente der Freiheit« lautet das Motto des feinen, schön gestalteten Literaturkalenders 2025 der Edition Momente. Von BETTINA GUTIERREZ
Verletzungen kleiner Art gehören zum Kinderalltag. Pflaster drauf und vergessen. Aber eigentlich ist so ein Unfall unfassbar spannend, wenn man mal genau hinschaut, findet ANDREA WANNER.
Ein Roman von Ross Thomas (1926 – 1995) kann eigentlich nicht dick genug sein. Wer diese Meinung teilt, wird an dem vorletzten Band der verdienstvollen Ross-Thomas-Werkausgabe des Berliner Alexander Verlages seine helle Freude haben. Denn in der vollständigen deutschen Neuübersetzung von Gisbert und Julian Haefs ist Thomas‘ im Original mit der von Mark Twain entliehenen Titelzeile The Fools in Town Are on Our Side überschriebener Roman aus dem Jahre 1970 sage und schreibe 580 Seiten lang. Dass die erste deutsche Ausgabe unter dem Titel Unsere Stadt muss sauber werden (Ullstein 1972) gerade einmal 144 Seiten zählte, sagt wohl alles über den bisherigen Umgang mit einem der Top-Thrillerautoren des letzten Jahrhunderts aus. Gottseidank ist die üble Kürzerei, die vom unverwechselbaren Stil des Autors nicht viel übrig ließ, nun vorbei. Endlich kann auch Ross Thomas‘ sechster Roman, der zu keiner seiner Reihen zählt, von seinen heutigen Leserinnen und Lesern so rezipiert werden, wie er vor über fünfzig Jahren geschrieben wurde. Und natürlich ist das erneut ein großartiges Leseerlebnis. Von DIETMAR JACOBSEN
Karl und Rosa leben mit ihren Eltern auf einem Hof. Das Leben ist nicht einfach, viel Abwechslung gibt es nicht. Aber es reicht zum Leben, Überschüssiges wird auf dem Markt verkauft und sie sind zufrieden. Es soll nicht so bleiben. Von ANDREA WANNER
Sie sind von Sinnen.
Von wem redest du?
Gramner rede von der Moderne, er sei besessen von diesem Thema, sagte Pirelli, man müsse ihn verstehen, Ausguck.
Ich weiß, ich weiß. Der Ausguck lächelte. Die Zivilisation kollabiert. Was ist es diesmal?
Das sei nicht lustig, Ausguck, sagte Pirelli.
Der Ausguck stand auf, nahm einige Schritte Anlauf und schlug einen Salto.
Was habe er sich nur immer mit seinem Salto, fragte sich Crockeye.
Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.
Wie wurde aus einem kritisch beäugten Zeitvertreib ein weltweit beachtetes Kulturgut? Im Interview mit den Machern des ersten Computerspielemuseums spricht RUDOLF INDERST über die Geschichte einer Kulturinstitution, die Herausforderungen der digitalen Bewahrung und ihr neues Buch darüber.
Heinz Strunks neuer Roman taucht tief in die Abgründe und Absurditäten einer Heilanstalt ab, in der »jede Wunderlich-, Bockig-, Schrulligkeit toleriert« wird und eigene Gesetzmäßigkeiten gelten. Ob thematische Anleihen und ein geschickt gewähltes Erscheinungsdatum die wagemutige Titelgebung Zauberberg 2 legitimieren, hängt vom Blickwinkel ab. Von INGEBORG JAISER
Ein windschiefes altes Haus, das ewig leer stand und in das keiner einziehen wollte, wird das neue Zuhause von Sam, ihren beiden älteren Brüdern Gabriel und Fleming und ihrer Mutter. Gørja ist auf den ersten Blick eine ganz normale kleine Stadt, auf den zweiten Blick gibt es dort jede Menge Geheimnisse und ungelöste Rätsel. Das wäre eine superspannende Sache, gäbe es da nicht einen schrecklichen Verdacht. Von ANDREA WANNER
Gleich zwei wunderschöne Bilderbücher beschäftigen sich ausgiebig mit dem Nichts – und mit seinem Gegenteil, dem Alles. Da kommt man ganz schön ins Nachdenken über etwas, das nicht so wenig ist, wie es auf den ersten Blick scheint, findet ANDREA WANNER.
Der Walfang wäre ertragreich.
Wir werden uns einige Tage gedulden müssen, Ausguck.
Ich weiß. Die Pause hat positive Seiten, oder?
Wenn du mich fragst – der Grauwal imponiert mir. Was für eine gewaltige Fluke! Alle Achtung!
Damit schlägt er jede Schaluppe kurz und klein.
Er weiß das nur nicht.
Wir werden es ihm nicht verraten, Thimbleman.
Der Ausguck lachte, stand auf und sah hinaus auf die Lagune.
Was für ein eindrucksvolles literarisches Debüt! »Die eindringliche, literarisch anspruchsvolle Schilderung des DDR-Alltags und die vielschichtige Charakterzeichnung Utas«, hat die Jury des Jürgen Ponto-Preises Clemens Böckmanns ersten Roman bereits vor dessen Veröffentlichung gerühmt. Von PETER MOHR
Arno Schmidt war kein einfacher Zeitgenosse, aber einer der avanciertesten und kritischsten Autoren seiner Zeit. Mit vielen Autoren und Intellektuellen war er befreundet, mit einigen arbeitete er zusammen. Die Arno-Schmidt-Stiftung publiziert in schöner Regelmäßigkeit die wunderbar edierten und kommentierten Briefwechsel, etwa mit Alfred Andersch oder Eberhard Schlotter. Als sechster Band ist jetzt der Briefwechsel mit dem Philosophen Max Bense erschienen, in dem sich Schmidts einmal für die »vielen unleserlichen Postkarten« bedanken. GEORG PATZER hat den Briefwechsel gelesen.
Wer der Natur Schaden zufüge, werde selbst Schaden erleiden, sagte Gramner, so einfach sei das.
Bildoon lachte. Wenn du den Hund angreifst, schnappt er nach dir.
Oder so, sagte Gramner, wer wüßte das nicht.
Primitives Volk, sagte London, unverbesserlich, Gramner zeichne den Menschen der sogenannten Moderne.
Wie blind könne man sein, sagte Thimbleman.
Eigentlich hat ihn der deutsche Abwehr-Mann Adrian de Groot – von Hause aus Philologe, Literaturkenner und Übersetzer – 1940 aus einem spanischen Gefängnis nach Berlin geholt, damit er eine wichtige Rolle bei der geplanten deutschen Invasion Großbritanniens spielen kann. Denn Proinnsias Pike war gut vernetzt in der irischen IRA-Szene, bevor er sich den Internationalen Brigaden in Spanien anschloss und dort in Gefangenschaft geriet. Nun könnte er den Nazis von Nutzen sein, die sich auf der Suche nach Verbündeten auf der Insel befinden und dazu auf die jahrhundertealte Abneigung der Iren gegenüber den Engländern aufzubauen gedenken. Der Plan ist gut überlegt – aber haben sich die Deutschen tatsächlich den Richtigen für seine Umsetzung ausgesucht? Von DIETMAR JACOBSEN
»Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter, eine immer schöner als die andere.« So beginnt das Märchen ›Die zertanzten Schuhe‹, zu finden in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. ANDREA WANNER gefiel die Umsetzung von Patricia Thoma in ihrem gleichnamigen Bilderbuch besonders gut.
Musik erzählt Geschichte. Manchmal ist das ganz einfach: man muss nur dem Text zuhören. Manchmal steckt die Story aber auch ein bisschen versteckter im Rhythmus und der Melodie. Da braucht es dann offene Ohren – und offene Augen, den hier gibt’s Comics zu einer bunten Auswahl von Musik von Beethoven und Manfred Krug bis zu den Ärzten und Gioachino Rossini, freut sich ANDREA WANNER
Wie schön!
Die Dinge bewegen sich, Annika, sie nehmen Fahrt auf.
Das kann man so sehen.
Die Glut bricht durch die Oberfläche, die verkrusteten Verhältnisse werden aufgeweicht.
Ein Lebenszeichen.
Herrlich, sagte Farb, man möchte meinen, der Planet wache auf.
Oder einfach nur, daß er sich in seiner Ruhe gestört fühle.
Farb lachte. Wut und Ärger als Beweggrund, mag sein, jedenfalls reagiere er höchst lebendig, er sei erzürnt, wer könne ihm das verübeln.
Die Band Funkenflug bringt mit ihrer ersten EP so einiges auf den Punkt. Wie es zu der Platte kam, erzählen sie MARC HOINKIS im Interview.
»Eigentlich kann ich beim Schreiben den Kopf verlieren«, heißt es in einem der späten Gedichte von Friederike Mayröcker aus dem Jahr 2019. Der Suhrkamp Verlag hat nun pünktlich zum 100. Geburtstag einen opulenten Band mit Arbeiten aus der letzten Schaffensperiode vorgelegt – chronologisch angeordnet und mit einem respektvoll-klugen Nachwort von Marcel Beyer versehen. Von PETER MOHR
Er war schon sechzig Jahre alt, als ihm 2006 mit seinem euphorisch gefeierten Roman Melnitz, der vom Schicksal einer jüdischen Familie in der Schweiz über mehrere Generationen von 1871 bis 1946 erzählt, der literarische Durchbruch gelungen ist. Dabei hat Charles Lewinsky, der einige Jahre als Redakteur und Ressortleiter der Sendung »Wort-Unterhaltung« des Schweizer Fernsehens gearbeitet hatte, schon früher viel geschrieben: sein erstes Theaterstück mit 16, den ersten (unveröffentlichten) Roman mit Anfang zwanzig, später Theaterstücke, Sketche fürs Fernsehen, erfolgreiche TV-Drehbücher, an die 700 Liedtexte und das Drehbuch für den von Oliver Hirschbiegel in Szene gesetzten Kinofilm Ein ganz gewöhnlicher Jude mit Ben Becker. Von PETER MOHR
Was macht mit Frau Spinne mit dem einen ihrer zahlreichen Kinder, das einfach nicht in der Lage ist, ein vernünftiges Netz zustande zu bringen. Frau Wurm hat einen Vorschlag, der gleich in die Tat umgesetzt wird. Von ANDREA WANNER
Krieg verändert das Leben der Menschen plötzlich. Angst, Trauer, Wut und Hilflosigkeit machen sich breit, für viele bedeutet Krieg den Verlust ihrer Heimat. Auch die Familie der 14-jährigen Marzia muss fliehen. Und ihre wirren Gedanken und Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen vertraut sie einem improvisierten Tagebuch an. Von ANDREA WANNER
Weshalb nicht Ziegen, wollte Tilman wissen.
Annika griff zu ihrer Tasse und trank einen Schluck Tee. Die Kanne trug wie die Tasse als Dekor einen rostroten Drachen. Ob ein Stövchen mit diesem Motiv erhältlich wäre, lindgrün?
Sie war vernarrt in diesen Drachen, er war zierlich und anmutig wie jener von Hergé aus dem Blauen Lotus in Shanghai, hunderttausend Höllenhunde, einer Schlange, so wird erzählt, wüchsen Füße, sobald sie das Alter von zweihundert Jahren erreicht habe, und sogar Flügel, wird erzählt, fledermausartige Flügel, auf diese Weise entstünde der Drache – geheimnisvolle Geschöpfe existierten unter den Himmeln.
Annika erschrak. Ziegen, fragte sie.
Ludwig Hanisch verwebt in seiner Kunst die digitale Welt der Computerspiele mit analogen Techniken. Im Interview mit RUDOLF INDERST erzählt der Kulturpreisträger, wie »Highscores« und »Ghosts« seine Werke prägen, warum ihn alte JRPGs inspirieren und wie er das Konzept von Remakes und Demakes in die Malerei übersetzt.
Das kann noch nicht alles gewesen sein, ahnt man nach dem letzten Band aus Joachim Meyerhoffs autobiographischem Zyklus Alle Toten fliegen hoch. Nach einem Schlaganfall und emotionalen Ausnahmesituationen flieht der Schauspieler zurück zum mütterlichen Rückzugsort. Nicht nur im familiären Kosmos liegt vieles nah beisammen: Komik und Tragik, Übermut und Absturz, doch Man kann auch in die Höhe fallen. Von INGEBORG JAISER
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